Als menschenscheu wie Greta Garbo hatte Spies, die New Yorker Kunstkritik zitierend, ihn geschildert, zur Erheiterung des Publikums in Frankfurt.

Anzeige

Doch überwand Kiefer diese Scheu jedenfalls und trat, auf sympathische Weise ein wenig linkisch, mit großem Ernst auf, ganz und gar uneitel. Bemüht, seinem Text ebenso wie dem zuhörenden Publikum treu zu bleiben, schoss sein Gesicht zwischen Saal und Blatt auf und nieder.

Er hielt, was man eine gute schlechte Rede nennen möchte. Von einer solchen hat man auf alle Fälle mehr als von einer schlechten guten. Der Literatur erwies er hohe Achtung; höhere teilweise, als seine ausgedehnten lyrischen Zitate von Celan und Bachmann sie verdienten.

Es schien hier eine merkwürdige Zeitverschiebung zugange: In jener Epoche, da im Sinne von Spies der eskapistische Flachsinn des abstrakten Expressionismus triumphiert und im schuldbeladenen Deutschland nur allzugern aufgegriffen wird, entsteht zugleich eine Literatur, die sich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit keineswegs erspart.

Bilder, die einander bedrängen

Sie wirkt auf den jungen Kiefer und tritt damit in ihre Latenzphase ein. Mit Kiefers reifem und anerkanntem Werk verwandelt sie sich, während schon keiner mehr die ollen Kamellen lesen mag, auf einmal und verschwistert sich symbiotisch mit der Kunst; nachträglich erweist sie sich als das wahrhaft Zeitgenössische, während das vormals Moderne oder Modische dahinwelkt.

Das allerdings musste man schon selbst heraushören, denn Kiefer lag alle Polemik und Ranküne völlig fern. Seiner Rede zu folgen, die sehr vieles einschloss, war nicht immer ganz leicht; und doch entstand in Bildern, die einander bedrängten, ein mächtiger Entwurf jenes idealistischen Materialismus, der sein Werk trägt und grundiert.

Wofür er den Preis (dotiert mit 25.000 Euro) jetzt aber genau gewonnen hat, darüber konnte man auch am Ende im Zweifel bleiben. Natürlich zuerst einmal deswegen, weil sein Gesamtwerk die Auseinandersetzung mit den Wunden der Geschichte gesucht und damit deren Heilung gefördert hat.

Die Begründung der Jury hielt aber auch fest, dass er, weil bei ihm so oft Bücher vorkommen, die Form des Buchs als "Ausdrucksträger" verteidigt und des weiteren entscheidend dazu beigetragen habe, die "unverbindliche Ungegenständlichkeit" der zeitgenössischen Kunst zu überwinden.

Das sind drei Fliegen mit einer Klappe, mithin möglicherweise zwei zu viel. Als würdiger Preisträger ist Anselm Kiefer am Sonntag in der Paulskirche dennoch in Erscheinung getreten.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Kühner als Greta Garbo
  2. Sie lesen jetzt Kühner als Greta Garbo
Leser empfehlen 

(SZ vom 20.10.2008/pak)