Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo Worte, die wie Schläge sind

Die chinesische Literatur wird bis heute von der Zensurbehörde beobachtet, gegängelt und kontrolliert. Die Schriftsteller lässt man dabei oftmals unbehelligt - man beraubt sie stattdessen ihrer Kanäle.

Von Alex Rühle

Es erscheinen 150 000 Bücher pro Jahr, es gibt zig Millionen chinesischer Seiten im Internet und so viele Blogs wie nirgends sonst auf der Welt - auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es in China keine Zensur mehr gibt. Und viele der Schriftsteller, die unbehelligt schreiben dürfen, führen ihre verlegten Bücher als Beweis dafür an, dass sie in China in der besten aller Welten leben.

Autoren wie Liu Xiaobo, die es wagen über eines der "drei T" zu schreiben - Tibet, Taiwan, Tiananmen -, werden verfolgt - und von ihren Schriftstellerkollegen oftmals rundheraus verleugnet.

(Foto: dapd)

Autoren, die aufbegehren, die es wagen über eines der "drei T" zu schreiben - Tibet, Taiwan, Tiananmen - oder versuchen, die riesigen blinden Flecken der Geschichte in den Blick zu nehmen, werden von diesen Schriftstellern oftmals rundheraus verleugnet. Die Leiterin des chinesischen PEN-Clubs behauptete bei einer Begegnung im vergangenen Sommer sogar, nie im Leben von Liu Xiaobo gehört zu haben. Das müsse ein Irrtum sein, sagte sie, einen Schriftsteller dieses Namens gebe es nicht.

Womit sie in gewisser Weise sogar recht hat: Offiziell gibt es diese Menschen und ihre Texte gar nicht. So wie Tsering Woeser, die Frau, die es wagt, über Tibet zu schreiben: Ihr Blog wurde geschlossen, ihre Texte sind verboten, sie durfte noch nie aus China ausreisen. Oder Liao Yiwu, der Autor und Straßenmusiker aus Sichuan, der sich selbst als "die Stimme der einfachen Leute" definiert. Und sein Schreiben als "Bewahren von Erinnerungen"; Erinnerungen, die die Regierung lieber getilgt wüsste: Seine mehr als 300 Texte, die jeweils ein ganzes Leben an den Rändern der chinesischen Gesellschaft kondensieren, zirkulieren nur in Raubkopien auf dem Schwarzmarkt. Schließlich spuken durch diese Texte die 30 bis 40 Millionen Menschen, die während des Großen Sprungs nach vorne verhungerten, die unglaublich destruktiven Kräfte der Kulturrevolution, kurzum all die düsteren Kapitel der jüngeren Geschichte, die kollektiv verschwiegen werden.

Liu Xiaobo und seine Mitstreiter schrieben in der Charta 08: "Wir sollten die Praxis beenden, Worte als Verbrechen anzusehen." Wie sehr die chinesische Literatur bis heute beobachtet, gegängelt, kontrolliert wird, zeigt sich schon an der Tatsache, dass der ganze Betrieb der obersten Zensurbehörde untersteht. Andererseits wissen die Behörden auch, dass Verhaftungen und sichtbare Repressalien den Autoren oftmals Publicity einbringen (bestes Beispiel ist ja nun der frischgekürte Liu, der bis zum heutigen Tag nur wenigen Menschen bekannt gewesen sein dürfte). Weshalb man die Schriftsteller oftmals unbehelligt lässt.

Dafür werden stattdessen in aller Stille die Redakteure und Herausgeber bestraft, Medien und Verlage geschlossen. Was den effizienten Nebeneffekt hat, dass die Autoren keinerlei Kanäle mehr haben, wenn die Medien gehorchen. Genau aus diesem Grund bezeichnete Liu Xiaobo das Internet vor einigen Jahren mal als "Gottes Geschenk an China". Seine Charta 08, der er den Nobelpreis zu verdanken hat, zirkuliert noch immer im Netz.