Friedensbewegung "Das Peace-Zeichen ist eigentlich super zeitgemäß"

US-Präsident Richard Nixon, umgeben von einem Meer aus Peace-Zeichen, bei einer Demonstration im Oktober 1970.

(Foto: AP; Bearbeitung SZ)

Vor sechzig Jahren wurde das Peace-Zeichen erfunden. Ein Werber erklärt, warum das Symbol der Friedensbewegung ein schlechtes Logo ist - und trotzdem so gut funktioniert.

Interview von Julian Dörr

Till Eckel ist Kreativ-Geschäftsführer bei der Werbeagentur Jung von Matt/Spree.

SZ: Herr Eckel, ist das Peace-Zeichen ein gutes Logo?

Till Eckel: Es gibt da ein Problem. Das Peace-Zeichen ist nicht selbsterklärend. Man checkt es nicht so wirklich. Die meisten Logos bestehen aus einem Namen oder einer Abkürzung, VW zum Beispiel. Dann gibt es noch Logos, die den Namen als Symbol umsetzen. Apple wäre da ein klassisches Beispiel. Und dann gibt es sowas wie die Deutsche Bank mit der Kurve, die nach oben geht. Das lässt sich alles immer ganz gut aus dem Kontext erklären. Das Peace-Zeichen hingegen versteht man nur, weil man weiß, was damit verbunden sein soll.

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Der britische Designer Gerald Holtom hat es 1958 für den ersten Ostermarsch gegen nukleare Aufrüstung entworfen. Der Strich in der Mitte und der Winkel sollen für die Buchstaben "N" und "D" aus dem Winkeralphabet stehen - also für "Nuclear Disarmament".

Eben, ein Flaggenalphabet. Das versteht kein Mensch. Als Logo ist das Peace-Zeichen weder eindeutig noch schnell zu verstehen.

Trotzdem hat es seinen Weg gefunden von den britischen Ostermärschen über die Hippie-Bewegung bis zur Ikone. Warum hat gerade dieses Symbol so gut funktioniert?

So kompliziert das Friedenszeichen zu verstehen ist, so leicht ist es zu malen. Das kann ja sogar ich und ich bin kein begnadeter Designer. Ein großer Vorteil für ein Symbol, das Leute auf Demos einsetzen. Das ist der eine Punkt. Ein weiterer ist: Das Peace-Zeichen war das erste Erkennungszeichen einer neuen Bewegung. Der Marsch gegen nukleare Aufrüstung wird mit diesem Zeichen verbunden. Und jeder Marsch, der auf diese Idee einzahlt, der nimmt wieder dieses Zeichen. So wird es zum Selbstläufer. Dann ist nicht mehr wichtig, was es bedeutet. Sondern nur, wofür es steht: Frieden. So funktioniert langfristige Kommunikation in der Werbebranche: Wenn Sie lange genug Dinge mit bestimmten Symbolen verbinden, hat es irgenwann jeder gelernt.

Ist es der Traum eines Designers, etwas zu schaffen, was so über seinen ursprünglichen Kontext hinauswächst wie das Peace-Zeichen?

Klar. Jeder Werber und vor allem jeder Designer ist ja gerne mal Gestalter und Künstler. Aber hier handelt es sich um einen Sonderfall. Das Peace-Zeichen steht für etwas. Ein normales Logo steht ja erstmal nur für eine Marke. Der Nike-Swoosh aber hat es zum Beispiel geschafft, irgendwann für eine Lebenseinstellung zu stehen. Für eine Marke ist das aus Kommunikationssicht natürlich ein Traum. Aber auch für einen Designer, weil er was geschaffen hat, das Menschen benutzen.

Wenn man sich heute auf Demonstrationen umschaut, ist das Peace-Zeichen bei weitem nicht mehr so präsent. Ist es als Symbol nicht mehr zeitgemäß?

Das ist tatsächlich ganz spannend. Wenn Sie sich heute Logos von Marken anschauen, merken Sie, dass die alle wieder von 3D zurück auf 2D gehen. Das Logo der Automarke Mini zum Beispiel, das hatte früher auch so eine leichte dreidimensionale Haptik. Aber die Marken werden mit ihren Logos alle wieder flach, weil das online viel leichter darzustellen ist. Der Trend geht wieder 2D. Das Peace-Zeichen ist eigentlich super zeitgemäß. Vielleicht ist das Zeichen deshalb nicht mehr so oft gesehen, weil es heute viel mehr Bewegungen und somit auch Zeichen gibt. Das ist durch die sozialen Medien bedingt, die das "Versammeln" einfacher machen. Auch #MeToo ist ja letztendlich das Zeichen einer Bewegung.

Wenn Sie heute das Logo einer Friedensbewegung gestalten müssten, was wäre Ihr Ansatz?

Ich würde versuchen, etwas Positives zu schaffen. Das Peace-Zeichen ist in seinem Ursprung ja eine Verneinung. Gegen nukleare Aufrüstung. Die Regenbogenflagge hingegen steht für Akzeptanz, Toleranz und Vielfalt - etwas zutiefst Positives. Auch der Nike-Swoosh hat durch seine Bewegung und seine Dynamik etwas sehr Positives. Ich würde schauen, ob ich, statt gegen etwas zu sein, für den Frieden sein könnte. Und das in ein Symbol übertragen. Weil es leichter ist, die Leute für etwas zu versammeln als gegen etwas.

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