Freikörperkultur Nackt ist nicht nackt genug

FKK hat eine steile Karriere hinter sich: Heute kann man sich fast überall nackt im Gras wälzen - und keiner guckt mehr hin. Hier ein paar Ideen für alle, die nackt sein und trotzdem auffallen wollen.

Von Michaela Förster

Wären Menschen dazu bestimmt, nackt zu sein, wären sie so geboren worden. (Oscar Wilde)

Deutschland, Mai 2007, die ersten unmittelbaren Auswirkungen des Klimawandels sind bereits sichtbar. Früher als üblich wird der blasse Bierbauch - und nicht nur der - gen Sonne gereckt. Auf Grünflächen und an Gewässern tummeln sie sich wieder, unsere Freikörperkulturler. Aber etwas ist noch anders, und das liegt nicht am verfrühten Einbruch des Sommers.

Hier und da glitzert und funkelt es vom Territorium der Nackedeis hinüber zu den Badebekleidungsträgern. Die Nudisten geben nicht etwa Morsezeichen, um auch den Rest des Badeufers zur Nacktheit aufzufordern. Was gelegentlich aufblitzt ist Körperschmuck, der links des Eisbaches und der Isar in München immer offensiver und protziger zur Schau getragen wird. Ob als Piercing durch sämtliche Körperteile - auch die empfindlichen - oder als aparter Ring zum Überstreifen für den Mann: Der auffällige Körperschmuck beim Nacktbaden und -sonnen ist im Kommen.

Alles ist erlaubt. Die Schmuckstücke sind oftmals so mit Strasssteinchen überladen, dass man auf einige Entfernung der Illusion erliegt, es trüge jemand eine Discokugel als Badehose. Bei näherer Betrachtung und unter dem Schutze der Sonnenbrille ist zu erkennen, dass dieses pompöse Funkeln von einem Penisring ausgeht.

Der Otto-normal-Sonnenbader fragt sich, was der ganze Zinnober soll. Eigentlich geht es beim Nacktsonnen um die Freiheit von der Kleidung und um nahtlose Bräune. Doch so behängt, wird das mit dem nahtlos ein schwieriges Unterfangen.

Mit dem "Nudistenschmuck" scheint es sich zu verhalten wie mit jeder Modeerscheinung in unserer schnelllebigen Gesellschaft: Ein Trend hat sich überholt, eine Steigerung muss her. Während die FKK-Vereine überaltern und um ihre Mitgliederzahlen kämpfen, ist gleichzeitig die öffentliche Nacktheit in Deutschland zum akzeptierten Gut geworden.

Die breite Akzeptanz in der Öffentlichkeit macht ein Schattenleben innerhalb von Vereinshäusern und -gärten für die Liebhaber der völligen Nacktheit unnötig. Je prüder die Gesellschaft, desto höher ist der Rechtfertigungsdruck was Freizügigkeit betrifft. In der Enge der wilhelminischen Gesellschaft, Ende des 19. Jahrhunderts, erlebten die Vereine der "Nacktkultur" ihre Blütezeit. Wie später auch während des dritten Reichs musste die verpönte Nacktheit durch Organisation in ideologisch gefärbten Verbänden gerechtfertigt werden.

Den Sprung aus den Vereinen heraus und in den Alltag hinein schaffte die Freikörperkultur vor allem mit der Liberalisierung in den 60er Jahren. Frieden, freie Liebe und Nudismus! Die letzte Bastion der Bekleideten fällt 1980 in München im Englischen Garten: Die Masse der nach nahtloser Bräune Lechzenden ist auch von den Ordnungshütern der Stadt nicht vom Eisbach fern zu halten. Im Englischen Garten entsteht der erste urbane Nacktbadebereich, ohne Sichtschutz und mit Bier in Maßen.

Öffentliche Nacktheit wird in Deutschland als "Ordnungswidrigkeit" geahndet und mit Bußgeldstrafen belegt, jedoch drückt die Ordnungsmacht für gewöhnlich beide Augen zu. Der empfindliche Kleidungsträger kann bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt nur noch mit Blick gen Boden den Park durchqueren - und das nicht wegen der lauernden Hundehaufen auf dem Gehweg. Doch allgemein gilt: Ob als Stilmittel im Theater oder als Ausdruck des Protests auf Demonstrationen, völlige Nacktheit erregt kein Aufsehen mehr.

Da nackter als nackt nicht möglich ist, muss der Körperschmuck als neuer Blickfang her halten. Der Kampf der Nudisten um die Schamgrenze ist geschlagen. Nacktheit ist gesellschaftsfähig und alltäglich geworden. Ungeniert sonnt sich der Yuppie ohne Schlips und Schlüpfer. Fragt sich, wann Cartier die erste Kollektion für Nudisten auf den Markt bringt.