Frei-Körper-Kultur, Folge 2 Brutal in Form

Der Performer Lars Keke Altemann geht an seine psychischen und physischen Grenzen und testet dabei sein Publikum aus

Von Karen Bauer

Es ist Herbst 2011, als sich Lars Keke Altemann auf der Studio Bühne der Universität zum Nazi-Lied "Unsere Fahne flattert uns voran" von seiner Performance-Partnerin mit einem Stock prügeln lässt. Anheizer grölen das faschistische Lied mit, animieren das Publikum, die Schläge laut zu zählen. "81 Schläge dauerte es, bis jemand eingeschritten ist", erinnert sich Altemann. Danach schläft er eine Woche lang nur auf dem Bauch.

"Prätentiös" findet Altemann seine erste eigene Performance aus heutiger Sicht. Er grinst bei der Erinnerung daran. "Love me Abramović" lautete der Titel, eine Hommage an die serbische Künstlerin. Zur Körperperformance kam der heute 30-Jährige durch sein Studium der Theaterwissenschaft. Im Seminar lernt Altemann die Wiener Aktionisten kennen, entdeckt in Hermann Nitsch anarchischen Humor und bei Marina Abramović mystische Abgründe. 2012 gründet Altemann mit Stefan Natzel und Kalas Liebfried das "Collectif L'Homme Révolté". Das Wissen um die bahnbrechenden Körperperformances der Sechziger- und Siebzigerjahre inspiriert die Freunde, hemmt sie aber auch: "Wir haben viel diskutiert, bevor wir etwas gemacht haben." Aber sie machen. Und verlangen ihren Körpern so einiges ab.

Einmal balanciert Altemann eine Stunde lang auf den Zehenspitzen, um seinen Hals eine Schlinge. Eine falsche Bewegung, und sie zieht zu. Performance als Extremsport mit Nervenkitzel. Seine Freunde Natzel und Liebfried stehen daneben und schwitzen wie Altemann. Als ihm die Beine fast wegsacken, springt Liebfried herbei und hält ihn hoch, Natzel löst die Schlinge von seinem Kopf. Liebfried hält ihn noch einen Moment länger als nötig fest, setzt ihn erst dann auf dem Boden ab. Ja, Vertrauen sei schon wichtig, sagt Altemann.

Selbstentäußerung: Lars Keke Altemann, in der Videoprojektion rechts zu sehen, sucht in seinen Performances Extremerfahrungen.

(Foto: Mario Steigerwald)

Ein anderes Mal performt er sieben Tage und Nächte am Stück im Keller der kleinen Künste. Von zehn bis 22 Uhr können die Besucher zusehen, wie er das komplette Alte Testament vorliest, Telefonbücher zerreißt bis seine Finger bluten, mit einer Kette an den Füßen einen Felsbrocken über den Boden schleift. Alles, was er tut, soll aussehen, als wäre es das Wichtigste überhaupt. Altemann liebt die rituelle Ästhetik: "Den Dingen Heiligkeit verleihen, obwohl sie keine haben - das ist für mich Performance." In den sieben Tagen wird Altemann Teil des Kellers, geht an die Grenzen seiner physischen und psychischen Erschöpfung. Die Schmerzen nehme er im Augenblick der Performance gar nicht wahr, erzählt er. Wenn Altemann performt, vertieft er sich in die simple Aufgabe. So gelangt er in einen Rauschzustand. "Einfach geil" fühle es sich an, wenn alle anderen Gedanken verschwinden. Die Aufgabe ist sein Mantra, Performance seine Meditation. "Nur cooler, weil es auch spannend ist zuzusehen", sagt er und grinst.

Der Oberkörper des Performance-Künstlers ist muskulös. Altemann trainiert regelmäßig, macht Liegestützen, Sit-ups und Klimmzüge. Seine Performances erfordern körperliche Fitness. Manche haben Spuren hinterlassen: Auf Altemanns linker Schulter erinnert eine Narbe an die drei Schnitte, die ihm seine Partnerin während einer Performance in Berlin zugefügt hat. Um seinen Hals hängt ein Rosenkranz mit schwarzen Perlen und hölzernem Kruzifix. Religiös sei er nicht, aber er mag die katholische Kunst: "Kreuzigung und andere Martyrien - was kann es Performativeres geben." Narzissmus und eine gewisse Lust am Exhibitionismus gesteht er ein: "Mit Sicherheit möchte man auch zeigen, wie toll man ist."

Frei-Körper-Kultur

Sie geben sich die Blöße: Junge Münchner Performer. SZ-Serie, Folge 2

Das Publikum spornt ihn an. Wie Altemann sich verausgabt bis hin zur Selbstverletzung, das fasziniert die Zuschauer und stößt sie gleichzeitig ab. Und mehr will Altemann ja auch gar nicht. Es geht ihm nicht darum, seinen Zuschauern eine bestimmte Botschaft zu vermitteln: "Dramenanalyse versaut das Theater seit 300 Jahren." Sie zu erklären, würde die Performance entzaubern, ihr die Kraft nehmen, glaubt er.

Inzwischen hat Altemann sein Masterstudium der Theaterwissenschaft abgeschlossen, beginnt demnächst seine Dissertation. Im Wintersemester bietet er einen Praxis-Workshop für Studierende an. Denn Altemann arbeitet auch als Regisseur, inszeniert nicht nur seinen eigenen sondern auch andere Körper. Wie etwa wenn er in "Zwei Materien" zwei nur mit Unterwäsche bekleidete Performer mit Seilen in Form schnürt und aufhängt. Wenn sie pendeln, sich anziehen und abstoßen, sprechen ihre Körper für sich. Zeitweise hängt einer der Performer gar kopfüber. "Ich würde nie etwas verlangen, was ich nicht auch machen würde", sagt Altemann. Doch wenn andere das performen, was er sich ausgedacht hat, dann raucht er vor Angst eine Zigarette nach der anderen. Im Moment arbeitet Altemann an der Wiederaufnahme seiner Theaterperformance über den Serienmörder Fritz Haarmann. Am 16. September ist die "Rote Reihe Nr. 8" beim Wortschau Festival im Pepper Theater in Neuperlach zu sehen.

Die Körper der kleinen Münchner Performance-Szene sind wie Altemann selbst: weiß, jung, norm-schön. Er akzeptiere jede Art von Körper, sagt Altemann, würde mit jedem ambitionierten Performer arbeiten. Seine einzige Voraussetzung: "Um gewisse Sachen zu machen, muss man fit sein." Nacktheit auf der Bühne ist für Altemann Mittel, nicht Zweck: "So sieht man die Bewegungen besser, nichts lenkt vom Körper ab." Und dann sagt er noch: "Wenn man selbstsicher ist, in dem was man tut, dann ist man nicht nackt." Es sei eine erotische Nacktheit, ja. Mit Porno-Ästhetik aber will er, der schon mal auf der Bühne Sex hatte, nichts zu tun haben: "In unseren Performances geht es um eine starke, selbstbewusste Nacktheit, nicht um Unterdrückung."

Inzwischen steht bei seinen Performances weniger Provokation im Vordergrund, als die Ästhetik des menschlichen Körpers, dessen Formen und Bewegungen. Lars Keke Altemann feiert mit seiner Kunst den Menschen in seiner Körperlichkeit: Haut als verletzliche Hülle, Knochen als fragiles Gerüst, Muskeln, deren Kraft endlich ist.