Von GERHARD MATZIG

Ehe, Kinder, Bausparvertrag: Die jungen "Neocons" sind die Antwort auf 50-jährige, die nicht erwachsen werden wollen.

Feminismus war gestern, Patriarchat vorgestern. Heute begegnen sich Männer und Frauen auf Augenhöhe. Oder etwa nicht? In der Politik, im Job und in den Medien kehrt der Geschlechterkampf unter neuen Vorzeichen zurück. Unsere Artikelserie erkundet das aktuelle Krisengebiet. Der heutige Beitrag widmet sich einem scheinbar erzkonservativen Teil der Jugend, der sich womöglich schon deshalb so biedermeierlich inszeniert, weil er von Erwachsenen und Alten umzingelt ist, die vor allem eines nicht sein wollen: alt und erwachsen. Steht uns im Zuge dieser alten Jungen auch die Renaissance alter Rollenbilder bevor?

(© Foto: LBS)

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Ein Mädchen sitzt mit seinem Vater vor einer Art Jute-statt-Plastik-Wohnwagen. Das Mädchen sieht aus, als habe ihr jemand eine vom Bulldozer überfahrene Katze als Pullover über den Kopf gezogen. Der Vater sieht aus, als hielte er den Vietnam-Krieg für ein akutes Problem, wogegen man schleunigst rebellieren müsste -- wenn man nur nicht so bekifft wäre. Das ganze Wohnwagen-Camp sieht aus, als habe jemand einen Cannabis-Blumentopf und die Attack-Gründungsurkunde zu einem Reservat für plakatives Unangepasstsein zusammengeschraubt. Im Hintergrund will eine Frau, die Anzeichen einer Feng-Shui-Überdosis zeigt, ihre Unterwäsche artgerecht zum Trocknen aufhängen. Ein Mann spielt Bongo. Die Erwachsenen grinsen.

Das Mädchen Lena aber erzählt von einer Familie, die in einem Eigenheim lebe. Der Vater Horst sagt: "Das sind doch Spießer." Dann erzählt das Mädchen von einer Dachwohnung. Der Vater sagt: "Auch Spießer."Und das Mädchen sagt: "Papa, wenn ich groß bin, dann will ich auch mal Spießer werden." Ein schöner Werbespot. Er stammt von der Landesbausparkasse und ist dermaßen erfolgreich, dass er bereits einige Awards der Werbefilmproduzenten erhalten hat. Außerdem hat er zu den "LBS-Spießerwochen" inspiriert und wird in Schulen als Spießer-T-Shirt mit dem Aufdruck "100 % Spießer" nachgefragt.

Was macht diesen Spot so populär? Vielleicht ist es die Tatsache, dass er trotz seiner comichaften Simplifizierung die Realität abbildet: die Realität einer Kulturkonversion. Wobei die Front offenbar zwischen der kleinen Lena und ihrem Papa verläuft, also zwischen den Generationen. Möglicherweise verläuft sie aber auch zwischen Mann und Frau.

Lena vertritt all jene Jugendlichen, die mittlerweile als "Neocons" der Jugendkultur firmieren. Gemeint sind damit Teenager und Twens, die entgegen ihrer angestammten Jugend-Klischees (der Rebellion, des Unangepasstseins et cetera) liebend gerne "konservativ" sein wollen. Die also zum Beispiel heiraten, Kinder und ein Haus haben wollen. Dazu ein Auto, einen Job, sichere Verhältnisse und für den Sonntag-Nachmittag vielleicht ein hübsches Porzellan-Service. Tatsächlich: Die Berichte über die Mutproben jugendlicher Kaufhaus-Diebe gibt es immer noch; ihnen stehen aber die Warenhaus-Nachrichten von 18- oder 21-Jährigen gegenüber, die sich zunehmend "für den Kauf von Porzellan" interessieren. Und Vereinigungen wie "Silver Ring Thing" (USA), in der "Jungfräulichkeit und Ritterlichkeit" für Teens und Twens gepredigt und gelebt werden, finden auch hierzulande erstaunlich großen Zulauf.

Die freudig erregte, von der Imagepflege in Richtung "No risk -- no fun" befreite Branche der Bauspar-Anbieter weiß ebenso wie die wieder optimistische Junge Union, wovon hier die Rede ist. Sie kennen die Mannheimer Studie "Jugend. Werte. Zukunft", wonach die Begriffe "Karriere", "Vorsorge" oder "Vernunft" zum maßgeblichen Vokabular jener "Jugend von heute" zählen, die so unverstanden wie offensichtlich klischee-resistent durch das gleichnamige, kürzlich erschienene Buch geistert.

Eine andere Studie (die der Werbeagentur BBDO Europe) kommt zu dem Ergebnis: "Die jungen Deutschen zwischen 18 und 30 Jahren sind eine weitaus ernsthaftere und in konkreten Werten verwurzelte Generation, als viele von uns angenommen haben." Logischerweise folgt dem Befund auch noch dieser herrliche Satz: "Das macht sie als Konsumenten interessant." Natürlich.

Aus den üblichen "Trendbüros" ist zudem zu erfahren, dass die Renaissance von Tanztees, Benimm-Kursen und Weihnachtsliedern nicht dem Methusalem-Komplott geschuldet ist -- sondern einer Jugend, deren Weltbild "durch eine anhaltende Rezession und ungewisse Zukunftsaussichten schwer erschüttert" sei. Die Folge: Gerade junge Menschen probieren abseits der einst üblichen Identitäts-Neuerfindungen den vormals verschmähten Fundus der Tradition aus.

Demnach wären die kleine Lena aus dem LBS-Spot und ihre etwas älteren, neo-konservativen Kollegen Produkte der ökonomisch-politischen Verhältnisse. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber das Lena-Phänomen, die neue Spießigkeit, die vielleicht nur eine neue Bürgerlichkeit markiert, ist zum Teil auch die Antwort auf eine ganz andere Erscheinung: Das Spießertum erscheint jungen Leuten auch deshalb so verführerisch, weil es sich so passgenau gegen jene in Stellung bringen lässt, die es einst vehement abschaffen wollten. Und auch gegen jene, die immer noch verzweifelt daran arbeiten -- ohne dies zu merken.

Lena steht der Werbespot--Vater Horst gegenüber. Und mit ihm all die Erwachsenen, die sich vor allem vor dem Spießertum und dem Erwachsensein fürchten, weshalb sie sich jugendlich "progressiv" gerieren: also betont unabhängig, unverantwortlich oder in sonstiger Weise unkonventionell. Die Horsts dieser Welt laufen aber nicht immer als Hippie-Karikaturen herum, manchmal begegnen sie uns auch als Senioren oder Best-Ager der Gruppe "50 plus", die sich -- wiederum in der Werbung -- nicht mehr für Gebissreiniger oder Wärmedecken, sondern zum Beispiel für den Kauf einer Harley interessieren. Oder sie begegnen uns als orientierungslose, jedoch gut angezogene 30- bis 50-Jährige, die zum Beispiel in dem soeben erschienenen und von Claudius Seidl verfassten Buch "Schöne junge Welt" den Verlust eines gültigen Lebensbauplanes betrauern und sich fragen müssen, wie alt sie denn eigentlich seien.

Dass diese Leute, die noch als 45-Jährige zum DJ oder Rebellen taugen, keine Spießer sind, versteht sich von selbst. Ihr Alter ist ja das "gefühlte Alter", weshalb ihre Existenzform wunderbar frei konvertierbar erscheint. Aber womöglich sind es genau diese nervtötend orientierungslosen, sich unablässig selbst beobachtenden Schein-Jugendlichen, welche die biographische Jugend dazu bringen, sich auf die andere Seite zu flüchten: also ins "Gesetzte" und "Arrivierte". (Ein Rat übrigens: Wer nicht weiß, wie alt er ist, soll im Personalausweis nachschauen.)

Wenn die Alten jung sind, mögen sich die Jungen zu Recht sagen, dann müssen wir eben alt sein. Gegen die behauptete Jugendlichkeit und künstliche Unkonventionalität helfen als einzig verbliebene Distinktionsmöglichkeiten nur die behauptete Konventionalität und die künstliche Alterung. Vielleicht ist Lena nicht die ultimative Antwort auf die diversen essayistischen Bemühungen um die Auflösung scheinbar überkommener Lebensbaupläne -- aber dennoch kann man sich den Spießer als klassischen Lebenstreppen-Pedanten (Kindheit, Jugend, Alter, Tod) offenbar gar nicht so weit weg denken, als dass er nicht sofort zur Hintertür wieder herein wollte. Wenn die 40- und 50-Jährigen die Parties dominieren, dann gehen eben die 20- und 30-Jährigen nach Hause, um es sich in den verwaisten Ohrensesseln gemütlich zu machen und das Kleingedruckte in den Bausparverträgen zu studieren. Was ja schließlich auch nur vernünftig ist.

Dass die altersgemäßen Zuschreibungen als natürliche Bio-Sphären in einer entgrenzten All-Age-Gesellschaft, in der Kinder immer früher erwachsen werden und Erwachsene immer später alt werden, scheinbar beliebig zur Disposition stehen, erklärt das Phänomen der jugendlichen Neocons also auch abseits ökonomischer Zusammenhänge. Neocons sind folglich -- zum einen -- die Antwort auf unsichere Verhältnisse und einen, wenn nicht geistig-kulturellen, so doch allerorten ästhetisch auffindbaren Neo-Biedermeierstil der Gesellschaft; zum anderen verdankt sich ihre Existenz jenen Erwachsenen und Alten, die beides nicht sind: erwachsen beziehungsweise zurechnungsfähig. Gut für die Jungen, die die solcherart frei werdenden Attribute besetzen können.

Problematisch sind insofern ja auch nicht Genealogie und Phänomenologie der Neocons, sondern der Verdacht, dass sie -- aus ökonomischen und zugleich modischen Motiven -- den Rückgriff auf längst überwundene Geschlechter-Rollen proben. Die erschreckenden Studien wissen von immer mehr 25-jährigen Akademikerinnen, die ihren Platz am heimischen Herd und bei Aufzucht und Hege der lieben Kleinen sehen; die glauben, ihre ökonomische Unabhängigkeit auch deshalb ohne weiteres aufgeben zu können, weil ihre Generation in joblosen Zeiten wie diesen gar keine Freiheit mehr erwerben könne. Passend dazu wird von immer mehr 27-jährigen Männern erzählt, die sich in härtere Karrieren fügen, weil ihnen die Frauen zuhause "den Rücken frei halten". Dass derlei Denken der patriarchalischen Vergangenheit entlaufen ist, scheint zusätzlich von modisch-spießigem Reiz zu sein -- eben der Abgrenzung zuliebe. Auf diese Weise werden auf dem Feld der Geschlechterdiskussion aber auch ein paar Errungenschaften der Jetztzeit ausgegrenzt, die, um im Neocon-Sprachambiente zu bleiben, insofern nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

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(SZ vom 28.2.2005)