Von Petra Steinberger

Herrschaftszeiten, es geht den Männern an den Kragen: Frauen werden immer einflussreicher, heißt es. Manchmal zu einflussreich. Wirklich? Was Frauen mit Macht machen.

Es muss ihnen tatsächlich sehr schlecht gehen. Sie leiden. Sie werden unterdrückt, gedemütigt, entrechtet. Jeden Tag ein bisschen mehr. Geht es wieder mal um Frauen? Nein. Zumindest, wenn man der letzten Ausgabe des Magazins Focus glauben will. "Im Zweifel gegen den Mann", stand auf dem Titelblatt und: "Ist Gleichberechtigung noch gerecht?" Dann wurden ein paar Statistiken zitiert, die beweisen sollten, wie mächtig, stark und überhaupt gleichberechtigt die Frauen inzwischen doch geworden seien - so sehr, dass es nun Zeit sei, etwas für die armen, unterdrückten Männer zu tun.

Bild vergrößern

Über die Macht und eine Frau gestolpert: Edmund Stoiber. (© Foto: ddp)

Anzeige

Man konnte von prügelnden Frauen lesen, von Megären, die ihren Männern die Kinder entzogen, von schwachen Knäblein, die in einer vom Weibe dominierten Welt keine Chance mehr hatten. Überall waren sie.

Beispielsweise stieg in den letzten dreißig Jahren der Prozentsatz an Frauen, die Humanmedizin studieren, von 29 auf beängstigende 61 Prozent; der Frauenanteil in den Bereichen Wirtschaft und Soziales wuchs von 27 auf 49 Prozent; und, besonders bedrohlich, in den Ingenieurswissenschaften stieg ihr Anteil auf atemberaubende 20 Prozent - von schlappen sieben Prozent im Jahr 1975. Sind das tatsächlich Indizien dafür, dass Frauen endlich ganz oben angekommen sind?

Man muss nun erst einmal ein wenig hinter die Zahlen schauen. Dann stellt man schnell fest, dass das so beeindruckend nicht ist. Es mag sein, dass Frauen besser lernen, aber in die erlesene Riege der Professoren schaffen es immer noch nur wenige - obwohl sich das in den nächsten Jahrzehnten ändern mag.

Man weiß auch, dass angesehene Berufsgruppen, in denen der Anteil der Frauen zu dominant wird, ihren gesellschaftlichen Status und ihren politischen Einfluss verlieren. So geschah es mit der Ärzteschaft in Russland. Die ist inzwischen fast ausschließlich weiblich, schlecht bezahlt und ohne Lobby. Diese Entwicklung veranlasste Carol Black, nationale Direktorin für Gesundheit und Arbeit in der britischen Regierung, vor ein paar Jahren dazu, die "Feminisierung" als langfristig schädlich für den Ärztestand zu bezeichnen: "Das ist ein Beispiel, wie ein ganzer Berufsstand herabgesetzt werden kann."

Man muss nur einmal den Beruf des Lehrers betrachten, der nur solange Ansehen genoss, solange er männlich dominiert war. Frauen, wohin man blickt. Frauen, die wenig verdienen (und die sich dann rächen, indem sie die armen Buben zu verweichlichten Gestalten machen, denen jeder männliche Kampfgeist ausgetrieben werden soll). Die Macht, sie scheint den Frauen schneller zu entgleiten, als sie sie zu fassen bekommen.

Und wenn sie es doch geschafft haben? In der soeben erschienenen und außerordentlich lesenswerten Anthologie "Herrschaftszeiten! Vom Leben unter Männern" (herausgegeben von Friederike Girst, Dumont, 2009, 312 Seiten, 16,95 Euro) berichten Frauen, die es geschafft haben, davon, wie sich das Leben so anfühlt im Patriarchat. Denn das, davon gehen sie fast alle aus, schwächelt zwar, existiert aber noch, auch wenn der Focus das anders sieht.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum das Erreichte nicht reicht.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Danke für die Blumen
  2. Ich weiß nicht, ob ich mir das zutraue
Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Eigentümer der Lebensläufe

Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...