Mädels, wie die Zeit vergeht! Für Kinder ist es bald zu spät. Über das entscheidende Jahr im Leben einer Frau.
Meine Krise begann mit einer Statistik, mit ein paar blanken Zahlen. Mehr als vierzig Prozent der Akademikerinnen hierzulande, las ich in der Statistik, sind kinderlos. Das wissen wir doch, dachte ich. Darüber wird im Moment viel geschrieben, viel gesprochen - der "demografische GAU" wird das immer genannt.
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Plötzlich war klar: Ich war schuld. Aber warum? (© )
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An jenem Tag aber, an dem ich in die Statistik blickte, stach mir diese Zahl mitten ins Herz. Es war mein 37. Geburtstag. Mir wurde klar: In dieser Statistik, da ging es um mich, um so viele in meinem Freundeskreis: Ich, wir, waren Teil eines ziemlich deprimierenden Zahlenwerks - Teil dessen, was in Deutschland als Grundübel unserer überalternden Gesellschaft erkannt wird. Plötzlich war klar: Ich war schuld. Aber warum? Hatten wir nicht alles richtig gemacht? Studieren, arbeiten, Beziehungen führen, Beziehungen beenden, umziehen, Job wechseln, das Leben genießen, manchmal an die Zukunft denken und das Ganze immer wieder von vorn. Gefangen in den unendlichen Möglichkeiten. Und davon hieß nur eine "ein Kind", klar, irgendwann, später. Ein Kind erschien uns selbstverständlich, bis es plötzlich sehr, vielleicht zu spät war.
Lag es an der Zeit, in der wir geboren waren? 1968. Manche unserer Lehrer waren noch nackt auf Bäume geklettert, um sich oben in der Baumkrone von den Restriktionen der bürgerlichen Gesellschaft frei zu küssen. Eigentlich hatten wir mit den Achtundsechzigern wenig gemein. Die meisten unserer Eltern schlugen sich ja geradlinig durchs Leben. Doch wir wollten Abenteuer. Die konservative Generation Golf begann erst zwei Schulklassen unter uns. Wir gehörten nirgendwo so richtig dazu und trotzdem schien uns alles offen zu stehen. Wir kühlen Achtziger-Jahre-Jugendliche gingen sorglos in die Zukunft, wollten romantische, fordernde Liebesbeziehungen - irgendwas Erlesenes. Bis wir aus unserer Selbstverwirklichung aufwachten, waren wir Mitte dreißig und die Gegenwart hatte uns eingeholt: Die wirtschaftliche Krise und eine unbeantwortete Kinderfrage. Plötzlich, mit 37, stand man also wieder wie am Anfang: Als hätte jemand die Reset-Taste gedrückt.
Was war passiert? "Wir wurden umprogrammiert", sagte Frank Schirrmacher kürzlich im Spiegel. Fehlgeleitete materielle Schlüsselreize hätten in die menschliche Biologie eingegriffen, wir hätten vergessen, worum es beim Leben und Überleben geht: die Familie, die Kinder. Draufgänger ohne Familienbindung, so steht es in Schirrmachers neuem Buch Minimum, waren historisch gesehen schon immer die ersten Opfer von Krisen und Katastrophen. Nicht nur, dass wir höllische Egoistinnen einer Genussgeneration wurden, die gewaltig zu den Problemen eines kinderarmen Sozialstaats beiträgt - nein, wir werden auch schlicht nicht überleben beim nächsten Hotelbrand, der nächsten Überschwemmung oder Sintflut. Weil Freunde eben doch nicht die neue Familie sind und uns unser metrosexueller Kumpelfreund niemals mit ins Beiboot nehmen würde. Während die Großfamilien gemütlich abtuckern. Aber kann man eine gesellschaftliche Entwicklung auf Biologie reduzieren, wenn man gerade erst einer Frauengeneration, die weder feministisch noch traditionell verankert war, beigebracht hat, dass sie arbeiten darf? Dass wir Kinder bekommen sollten und könnten, das wussten wir schon vor fünfzig Jahren. Schön, dass jetzt Männer kommen und im Zuge ihrer neu propagierten Bürgerlichkeit uns wieder daran erinnern.
Job & Kind: Zunächst erschien uns das Unterfangen so einfach, wie von all den Titelzeilen auf all den Frauenzeitschriften suggeriert. Aber irgendwann in unserem Lebenslauf inmitten all der Selbstverwirklichung verschwand der Kind-Teil des Job&Kind-Programms und ward lange Zeit nimmer gesehen. Dabei hatte meine Mutter diesen Teil noch als "das Normalste der Welt" bezeichnet. Mit Anfang dreißig, muss ich sagen, dachte ich noch gar nicht an Kinder. Einmal meinte eine Kollegin, die schwanger wurde, zu mir: Eigentlich passt es nie. Warum nicht jetzt? Ich weiß noch, wie mir nur ein Wort einfiel: später. Man hatte doch so viel Zeit. Mit Anfang dreißig war man noch keine 35. Mit 35 noch lange keine vierzig. Aber mit 37?
Vor zwei Jahren saß ich mit meinem damaligen Freund in der Küche, wir waren sehr still an diesem Morgen. Am Abend zuvor hatten wir ein Paar besucht, deren Welt nun klar definiert war und einen Namen hatte: Alexander, drei Monate alt. Wir hatten keinen Namen für unser gemeinsames Leben, nicht geheiratet, irgendwie auch kein Ziel, wir waren nirgendwo angekommen. Vermutlich spürten wir beide plötzlich diesen Verlust, der über die Jahre, die so schnell waren, schleichend gekommen war. Und nun war daraus eine Leere geworden, die sich auch nicht mehr durch Gespräche schließen ließ. Eigentlich wollten wir beide eine Familie, doch geplant hatten wir das nie, darüber geredet selten. Es sollte immer alles perfekt sein, die Wohnung, der Job, das Zusammensein, man lebte auf einer permanenten Baustelle. Und nun war es zu spät, nochmals von vorn anzufangen, zu spät auch für unsere Beziehung.
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Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...