Frau des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo Absurder als bei Kafka

Liu Xia, die Frau des Friedensnobelpreisträgers von 2010, Liu Xiaobo, bricht bei einem Besuch von Journalisten in Peking am 6. Dezember in Tränen aus.

(Foto: AP)

Ein seltenes Lebenszeichen von der Frau des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo: Reportern ist gelungen, was seit fast zwei Jahren niemand geschafft hat. Sie schmuggelten sich in die Pekinger Wohnung, die Liu Xia zum Gefängnis geworden ist.

Von Kai Strittmatter, Peking

Ein alter Mann, der vor Publikum zu einem leeren Stuhl spricht - diese Szene war nicht immer lächerlich. Im Dezember vor genau zwei Jahren fiel es dem Vorsitzenden des norwegischen Nobelkomitees Thorbjorn Jagland zu, den Friedensnobelpreis an einen Mann zu verleihen, der nicht anwesend sein durfte, weil er im Gefängnis saß: Liu Xiaobo. Weder ein Freund, noch die Ehefrau durfte in Oslo dabei sein. Liu sei ein "Krimineller", sagt Peking noch heute. Sein Verbrechen: Er warb in Essays und in der "Charta '08" für Demokratie. Dafür wurde er zu 11 Jahre Haft verurteilt. Deshalb der leere Stuhl, auf den Jagland vorsichtig die Urkunde legte, bevor er sich daneben setzte. Das erste Bild.

Das zweite Bild. Vom Oktober. Ein heller Fleck im Dunklen, unscharf zuerst. Die Silhouette des Kopfes von Liu Xia. Ab und zu ein glimmender Punkt: eine Zigarette am Fenster, zu dem Zeitpunkt eine der letzten Freiheiten, die Liu Xia geblieben war. Eine Gefangene in der eigenen Wohnung, abgeschnitten von der Außenwelt seit fast zwei Jahren.

"Es ist so absurd"

Das dritte Bild. Vom gestrigen Donnerstag. Liu Xia in Tränen aufgelöst. Reportern der Nachrichtenagentur AP war gelungen, was seit fast zwei Jahren niemand mehr geschafft hatte: Sie schmuggelten sich an den Sicherheitsbeamten vorbei und standen in der Wohnung, die Liu Xia zum Gefängnis geworden ist. Keine Telefonate, kein Internet, keine Besuche. Einmal die Woche zum Einkaufen, einmal im Monat ein Besuch bei ihrem Ehemann in der Haftanstalt.

Kein Schritt ohne die Begleitung ihrer Schatten. "Wir leben an so einem absurden Ort", sagte sie den AP-Reportern. "Es ist so absurd. Ich habe geglaubt, ich sei emotional vorbereitet für die Konsequenzen, die der Preis nach sich ziehen würde. Aber ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich nicht mehr mein Heim verlassen dürfte. Ich glaube auch Kafka hätte nichts Absurderes und Unfassbareres schreiben können."

Liu Xia hat sich selbst nach den Gesetzen Chinas nie etwas zuschulden kommen lassen, wurde nie verurteilt. Sie ist Poetin und Fotografin, und seit 1996 ist sie Liu Xiaobos Frau. Zwei Tage nach der Preisverleihung besuchte sie ihren Mann im Gefängnis, hernach teilte sie der Welt mit, Liu widme den Nobelpreis den Opfern des Massakers vom Platz des Himmlischen Friedens 1989. Danach durfte sie ihn ein Jahr nicht mehr besuchen. Und wird seither in ihrer Wohnung festgehalten.

Der Literaturnobelpreis für Mo Yan sorgt ironischerweise für Interesse

Auch andere Angehörige wurden unter Druck gesetzt. Das Kalkül des Regimes: Der westlichen Presse das Futter nehmen. Das hat funktioniert. "Nicht umsonst sah man kaum Schlagzeilen 'Diesen Monat schon wieder keine Nachrichten vom Nobelpreisträger'", sagte der Hongkonger Menschenrechtsforscher Joshua Rosenzweig kürzlich der BBC.

Liu war Chinas erster Nobelpreisträger, Peking hatte geschäumt. Jetzt bekommt Mo Yan den Nobelpreis für Literatur Ironischerweise sorgt ausgerechnet dieser Preis, den auch das offizielle China bejubelt, für ein neues Interesse an dem Mann in der Zelle. 134 Nobelpreisträger riefen diese Woche zu seiner Freilassung auf, und - vielleicht wichtiger - in einem offenen Brief an Chinas neuen Parteiführer Xi Jinping 40 mutige Anwälte, Aktivisten und Autoren aus China selbst.

Mo Yan hat nicht unterschrieben. Wenn der Autor nun am 10. Dezember in Stockholm auf der Bühne steht, um seinen Preis in Empfang zu nehmen, dann wird es auf den Tag genau zwei Jahre her sein, dass in Oslo ein alter Mann neben einem leeren Stuhl saß. In derselben Zeremonie hatte die Schauspielerin Liv Ullmann aus Liu Xiaobos Verteidigungsrede vor Gericht vorgetragen, darunter diese Zeilen an seine Frau: "Selbst wenn sie mich zu Pulver zermahlten, ich nähme meine Asche, um Dich zu umarmen."