Französisches Kino Sommer, Sonne, Seelenpein

"Dieses Sommergefühl" von Mikhaël Hers hält, was der Titel verspricht, und erinnert an Eric Rohmer. Wie lässt sich die Schönheit der Welt mit der Trauer um einen geliebten Menschen vereinbaren?

Von Philipp Stadelmaier

Vielleicht liegt es ja auch am trüben Herbstwetter dieser Tage, dass einem schon in den ersten Minuten warm wird ums Herz und auf der Haut. Die junge Frau schält sich aus dem Bett, während die ersten Sonnenflecken des Tages auf der dunklen Schlafzimmerwand tanzen. Dann, nach dem Frühstück, flaniert sie durchs sommermorgendliche Berlin zur Arbeit, vorbei an jugendlichen Hauptstadtbewohnern, die mit Bier auf einer Wiese abhängen. Auch ihre Arbeit in einem Kunstquartier, wo sie Farbdrucke herstellt, hat etwas Buntes und Lichtes an sich, als würde sie hier weniger arbeiten als vielmehr dem Sommer noch ein paar satte und warme Farben hinzufügen. Später schlendert sie durch einen Park nach Hause. Und während man noch dem lebendigen Treiben um sie herum nachhängt, fällt sie urplötzlich um.

"Dieses Sommergefühl" von Mikhaël Hers beginnt mit einem echten Sommergefühl - und mit diesem Schock. Man erfährt nicht, warum die junge Frau namens Sasha kollabiert ist. Man erfährt nur, dass sie nicht wieder aufstehen wird. Um das Krankenhausbett, in dem sie im Koma liegt, versammelt sich ihre Familie aus Frankreich und ihr Freund, ein Amerikaner namens Lawrence, mit dem sie hier in Berlin gelebt hat. Dann ist Sasha tot.

Frappierend ist anschließend allerdings, dass dieser Tod schon sehr bald merkwürdig fern scheint. Hers erspart sich die Sterbeszene ebenso wie die Trauerfeier. Stattdessen sitzen Sashas Eltern und ihre Schwester Zoé (Judith Chemla) bald mit Lawrence auf der Terrasse eines Restaurants, in einer lauen Sommernacht in Berlin - und auf einmal müssen alle über irgendetwas lachen. Danach entscheidet man sich, in einem Club noch einen Absacker zu trinken, als würde man einen Sommerstädtetrip gebührend beenden wollen.

Hier führt ein Verlust dazu, dass die Welt sich öffnet, anstatt sich zu verengen

Das heißt nun nicht, dass nicht getrauert würde. Wie auch immer die Franzosen das hinkriegen, so stark zu sein, ist gerade Lawrence ein Rätsel, der zunächst am meisten Probleme damit hat, den Verlust zu verkraften. Keiner könnte das besser spielen als Anders Danielsen Lie, der junge norwegische Schauspieler, der schon in früheren Rollen Erfahrung sammeln konnte als zurückgelassener Liebender und dessen zarter, schmächtiger Körper vor allem diese Traurigkeit ausstrahlt, verlassen zu sein, vom anderen nicht mehr berührt werden zu können.

Wenn man an einem solchen Abend von Trauer redet, kann man sie wirklich spüren? Szene mit Judith Chemla und Anders Danielsen Lie.

(Foto: Rendezvous)

Im Folgenden erzählt Hers dann von zwei weiteren Sommern in den zwei folgenden Jahren: einem in Frankreich und einem in New York. Er erzählt, wie es weitergeht im Leben von Lawrence und von Sashas Schwester Zoé. Und dabei erzählt er stets von einer doppelten Rückkehr: des Sommers und des Schmerzes. Man spaziert in einer lauen Pariser Sommernacht über den von der Tageshitze noch glühenden Asphalt zu einer Party, springt beim ostfranzösischen Alpenstädtchen Annecy in einen kühlen See, trinkt ein Bier auf einer Terrasse in Brooklyn. Wenn Sasha, die ja Farbdrucke erstellte, immer dabei zu sein scheint, dann vor allem wegen der Farben: In Hers Film, gedreht auf körnigem 16-mm-Film, leuchtet das Gelb einer Berliner Straßenbahn, das Lila von Lavendelfeldern oder das Rot von Sonnenschirmen am See gleich doppelt. Die Farben transportieren ebenso den Schmerz, wie die Sommerschönheit, die von ihm ablenkt, ihn lindert.

Aber auf diese Weise zelebriert der Film, wie der Fokus auf die Tote nach und nach schwindet. Man erfährt quasi nichts über Sasha, weder über den Grund ihres Todes oder ihre Beziehung zu Lawrence. Aus ihrem Leben gibt es nur eine einzige kurze und lustige Anekdote, die Zoé einmal erzählt - eine burleske Episode aus Teenagertagen, als sie sich in einem irischen Hostel halb nackt mit pakistanischen Portiers auseinandersetzen mussten. Überhaupt ist das Vergangene in diesem Film eine diffuse Emotion, eine vage nostalgische Stimmung, in der sich die Erinnerung an jede bestimmte Person auflöst. Auch führt der Verlust von Sasha dazu, dass die Welt sich öffnet, anstatt sich auf sie zu verengen. Er spinnt ein weltweites Netz aus Leuten, die Sasha kannten oder hätten kennen können. Ausgehend von Lawrence und Zoé erkundet man zwischen Berlin, Paris und New York einen - beliebig erweiterbaren - Freundes- und Familienkreis: Von den Eltern in Annecy bis hin zu einem schwulen Paar auf einer Party in New York.

All die Nebenfiguren und seriellen Sommer-Episoden in verschiedenen Städten erinnern dabei auch stark an amerikanische Fernsehserien. Wie Hers Film mit einem unerwarteten Tod beginnt, so steht auch bei Serien am Anfang oft schon ein Ende. Die "Sopranos" begannen mit einer Nervenkrise der Hauptfigur, "Breaking Bad" mit einer Krebsdiagnose, "House of Cards" mit einer quasi beendeten Politkarriere. Um sich dann auf die Frage zu konzentrieren, die für Serien mit ihren langen Staffeln und Fortsetzungen essenziell ist: Wie kann es ab jetzt weitergehen?

Im Gegensatz zu diesen Serien geht es Hers aber weniger darum, die Konsequenzen eines Bruches im Leben dramaturgisch möglichst effektiv auszunutzen. Sehr kunstvoll untersucht er, wie sehr die Gestorbene überhaupt noch auf den Nächsten lastet: Ist sie verschwunden - oder immer noch ein wenig da? Das erinnert an das Kino von Eric Rohmer, der auch gerne seine Figuren im Sommerurlaub filmte. Marie Rivière (in der Rolle von Zoés Mutter) war eine große Rohmer-Schauspielerin, und Annecy auch schon der Drehort von Rohmers "Claires Knie".

Vor allem aber zeigt Hers, wie das Abwesende zu einem unhaltbaren und unerreichbaren Ideal wird, das bei ihm von einer Toten, bei Rohmer oft von abwesenden Geliebten inspiriert ist. Ganz wie Rohmer testet er dieses Ideal, in dem er dem trauernden Lawrence alle möglichen amourösen Optionen auf den Hals hetzt, während die Rückkehr des schönen Wetters und der leuchtenden Farben dafür sorgt, dass diese Idealisierung der Toten von einem gewissen Sommergefühl gestört wird. Wovon alle profitieren.

Ce sentiment d'été, FRA/D 2015. - Regie: Mikhaël Hers. Buch: Hers, Mariette Désert. Kamera: Sébastien Buchmann. Mit Anders D. Lie, Judith Chemla, Marie Rivière. Verleih: Rendezvous, 106 Min.