Französische Literatur Fremdkörper unter sich

Romain Gary: Du hast das Leben vor dir. Roman. Aus dem Französischen von Christoph Roeber. Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich 2017. 245 Seiten, 24 Euro. E-Book 19,99 Euro.

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Romain Garys grandioser Roman "Du hast das Leben vor dir", mit dem der Autor einst unter Pseudonym regelwidrig ein zweites Mal den Prix Goncourt gewann, erscheint nun überfällig in einer neuen deutschen Übersetzung.

Von Volker Breidecker

Romain Gary, geboren als Roman Kacew im polnisch-litauischen Wilna, uneheliches Kind einer russischen Jüdin, kam 1928 als Vierzehnjähriger an der Seite der Mutter nach Frankreich, wurde Luftwaffenpilot, Diplomat, Frauenheld - verheiratet mit der Filmikone Jean Seberg - und Autor von dreißig Romanen, die er unter fünf verschiedenen Pseudonymen verfasste. Der Schriftstellerin Nancy Huston erschien er als "ein Fremdkörper in der französischen Literatur". Gleichwohl erhielt er als einziger Autor den Prix Goncourt statutenwidrig gleich zweimal, 1956 für den Roman "Die Wurzeln des Himmels" und 1975 für den unter dem Pseudonym Émile Ajar vorgelegten Roman "Du hast das Leben noch vor dir", dessen Autorschaft bis nach Garys Suizid im Jahr 1980 verborgen blieb.

Ein Fremdkörper, ohne Papiere und vaterlos von einer Prostituierten geboren, die verschwand, nachdem sie ihr Kind in die Obhut eines illegalen Asyls gegeben hatte, ist auch der Araberknabe Mohammed, Momo gerufen. Ein weiterer Fremdkörper ist ein von Maghrebinern und Maliern, von Händlern, Huren und Transvestiten bevölkertes Haus, vor allem dessen sechste Etage: Mit Madame Rosa, einer Überlebenden der Shoah und ehemaligen Prostituierten als Ziehmutter wächst Momo unter Kindern auf, die, darunter auch sein jüdischer Spielkamerad Moses, dasselbe Schicksal teilen. Allen sitzt die Angst vor der Polizei und dem Jugendamt im Nacken. Paniken plagen auch ihre Beschützerin, der die Erinnerung an die Deportation nach Auschwitz zur zweiten, sie bei jedem Läuten der Türglocke in erneuten Schrecken versetzenden Gegenwart geworden ist.

Am Ende wechseln die Rollen: Madame Rosas Schützling wird zu ihrem Beschützer, der nicht einmal von ihrem Sterbebett weicht. Ohne Schulbildung in die französische Sprache eingewandert, bleibt Momo ein Fremdling, freilich geübt in gleich drei Idiomen: Jiddisch, Arabisch und einem Französisch, das noch im Schroffen, Obszönen, Abwegigen charmant zwischen Hoch- und der Gossensprache changiert. Lesen und schreiben hat er bei Monsieur Hamil gelernt, einem arabischen Teppichhändler, der bei zunehmender Altersdemenz die beiden Bücher, die er ständig zur Hand hat - den Koran und Victor Hugos Roman "Die Elenden" - miteinander verwechselt.

Die unsentimentale Liebesgeschichte zwischen Momo und Madame Rosa birgt als Akt einer fortwährenden Sprachfindung einen grandiosen Bildungsroman, ein Sprachereignis, das jeden Übersetzer vor beinahe unlösbare Aufgaben stellt. Eugen Helmlés bislang einzige deutsche Übertragung ist spürbar gealtert und seit Jahren vergriffen. Die Neuübersetzung von Christoph Roeber scheut sich nicht, den Leser hier und da zu irritieren, was der Ich-Erzähler Momo für französische Ohren ohnehin beständig tut. Momos unverwechselbarer Ton ist in der Neuübersetzung mit Erfindungsreichtum auch im Kniffligen wiedergegeben. Eine lohnende Wiederentdeckung.