François Ozon über Jugend und Sexualität "Schöne Menschen wollen unanständig sein"

Experimente der Lust: Marine Vacth als Isabelle mit einem Kunden in "Jung & Schön" von François Ozon.

Er ist bekannt für seinen offenen Umgang mit der Sexualität, und auch in seinem neuen Film "Jung & Schön" sind François Ozon moralische Kategorien fremd: Frei von jeder Bewertung erzählt er darin die Geschichte einer 17-Jährigen, die auf der Suche nach sich selbst zur Prostituierten wird. Ein Gespräch über Jugend, Schönheit und Voyeurismus.

Von Paul Katzenberger

Bereits als Kind drehte François Ozon Filme mit der Super-8-Kamera seines Vaters, inzwischen gilt er als einer der erfolgreichsten Regisseure des französischen Gegenwartskinos. Seine Filme zeichnen sich durch Experimentierfreude und die Auseinandersetzung mit Frauenfiguren aus. Denkverbote sind ihm fremd und er liebt die Abwechslung so sehr, dass er einmal sagte, er verstehe jeden Film als Gegenpol zu seinem vorherigen. Nun kommt sein Drama "Jung & Schön" ins Kino, eine Geschichte über eine junge Frau, die aus ihrem behüteten elterlichen Heim ausbricht, indem sie heimlich als Prostituierte arbeitet.

SZ.de: Unsere Gesellschaft ist besessen von Jugend und Schönheit. Ihr neuer Film trägt den Titel "Jung & Schön". Besteht da ein Zusammenhang zwischen dieser Überschrift und unserer Obsession von makelloser Attraktivität?

François Ozon: Ich denke, für die Franzosen bringt der Titel zunächst Ironie zum Ausdruck. "Jeune et Jolie" ("Jung und Schön"; Anm. d. Red.) war der Name einer französischen Jugendzeitschrift für Mädchen im Teenager-Alter mit den üblichen läppischen Inhalten dieser Mädchenhefte, die das ganze Gegenteil von dem behandeln, was im Film gezeigt wird.

Was genau meinen Sie?

Wenn Mädchen "Jeune et Jolie" lasen, sollten sie nicht unbedingt lernen, sich zu prostituieren. "Jung und schön", das ist das Klischee davon, welche Wunschvorstellungen Eltern von ihren Töchtern haben. Doch hinter dem Klischee steht zuweilen etwas Dramatischeres, und davon handelt der Film.

Zuschauern in Deutschland und in englischsprachigen Ländern dürfte sich diese Ironie nicht sofort erschließen. Ich gebe zu: Als ich von Ihrem Film erstmals hörte und die Bilder Ihrer atemberaubend schönen Hauptdarstellerin Marine Vacth sah, da verdächtigte ich Sie, dass Sie den Titel aus Marketinggründen so gewählt haben.

(lacht:) Also, ich weiß nicht, welche Assoziationen der Ausdruck "Jung und Schön" in Deutschand auslöst. Aber im Englischen steht der Titel meines Erachtens für Romantik, die das gefühlsbetonte Lied "Young and Beautiful" von Elvis Presley zum Ausdruck bringt.

Sehr romantisch ist Ihr Film aber nicht, auch wenn er im Kern ein potenziell romantisches Thema behandelt: die Jugendzeit.

Das war eindeutig das Thema, das mich interessiert hat. Die Prostitution ist nicht das zentrale Thema dieses Films. Es hätten auch Drogen sein können, Magersucht oder irgendetwas anderes. Für mich bot "Jung & Schön" die Gelegenheit, die Jugend aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu behandeln. Der französische Film neigt zur Nostalgie oder zur Komik, wenn er sich um junge Leute dreht. Ich habe meine Jugend hingegen als etwas Dramatisches erlebt, sie stellt eine schwierige Phase meines Lebens dar. Das wollte ich in einer verdichteten Version in meinem Film zeigen.

Aber diese Geschichte dürfte sich von den Erlebnissen Ihrer Jugend deutlich unterscheiden. Hätte sie auch erzählt werden können, wenn Ihre Hauptdarstellerin Marine Vacth nicht so außergewöhnlich attraktiv wäre, sondern durchschnittlich aussehen würde?

Ich habe mit Psychologen gesprochen, die den Film gesehen haben. Und sehr oft haben sie mir gesagt, dass das Leben für Menschen, die sehr sehr gut aussehen, ein Albtraum sein kann. Das gilt ganz besonders für Frauen.

Kaum zu glauben.

Natürlich ist Schönheit ein großes Glück, das viele Türen öffnet. Gleichzeitig kann sie aber auch zu einer Last werden, die man immer auf seinen Schultern spürt. Denn auffallend attraktive Menschen sind auch besonders hohen Erwartungen ausgesetzt. Und irgendwann reagieren sie mit Verweigerung. Schöne Menschen wollen unanständig sein. Wie Catherine Deneuve in "Belle de Jour": Sie spielt darin eine extrem schöne Frau, die sich mit ungepflegten Typen einlässt. Jeder sagt dann: 'Sie hat das doch gar nicht nötig.' De facto braucht sie es aber, und genau das war es, was mich interessiert hat.