"Mich interessierte eigentlich nichts, keine Neonazis, keine Landpfarrer": Schriftsteller und Journalist Moritz von Uslar hat mit seiner Langzeitreportage "Deutschboden" eines der besten Bücher über Deutschland nach der Wiedervereinigung geschrieben.
Die Schlüsselszene in Moritz von Uslars "Deutschboden" kommt gegen Ende des Buches. Sie markiert auch das Ende der Langzeitreportage, für die der Schriftsteller und Journalist aus der Berliner Mitte der nicht mehr ganz so jungen Jeunesse Dorée auszog, um drei Monate lang den kleinstädtischen Realitäten in Ostdeutschland nachzuspüren. Da steigt der Autor mit einem der Einheimischen im Boxclub in den Ring. Es ist der über mehrere hundert Seiten vorbereitete Höhepunkt, der wenig über Ostdeutschland, dafür viel über den Autor erzählt.
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Moritz von Uslar zog für drei Monate in die ostdeutsche Kleinstadt, um den dortigen Realitäten nachzuspüren. Er ist ein Getriebener, das etabliert er sofort. (© dpa)
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Und es sind gerade solche Momente, die sein Buch zu einem der besten Bücher über Deutschland im zwanzigsten Jahr der Wiedervereinigung machen. Weil "Deutschboden" eben keine journalistische Aufarbeitung der deutschen Geschichte ist. "Mich interessierte eigentlich nichts", schreibt er da. "Neonazis interessierten mich nicht. Landpfarrer interessierten mich nicht. (...) Ich hatte nichts abzuarbeiten. Ich hatte keinen Auftrag. Ich war auf keiner Spur." Und so wird das Buch zu einer literarische Betrachtung deutscher Befindlichkeiten.
Uslar ist ein Getriebener. Das etabliert er sofort. Weniger durch seine Beschreibung eines Abends kurz vor der Abreise, bei dem er den Freunden bei Steak und Champagner von seinem Vorhaben erzählt. Es sind Form und Methodik, die enthüllen, was Uslar antreibt. Da ist zum einen die Sehnsucht des Autors nach der subjektiven Wahrhaftigkeit des "New Journalism", der in Deutschland auch 37 Jahre nach Tom Wolfes programmatischem Essay noch nicht richtig Fuß fassen konnte. Und da ist die ewige Sehnsucht des Bohemiens nach einer Authentizität, die er im Koordinatensystem aus stilistischen Dogmen, ironischer Distanz und einem letztlich komfortablen Metropolenleben nicht finden kann, egal ob er im Paris der vorigen Jahrhundertwende, im New York der fünfziger oder im Berlin der Nullerjahre lebte.
Die mächtigen Vorbilder des "New Journalism" findet man bei Uslar in der Methodik. Die Akribie von Tom Wolfe, den weit über die Schmerzgrenze körperlichen Einsatz von George Plimpton, den Mut zur konsequenten Subjektivität von Hunter S. Thompson. Vor allem aber ist es die Suche nach der Realität eines Landes in den Eckkneipen, Gasthöfen und Sportclubs, auf die sich die Vorväter des "New Journalism" Joseph Mitchell und A.J. Liebling gemacht hatten. Die Vorbilder teilt Uslar mit einer Menge seiner journalistischen und schriftstellerischen Zeitgenossen. Die Methodik beherrschen viele. Nur wenige aber die Form. Gerade aus Berlin schwemmte in den letzten Jahren eine Flut von Texten in die Redaktionen und Verlage, die mit einem manierierten "Ey Mann"-Duktus und einer manisch verschachtelten Syntax einen Stil beschwören, der sich unmöglich ins Deutsche übertragen lässt.
Nun könnte man auch bei Uslar einzelne Sätze aus dem Text klauben, in denen Phrasen wie "ey", "geil" und"auf die Fresse" vorkommen. Was ihn von der Flut der Textposer unterscheidet ist jedoch sein exzellentes Gespür für Rhythmus. Und das wurzelt eben nicht im amerikanischen Englisch der Vorbilder, sondern in der Sprachgewalt seines Freundes und literarischen Vorbildes Rainald Goetz.
Goetz ist einer der wenigen deutschen Autoren, die für die Popkultur und die Alltagssprache der letzten beiden Jahrzehnte eine literarische Ebene gefunden haben. Es ist kein Zufall, dass sich die furiose Wirkung von Goetz-Texten oft erst im Vortrag des Autors selbst entfaltet. Nun ist Uslar kein Epigone. Uslar verhält sich zu Goetz ähnlich wie die Rolling Stones zu Howlin' Wolf. Er nimmt eine Schwingung auf, die sich in ihrer Heftigkeit nicht jedem erschließt, und findet seine eigene, allgemeinverständlichere Form. Er findet vor allem seinen eigenen Rhythmus, auf dem er die Facetten seiner Genres ausspielen kann - den Swing der Umgangssprache, das Stakkato der fotografischen Beobachtungen, die Geradlinigkeit der szenischen Passagen und Dialoge. Er wechselt für Reportage und inneren Monolog sogar die Perspektive. Das entwickelt einen Sog, den die Realität seiner ostdeutschen Kleinstadt dringend braucht. Denn dort passiert vor allem - nichts.
Das Drama der Entfremdung, das den Kern des Buches ausmacht, entwickelt sich weniger in den Handlungen und Begegnungen, als in den Subtexten. Es ist nicht nur der Kampf der Kulturen zwischen Ost und West, sondern vor allem der tiefe Graben zwischen Bildungsbürgertum und Unterschicht, der sich da auftut. Uslar hat dabei keine Scheu, sich zum Antagonisten eines kalten Klassenkampfes zu machen. Er beginnt sein Buch bei Steak und Champagner, fährt zunächst mit einem gesponserten Designwagen durch die Lande. Und stößt erst einmal an die Grenzen seiner eigenen Welt.
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