Frank Schirrmachers "Ego - Das Spiel des Lebens" Neigung zu abgrundtiefem Pessimismus

Folgerichtig ist diese Entwicklung deshalb, weil der homo oeconomicus kein Wissen im emphatischen Sinne braucht, nur unendlich viele Informationen, um die neueste Marktentwicklung einschätzen und ausbeuten zu können. Am Ende hat alles seinen Preis. Denn der Preis einer Ware sieht Friedrich von Hayek bekanntlich als Resultat der leistungsfähigsten Informationsmaschinen, die wir haben, der Märkte. Er ist das gültige Symbol für diesen Sieg über das Wissen.

Dramatisch ist aber noch ein anderer Aspekt, der wieder zurück zur Spieltheorie führt. Je stärker sich der Kapitalismus auf das Prozessieren von Informationen verlegt, desto drastischer wirkt sich das dort aus, wo alles kulminiert, auf dem Finanzmarkt und in der Welt der Trader. Sie verkörpern den Prototyp des rational an Profitmaximierung orientierten "Spielers".

Um sich gegenseitig bei ihren Wetten und Transaktionen mit Optionen, Futures und anderen Derivaten zu übertrumpfen und auszustechen, müssen ihre spieltheoretischen Strategien in den Computerprogrammen nicht nur immer raffinierter und fallenreicher werden, sondern auch immer schneller: Inzwischen hat sich das Tempo der komplexen wechselseitigen Spiel- und Gegenspielzüge so hochgeschaukelt, dass schon der Vorsprung von Nanosekunden reichen kann, um Sieg und Gewinn davonzutragen. Das aber ist beileibe nicht nur ein sportliches Phänomen.

Denn bei dieser Gelegenheit zerbröselt der Hochgeschwindigkeitshandel eines der Fundamente der Rechtsordnung: ausgerechnet das unternehmerische Eigentum. Inzwischen beträgt die durchschnittliche Haltezeit von Aktien an der Börse sage und schreibe 22 Sekunden. Es ist noch nicht lange her, da waren es im Schnitt mehr als vier Jahre. Eine verantwortliche Rolle des Miteigentümers eines Unternehmens, die ja der Aktienbesitz darstellt, ist damit hinfällig. Wer, wenn nicht die Eigentümer tragen dann die Verantwortung?

Dieser speziellen Frage geht Schirrmacher nicht nach, es wäre bei seinem Parforceritt durch die Domänen des Informationskapitalismus auch viel verlangt. Deutlich aber macht sein Schnelldurchgang, zu welchem abgrundtiefen Pessimismus er neigt. Dass dieser Pessimismus womöglich gleich eine ganze Reihe von Kindern mit dem Bad ausschüttet, deutet er in einigen Zwischenbemerkungen seines Buches selbst an. So hermetisch ist es ohnehin nicht verfasst. Die dystopische Tönung seiner Grundthese muss man sich nicht zu eigen machen, um von seinen Einsichten zu profitieren. Auch digitalophobe Reflexe, die ihm wegen seines Buches "Payback" vorgeworfen werden, drängen sich hier nicht auf.

Dass die Krise, die Europa und die Weltwirtschaft noch immer fest im Griff hat, kein vorübergehendes Ereignis ist, sondern zur Dauererscheinung des heutigen Kapitalismus werden dürfte, sagen inzwischen viele, wohl zu Recht. Sicher ist, dass man zumindest in der Eurozone nicht aus dem Kollaps von 1929 gelernt hat.

Sicher ist aber auch, dass der heutige Kapitalismus mit dem damaligen nur noch wenig gemein hat. Dass seine Superrationalität, die seinen mathematisierten Entscheidungsprogrammen zugrundeliegt, eine Scheinrationalität ist, die von ihren eigenen Urhebern und Akteuren nicht verstanden wird und im anspruchsvollen Sinne auch gar nicht zu verstehen ist, das ist bei Schirrmacher bestens nachzuvollziehen. Dass er nicht der erste ist, der den Finger auf diese déformation humaine legt, die Bürger und Staat einem grotesken, inhumanen Zerrbild ihrer selbst ausliefert, ändert daran nichts.