Frank Schirrmachers "Ego - Das Spiel des Lebens" Gemeinwohl kennt der "homo oeconomicus" nicht

Jeden Sozialverband, selbst jedes Unternehmen zerlegt das neue Wesen innerlich, Loyalitäten erkennt es nurmehr aus Berechnung an. Jeder Mensch ist entweder sein eigener Ich-Unternehmer oder er fällt aus dem Rahmen. Jeder verhält sich nur noch strategisch zum Nächsten. Finten, Täuschung, Taktik zum eignen Vorteil sind die erlaubte Regel, weil der Gegenüber dies weiß und es genauso macht.

Da hier eine verbindliche Gemeinsamkeit nicht mehr anerkannt wird, muss sich selbst der Staat den Erwartungen der aus lauter ökonomischen Egoisten und Autisten bestehenden (Zerfalls-)Gesellschaft unterordnen. Er wird zum bloßen Mitspieler herabgestuft. Gemeinwohl kennt der homo oeconomicus nicht, die Funktion als "marktüberwolbendes Gebilde" gesteht er dem Staat nicht zu.

Darum lichtet sich auch das scheinbare Rätsel, dass so viele Wähler nach der Krise jene politischen Kräfte stärkten, die für den Crash mitverantwortlich sind: Man muss sich nur vergegenwärtigen, welche pervers-folgerichtige innere Wahlverwandtschaft inzwischen die beiden Sphären, den Markt und die marktkonforme Demokratie, miteinander verbindet.

Wir kennen die These, dass der Kapitalismus noch in die feinsten Kapillaren der Lebenswelt eindringt, spätestens seit Adorno. Doch gegenüber den heutigen Dimensionen scheinen die damaligen Verhältnisse noch wie eine spätbürgerliche Idylle. Vor allem die Digitalisierung hat diese Transformation, das ist Schirrmachers architektonischer Schlussstein, ungeheuer beschleunigt und radikalisiert. Sie hat die Welt nicht nur technologisch verändert, sondern ihr eine neue soziale Physik beschert.

Es ist nicht einfach das Phänomen des Big Data, das Sammeln, Tauschen und immer intelligentere Verarbeiten immer gewaltigerer Datenmengen. Vielmehr geht es zunächst um die alles andere als triviale Tatsache, dass es sich hier um "Informationen" handelt, die transferiert werden. Informationen - nicht: Wissen. Informationen sind alle jene kleinen Sinnpartikel, die Sensoren und Software erfassen, noch weiter zerlegen, weiterleiten und nach rein strategischen Gesichtspunkten (Werbung wie Google Adwords, Prognose von Börsenkursen etc.) automatisiert zusammenbauen, um sie zu kommerzialisieren.

Am bedeutsamsten ist dabei die versteckte Implikation, nämlich die Entwertung des Wissens zugunsten der Information. Schirrmacher führt aussagekräftige Zitate von Großmeistern und erfolgreichen Unternehmern der digitalen Industrie an, die sich allesamt darüber einig sind, dass "Information" in diesem Kontext nicht "Verstehen" voraussetzt. Im Gegenteil - das Verarbeiten von Informationen, ohne ihnen einen verstehbaren "Sinn" zuschreiben zu müssen, ist die Basis ihrer automatisierten Verwertung.

Und hier setzt das tiefe bürgerliche Unbehagen Schirrmachers ganz besonders an. Wenn Wissen als Quelle vor allem des gesellschaftlichen immateriellen Reichtums ausgemustert und durch automatisierbare sinnfreie Informationen ersetzt wird, entfällt alles, was wir mit Bildung, Lebenserfahrung, Selbsterkenntnis, ja auch mit dem Zweck universitärer Ausbildung und Forschung verbinden. Damit bricht ein bildungsbürgerliches Weltbild zusammen. Dass das universitäre Bachelorstudium sich verwandelt in die verschulte Aufnahme von hochselektiven Wissenspartikeln, die von den Studenten längst nicht mehr in größere thematische Zusammenhänge eingeordnet und interpretiert werden müssen, ist zwar erst ein Trend, aber vielsagend genug, um ins Bild zu passen.