Frank Schirrmachers "Ego - Das Spiel des Lebens" Vom Sieg eines inhumanen Modells

Ende eines Weltbilds: An der Börse siegten die Informationen über das Wissen.

(Foto: dpa)

Am Anfang war es nur ein Wort, eine Fiktion: der "homo oeconomicus". Doch längst hat dieses Modell die Macht über die reale Ökonomie, vor allem aber über die Individuen gewonnen. "Ego", die Kapitalismuskritik von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, lehrt uns das Grausen.

Von Andreas Zielcke

Warum können ausgerechnet Literaturwissenschaftler, Ethnologen und Feuilletonisten zur Zeit so beeindruckende Kapitalismuskritiken schreiben? Dass sie sich zutrauen, Weisheiten über alles und nichts und Gott und die Welt zu verkünden, weiß man. Trotzdem ragen Essays wie Joseph Vogls "Gespenst des Kapitals", David Graebers "Schulden" und jetzt das am kommenden Montag erscheinende Buch des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher "Ego - Das Spiel des Lebens" (Blessing Verlag, 352 Seiten, 19,99 Euro) weit über diesen gehobenen Dilettantismus hinaus. Wieso also? Zwei Antworten liegen nahe.

Experten der Ethnografie und der Literatur sind gewohnt, behauptete Sachverhalte und vermeintlich Unverrückbares als Fiktion, als Narration wahrzunehmen und zu deuten. Darum provoziert sie der heutige Kapitalismus, der sich seit dem Fall des Kommunismus wie ein alternativloses Naturgesetz gibt, gegen das Widerspruch sinnlos ist. Dass sich hinter seinem unbedingten Geltungsanspruch eine gesellschaftliche Konvention verbirgt, die gemacht und gewollt und in einen tiefreichenden Sinnzusammenhang eingebettet ist, den es zu erfragen, auszulegen und in Kontexte zu setzen gilt, kommt dem angestammten Metier jener eigentlich fachfremden Exegeten nahe. Man muss den Kapitalismus auch zu "lesen" verstehen.

Zum anderen haben wir es, und damit nehmen wir schon Schirrmachers Kernthese vorweg, spätestens seit dem Beginn des digitalen Zeitalters mit dem "Informationskapitalismus" zu tun. Und was sind Informationen anderes als fabrizierte Objekte, die Sinn vermitteln und der Interpretation bedürfen? Wenn schließlich auch Geld nur eine Information ist, wenn auch eine ganz besondere, verdinglicht und virtuell zugleich und mit einer verbindlichen Wertaussage, dann verlangt es erst recht nach Interpreten, die mit vieldeutigen Zeichen und Sprachen umzugehen wissen.

Dass hierbei kein Werk entsteht, das den Standards der Wirtschaftswissenschaften entspricht, gar nicht zu reden von der Finanzmathematik, versteht sich. Wer das vermisst, wird Schirrmachers Schrift beiseitelassen. Aber auch er würde viel verpassen. Schirrmacher beschreibt den Sieg eines synthetischen, letztlich inhumanen Modells - den homo oeconomicus - über die realen Individuen, ihre Lebenswelt, ihre Gesellschaft und Institutionen, ihre Demokratie. Ein Sieg, der für die Unterliegenden außerordentlich verlustreich ist.

Die Mittel, mit denen Schirrmacher diesen verhängnisvollen Sieg darstellt, sind unakademisch, aber in der Tat mit feuilletonistischer Bravour und Suggestivkraft eingesetzt - und mit dem Entsetzen vor dem, was er beschreibt. Wer sein Buch unterschätzt, weil es darin von (für ihn so typischen) Superlativen und apokalyptischen Untertönen wimmelt und weil es assoziativ, selektiv, zugespitzt und beschwörend voranstürmt, statt ruhig und analytisch einen Schritt nach dem anderen zu machen, der bringt sich um die Chance, an seinen bedeutenden Einsichten teilzuhaben. Offensichtliche Lücken muss man selber schließen. An einer Stelle des Buches heißt es in einem Zitat, dass Menschen im Unterschied zum homo oeconomicus "intuitiv und heuristisch" handeln. Von intelligenter Intuition und nachdenkenswerter Heuristik zeugt auch das Buch selbst.

Zu verwechseln mit traditioneller Kapitalismuskritik ist es nicht. Vom Fetisch der Ware, vom Mehrwert, von der Ausbeutung der Arbeiter, vom Klassenkampf steht darin kein Wort. Schirrmacher als "linken" Kapitalismusgegner hinzustellen oder, je nachdem, zu loben, liegt daher daneben. Sein Erkenntnisinteresse ist ein ganz anderes. Man kann es, ohne ihm nahezutreten, aus der tiefen Verunsicherung des bürgerlichen Selbstverständnisses ableiten, das unter die Herrschaft des neuen, Geist und Seele vereinnahmenden Kapitalismus gerät und sich darin nur noch in entstellter, pathologischer Verfassung wiederfindet.

Was ist neu an dieser Ökonomie?

Nach Schirrmacher ist es eine ebenso unwiderstehliche wie toxische Kombination aus drei Elementen: die den Wettbewerb und Markt inzwischen beherrschenden Maximen der Spieltheorie; der im homo oeconomicus zum Modell erhobene und nobilitierte Egoismus; und schließlich die totale Digitalisierung der Ökonomie, die die Marktprinzipien universalisiert und jedes Unternehmen, jeden Privathaushalt nicht nur miteinander vernetzt, sondern in dieselbe ökonomische Logik der Informationsgewinnung und -verarbeitung zwingt.