Um viel mehr: Das Denken, die Gesellschaft, die Theorie, der freie Wille und letztlich das Menschenbild verändern sich unter dem digitalen Druck des immer intelligenter ausufernden Netzwerks. Der Neurologe Gary Small wird mit seiner Studie zitiert, die nachweist, dass Computer das Hirn nicht nur psychologisch, sondern auch neurologisch verändern können. Der Wandel von einem linearen Denkprozess über Ursache und Wirkung zu einem vernetzten Denken über Korrelationen wird beschrieben. Da werden die Herausforderungen an eine Gesellschaft in den Raum gestellt, deren Mitglieder es immer schwerer haben, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Der Psychologe Gerd Gigerenzer kann die Veränderungen neuer Werkzeuge auf die Theorien des Menschen nachzeichnen.
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Im zweiten Teil sucht "Payback" nach Lösungen, um aus der kognitiven Krise auszubrechen, und vor allem, um den freien Willen und den Humanismus zu retten. Da wird das Buch zum Aufruf, eine aktive Rolle in der digitalen Entwicklung zu übernehmen. Der zwanghafte Zustand, ständig zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen zu entscheiden, den der Kognitionspsychologe Roy Baumeister "Ich-Erschöpfung" nennt, sei ein Alarmsignal, um die Informationen wieder dem Hirn unterzuordnen und nicht umgekehrt. Nur so können die digitalen Technologien ihre befreiende Wirkung entwickeln, in der die Speicherung des Wissens den Maschinen überlassen wird und das menschliche Denken einen so revolutionären wie evolutionären Schritt nach vorne tun kann.
Tweeds oder Tweets?
Das mag nicht neu sein. Doch "Payback" funktioniert ähnlich wie die Ideenbücher amerikanischer Autoren wie Malcolm Gladwell oder Chris Anderson. Die bringen Fluten existierender Studien, Artikel und Ideen in einen erzählerischen Fluss ein, der ein komplexes Phänomen für ein gebildetes Massenpublikum verständlich macht. "Payback" ist so vor allem ein Grundsatztext über das Denken und die Ideengeschichte im digitalen Zeitalter. Was man dem Buch vorwerfen kann, ist höchstens, dass es die digitale Debatte in Deutschland zwar auf den neuesten Stand, aber nicht weiterbringt.
Es sind winzige Details, mit denen das Buch die Chance verspielt, die verhärteten Fronten aufzuweichen und die digitale Kluft in Deutschland zu überwinden. Ein einziger Buchstabe bringt das Buch schon im zweiten Satz zum Schlingern. Da zählt Schirrmacher auf, was ihn so plagt: "SMS, E-Mails, Feeds, Tweeds..."
Mit dieser Verwechslung eines einzigen Buchstabens - weil sicherlich die Kurznachrichten von Twitter gemeint sind, die sich "Tweets" buchstabieren, und nicht der Stoff, aus dem die Uniformjacken deutscher Studienräte geschneidert sind - verliert der Text den Respekt jener "Digital Natives", die in dem Buch durchaus Material finden würden, um die Debatten hierzulande zu bereichern. Da wirkt der eine falsche Buchstabe wie ein einziges falsch gesetztes Zeichen, das hunderttausende Zeilen Code lahmlegt.
Der kleinste gemeinsame Nenner
Dabei ist Frank Schirrmacher keineswegs ein digitaler Außenseiter. Im Onlinemagazin Edge.org begegnet er digitalen Vordenkern wie George Dyson, Jaron Lanier und David Gelernter auf Augenhöhe. Man merkt auch seinem Text an, dass ihm die Grenzen der linearen Erzählform längst zu eng geworden sind, dass Klammern, Einschübe und Fußnoten die Thesengebäude gerade noch zusammenhalten können, bevor die vernetzten Gedanken die Buchform sprengen.
Ohne den Respekt der "Natives" wird "Payback" die digitale Kluft, die sich durch Deutschland zieht, jedoch nicht überbrücken. Auch der Spagat, den Schirrmacher zwischen seinem kulturpessimistischen Ansatz und seiner eigenen Zukunftseuphorie macht, ist letztlich zu weit. Zu oft versichert er: "Dies ist kein Pamphlet gegen Computer."
Die Frage bleibt - lässt sich die digitale Kluft überhaupt schließen? Widersprechen sich das lineare und das vernetzte Denken nicht so sehr, dass sie keine gemeinsame Ebene finden können? Ist der Spagat zwischen beiden nicht erst einmal der kleinste gemeinsame Nenner? Eine Brücke baut "Payback" zumindest, und die erweitert den engen Horizont der deutschen Streitigkeiten über den Atlantik. Dort ist die digitale Gesellschaft längst viel weiter. Und mit ihr die Debatten über eine digitale Zukunft.
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DFB-Pleite gegen die Schweiz
Beim besten Willen kann ich nicht finden, dass Schirrmacher die Debatte auf ihren Stand brächte. Wenn dieses unterschiedslose Verrühren unterschiedlichster Aspekte der Computerisierung und des Internet bereits als sinnstiftender Beitrag zur Debatte gewertet werden kann, dann verstehe ich, warum wir eher von einem Land der Bildungsferne und RTL+ sprechen müssten, als von einem Land der Dichter und Denker. Zumal ein Großteil der von Schirrmacher thematisierten Phänomene einen ähnlich ursächlichen Zusammenhang mit dem Internet haben, wie der Stand der Bananenernte mit dem Wechselkurs des Euro zum Dollar. Reizüberflutung, Überforderung durch die Komplexität der Welt, Informationen statt Inhalte, wichtiges neben unwichtigem - das alles ist erst seit dem Aufkommen des Internet ein Thema? Vollends wirr wirds dann, wenn Schirrmacher seiner Angst vor einem digitalen Leviathan freien Lauf lässt. Die neurotische Angst des ewigen Mathematikversagers vor der nächsten Prüfungsfrage wurde hier hemmungslos und selbsttherapeutisch ausgelebt. Dieses Buch trägt zu einem Verständnis des Internet sowie seiner Chancen und Risiken so gut wie gar nichts bei.
Autor Kreye hat festgestellt, daß im zweiten Absawtz des Buches "payback" von "Tweeds" die Rede ist, wo es "Tweets heißen müßte. Daraus wird in Karl-Kraus-Manier Grundsatzkritik an dem Buch abgeleitet - und schon wird die vermeinteliche Genauigkeit von Kreyes Lektüre in der "Berliner Zeitung" vom 20. 11. gelobt. Eher ist diese "Aufdeckung" ein Beleg dafür, daß die Fähigkeit zu gründlicher Lektüre verlorengegangen ist. Denn zwei Seiten später (S. 15.) ist korrekt von "Tweets" die Rede ist. Also letztlich ein Korrektoren/Lektoenfehler, aber kein Ausweis grundsätzlicher Unkenntnis.
Was offensichtliche Schlamperei ist, sollte nicht mit grundsätzlicher Bedeutung aufgeladen werden.
Zitat:
Die Frage bleibt - lässt sich die digitale Kluft überhaupt schließen? Widersprechen sich das lineare und das vernetzte Denken nicht so sehr, dass sie keine gemeinsame Ebene finden können?
So unterschiedlich sind lineares Denken und vernetztes Denken vielleicht gar nicht. Sind Facebook und Twitter nicht gerade deshalb so große Erfolge, weil die umgekehrte Chronologie in der Darstellung eine erzählerische Struktur erzeugt, die den Eindruck erweckt, das Leben folge einem Lauf?
Lieber Frank,
ganz hemdsärmelig nenne ich Sie mal so, weil mir v.a. Ihr Aufsatz "Verteidigung der Schrift" immer noch sehr gut gefällt. Ich möchte Sie zu einer kurzen Reflexion einladen: Stellen wir uns einen Wissensdurstigen des 19. Jahrhunderts vor auf der Suche nach einigen für ihn wichtigen Büchern. Kutschengalopp von einer Bibliothek in die andere. Dort sucht er gierig, guckt hier und da, findet haufenweise Trivialliteratur, Diätbücher, schließlich findet er nicht, was er sucht, er galoppiert weiter und weiter, von Bibliothek zu Bibliothek.
Plötzlich kommt ein Jules Verne daher und setzt ihn in ein Gefährt, in dem unser Wissensdurstiger jede beliebige Bibliothek der Welt in Bruchteilen von Sekunden erreichen kann. Es ist nur die Geschwindigkeit, und von *der* darf man sich nicht irre machen lassen. "Surfen" kann man auch langsam...
Beste Grüße
jens57
es ist natuerlich wirklich nicht leicht ,das lesen einzustellen ...wenn man gewohnt ist es gerne zu tun solange und sofort als buchstaben vorm auge auftauchen ...
das ist fuer menschen die auch noch schreiben noch ungleich viel schwerer...als fuer nurleser
das muss man trainieren ---ueben---wirklich erlernen ,manchmal erzwingen... einfach jezt nicht zu lesen ...wenns einen nicht interessiert....wenns doof ist ...das ist in zeiten des internet unverzichtbar ...weil man sonst leicht ..schwer wahnsinnig wird....mit sms tweet oder tweed hat das raketenzeitalter im schriftverkehr eingesetzt ohne rakete und so ist es eben...nun..heute ..und veraendern tut es die welt weniger ...ausser in der automatisierung der arbeit der produktion die mehr aufmerksamkeit und niederschlag in der politik finden sollte ...damit die windfalls auch gerecht verteilt werden...
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