Frank Schirrmacher: Payback Digitale Zukunft

Um viel mehr: Das Denken, die Gesellschaft, die Theorie, der freie Wille und letztlich das Menschenbild verändern sich unter dem digitalen Druck des immer intelligenter ausufernden Netzwerks. Der Neurologe Gary Small wird mit seiner Studie zitiert, die nachweist, dass Computer das Hirn nicht nur psychologisch, sondern auch neurologisch verändern können. Der Wandel von einem linearen Denkprozess über Ursache und Wirkung zu einem vernetzten Denken über Korrelationen wird beschrieben. Da werden die Herausforderungen an eine Gesellschaft in den Raum gestellt, deren Mitglieder es immer schwerer haben, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Der Psychologe Gerd Gigerenzer kann die Veränderungen neuer Werkzeuge auf die Theorien des Menschen nachzeichnen.

Im zweiten Teil sucht "Payback" nach Lösungen, um aus der kognitiven Krise auszubrechen, und vor allem, um den freien Willen und den Humanismus zu retten. Da wird das Buch zum Aufruf, eine aktive Rolle in der digitalen Entwicklung zu übernehmen. Der zwanghafte Zustand, ständig zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen zu entscheiden, den der Kognitionspsychologe Roy Baumeister "Ich-Erschöpfung" nennt, sei ein Alarmsignal, um die Informationen wieder dem Hirn unterzuordnen und nicht umgekehrt. Nur so können die digitalen Technologien ihre befreiende Wirkung entwickeln, in der die Speicherung des Wissens den Maschinen überlassen wird und das menschliche Denken einen so revolutionären wie evolutionären Schritt nach vorne tun kann.

Tweeds oder Tweets?

Das mag nicht neu sein. Doch "Payback" funktioniert ähnlich wie die Ideenbücher amerikanischer Autoren wie Malcolm Gladwell oder Chris Anderson. Die bringen Fluten existierender Studien, Artikel und Ideen in einen erzählerischen Fluss ein, der ein komplexes Phänomen für ein gebildetes Massenpublikum verständlich macht. "Payback" ist so vor allem ein Grundsatztext über das Denken und die Ideengeschichte im digitalen Zeitalter. Was man dem Buch vorwerfen kann, ist höchstens, dass es die digitale Debatte in Deutschland zwar auf den neuesten Stand, aber nicht weiterbringt.

Es sind winzige Details, mit denen das Buch die Chance verspielt, die verhärteten Fronten aufzuweichen und die digitale Kluft in Deutschland zu überwinden. Ein einziger Buchstabe bringt das Buch schon im zweiten Satz zum Schlingern. Da zählt Schirrmacher auf, was ihn so plagt: "SMS, E-Mails, Feeds, Tweeds..."

Mit dieser Verwechslung eines einzigen Buchstabens - weil sicherlich die Kurznachrichten von Twitter gemeint sind, die sich "Tweets" buchstabieren, und nicht der Stoff, aus dem die Uniformjacken deutscher Studienräte geschneidert sind - verliert der Text den Respekt jener "Digital Natives", die in dem Buch durchaus Material finden würden, um die Debatten hierzulande zu bereichern. Da wirkt der eine falsche Buchstabe wie ein einziges falsch gesetztes Zeichen, das hunderttausende Zeilen Code lahmlegt.

Der kleinste gemeinsame Nenner

Dabei ist Frank Schirrmacher keineswegs ein digitaler Außenseiter. Im Onlinemagazin Edge.org begegnet er digitalen Vordenkern wie George Dyson, Jaron Lanier und David Gelernter auf Augenhöhe. Man merkt auch seinem Text an, dass ihm die Grenzen der linearen Erzählform längst zu eng geworden sind, dass Klammern, Einschübe und Fußnoten die Thesengebäude gerade noch zusammenhalten können, bevor die vernetzten Gedanken die Buchform sprengen.

Ohne den Respekt der "Natives" wird "Payback" die digitale Kluft, die sich durch Deutschland zieht, jedoch nicht überbrücken. Auch der Spagat, den Schirrmacher zwischen seinem kulturpessimistischen Ansatz und seiner eigenen Zukunftseuphorie macht, ist letztlich zu weit. Zu oft versichert er: "Dies ist kein Pamphlet gegen Computer."

Die Frage bleibt - lässt sich die digitale Kluft überhaupt schließen? Widersprechen sich das lineare und das vernetzte Denken nicht so sehr, dass sie keine gemeinsame Ebene finden können? Ist der Spagat zwischen beiden nicht erst einmal der kleinste gemeinsame Nenner? Eine Brücke baut "Payback" zumindest, und die erweitert den engen Horizont der deutschen Streitigkeiten über den Atlantik. Dort ist die digitale Gesellschaft längst viel weiter. Und mit ihr die Debatten über eine digitale Zukunft.