Frank Ocean Posterboy der schwulen Hip-Hop-Bewegung?

Schmaler Grat: Der Sänger Frank Ocean verrät, dass seine erste große Liebe ein Mann war. Eine Sensation, meinen die einen. Banal, sagen andere. Interessant ist vor allem, wie der Künstler die Worte seines Coming-outs wählt.

Von Jan Kedves

Je nachdem, wie man es wendet, ist es der Beginn einer neuen Zeitrechnung oder die überflüssigste Meldung der Welt: Frank Ocean, Mitglied des kalifornischen Odd-Future-Kollektivs, hat sich vor fünf Jahren in einen Mann verliebt. Es war die erste große Liebe für Ocean, allerdings keine glückliche, denn der Freund, Afroamerikaner wie er und damals ebenfalls 19, wollte dem Verlangen nicht nachgeben, mit Hinweis auf seine zu Hause wartende Freundin.

Frank Ocean 2011 bei der alljährlichen "Mann des Jahres"-Party des Männermagazins GQ.

(Foto: AP)

So schreibt es Ocean, bürgerlich Christopher Breaux, dessen Mixtape "Nostalgia, Ultra" einer der Höhepunkte des Popjahres 2011 war, in einem autobiographischen Text, veröffentlicht am Dienstag auf seinem Tumblr-Blog.

Das erste Coming-out im Hip Hop? Eine Sensation - meinen die einen. Zu ihnen gehört Russell Simmons, Gründer des Labels Def Jam, bei dem Ocean unter Vertrag steht: "Heute ist ein großer Tag für den Hip-Hop", gratuliert der Entrepreneur und Menschenrechtsaktivist. Moment mal - sagen die anderen und weisen darauf hin, dass es im Hip-Hop längst bekannte Lesben gibt, etwa das Duo Yo Majesty aus Florida, oder Syd the Kyd, die Produzentin, Managerin und DJ der Odd-Future-Gang.

Ist das Outing eines Mannes im Hip-Hop spektakulärer als das einer Frau? Für manche drängt sich hier sofort ein Vergleich mit Frauen- und Männerfußball auf: Jetzt, wo "es" im Hip-Hop geschafft sei, kommentieren sie im Internet, sollten nun endlich auch schwule Fußballer keine Hemmung mehr haben, zu ihrem Begehren zu stehen. Aber so, wie es bislang zwar lesbische Nationalspielerinnen, aber noch keinen offen schwulen Profifußballer gibt, gibt es auch noch keinen bekannten schwulen Rapper.

Er spricht nur von Liebe

Frank Ocean ist R'n'B-Sänger, seine Liga ist nicht die des harten Reimsports, Mann gegen Mann, sondern des Croonens und des Schmachtens. Damit ist er zwar fest in der Hip-Hop-Kultur verwurzelt, steht aber nicht an allervorderster Front. Er ist Zulieferer, zuständig für Melodien und Gefühle.

Interessant ist indes, wie Ocean, der im vergangenen Jahr auf zwei Stücken des Albums von Kanye West und Jay-Z, "Watch The Throne", zu hören war, die Worte seines Outings wählt. In der nicht gerade für entspannte Männlichkeit bekannten Hip-Hop-Kultur herrscht die Terminologie einer fast paranoiden Zwangsheterosexualität: "Gay" wird als Schimpfwort verwendet, und jeder Äußerung, die auch nur im Entferntesten als allzu männerfreundlich aufgefasst werden könnte, schieben viele nervös die Versicherung "No homo!" hinterher.

Ocean verwendet in seinem Text keines dieser Worte, auch nicht das Attribut "bisexual", er spricht nur von Liebe. Die Zuschreibungen müssen also andere übernehmen. So wird aus einem R'n'B-Sänger, der allem Anschein nach keinen Drang verspürt, zum Posterboy einer expliziten Homo-Hop-Bewegung zu werden, der erste offen schwule Rapper. Vielleicht sollte man einfach schreiben: Frank Ocean hat sich in einen Mann verliebt, herzlichen Glückwunsch, die Welt braucht mehr Liebe.