"Frances Ha" im Kino Nur Frances kann so durch Chinatown rennen

Aber wenn jemand einfach so vor Glück durch Chinatown rennen kann, mal auf dem Trottoir, mal auf der Straße, und dabei sogar Sprünge macht und Pirouetten dreht, Rucksack hin oder her, wild mit den Händen rudert, lacht und sogar kleine Freudenschreie ausstößt - dann kann das eben Frances und niemand sonst.

Und dann kommt der Moment, in dem sie in der neuen Wohnung steht, aufgeschlossen mit dem eigenen Schlüssel. Die Tür fällt ins Schloss und schneidet schlagartig die Musik ab, und Frances strahlt atemlos in den Raum hinein . . . nur um zu merken, dass niemand da ist.

Freude und zugleich Enttäuschung, dass sie diesen Moment mit niemandem teilen kann. Angekommen sein, sich fallen lassen, zugleich aber auch die resignierte Erkenntnis, wie mitleidlos schnell das Verblassen beginnt, selbst der tollsten Momente - all diese Gefühle huschen in dieser genialen Sekunde über Frances' Gesicht.

Man könnte jetzt noch einiges erzählen über Greta Gerwig, die schon länger solche Frauen spielt, charmant ein bisschen neben dem Mainstream getaktet, durchaus auch schon für Woody Allen, und in dieser ihrer Nische sehr erfolgreich ist - wesentlich erfolgreicher und disziplinierter jedenfalls als Frances.

Man könnte die Kunst des Regisseurs Noah Baumbach hervorheben, seit "Der Tintenfisch und der Wal" einer der präzisesten Chronisten New Yorks, der hier in Schwarz-Weiß gedreht hat, um Allens "Manhattan" explizit seine Reverenz zu erweisen, und der natürlich auch die Stadtneurotikerin Annie Hall im Hinterkopf hat.

Der oft ultrapessimistische Baumbach hat hier nicht mehr allein geschrieben, sondern von Anfang an mit Greta Gerwig zusammen, die dann unter der Hand auch seine Lebenspartnerin wurde - anders hätte Frances nie diese Lebendigkeit bekommen.

Gegen das Streben nach Perfektion

Und diese neue Generation von Schauspielerinnen, die schreibend in das Schicksal ihrer Figuren eingreifen, immer zum Besseren, auch wenn Männer am Ende noch Regie führen, ist das nicht überhaupt ein bemerkenswerter Kinotrend? Zoe Kazan und "Ruby Sparks", Rashida Jones und "Celeste & Jesse Forever", Kristen Wiig und "Bridesmaids", Brit Marling nun schon dreimal, ganz aktuell wieder bei "The East".

Klingt aber fast schon wieder angestrengt. Und angestrengt möchte man nun wirklich nicht klingen, wenn man von Frances erzählt. Es geht hier um die Verteidigung des Unvollständigen und nicht Perfekten, und das in einer Zeit, in der das Kino wie von Sinnen nach Wichtigkeit, Vollständigkeit und Perfektion strebt, ausgepixelt bis ins letzte Eck seines digitalen Hyperrealismus.

Frances heißt eigentlich Frances Halladay. Das passt aber nicht in das Namensfenster des kleinen rostigen Briefkastens von Apartment 11, das sie ganz am Ende des Films bezieht. Zumindest nicht in ihrer Schrift. Also knickt sie das Schild, das sie geschrieben hat, einfach um. Und beschließt, vorerst Frances Ha zu bleiben.

Frances Ha, USA 2012 - Regie: Noah Baumbach. Buch: Greta Gerwig, N. Baumbach. Kamera: Sam Levy. Schnitt: Jennifer Lame. Musik: George Drakoulias. Mit Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper, Adam Driver. Verleih: MFA, 86 Minuten.