"Fraktus" im Kino Trio infernale

Die Geburt der Neuen Deutschen Welle aus dem Geist des Krautrocks: Auch wenn es die Techno- und Elektropopband Fraktus nie gab, jetzt wird sie endgültig rehabilitiert - und zwar von Humoristen des "Studio Braun".

Von Rainer Gansera

Lars Jessens erzählt in seinem aktuellen Film die Geschichte vom Erfolg und Zerbrechen der Band "Fraktus" - so schön und lustig, dass sie nur wahr sein kann.

(Foto: dapd)

Sie bezeichnen sich gern als "Kaderschmiede des psychodelischen Humors" oder schmücken sich mit dem Titel "Kreativ-Fürsten der Bedeutungslosigkeit". Zusammen bilden sie das Kollektiv "Studio Braun": Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger. Man kennt sie auch solistisch als Roman- und Song-Autoren, als "Die Partei"-Kandidaten bei den Hamburger Bürgerschaftswahlen, als Veranstalter von Body-Painting-Performances. Nun haben sich die Multitalente in ein herrlich abgedrehtes Kinoabenteuer gestürzt. "Fraktus" (Regie: Lars Jessen) jongliert mit Fakt und Fiktion, Fake und Flunkerei, erzählt von den legendären Erfolgen und dem Comeback einer fiktiven, aber megawichtigen deutschen Band.

"Die waren das Missing Link zwischen Krautrock und der Neuen Deutschen Welle", erklärt DJ Westbam ehrfürchtig. Trio-Frontmann Stephan Remmler gerät regelrecht ins Schwärmen: "Die Reduktion auf das Wesentliche, das haben die so gut gemacht, so haben wir selber das nie hingekriegt." Die Rede ist von dem Trio Fraktus, das in den frühen Achtzigerjahren mit seinen visionären Klangbasteleien auf Instrumenten wie etwa dem Föhn-Dudelsack Techno und Elektropop inaugurierten. Alle stimmen in das Loblied auf Fraktus ein: Jan Delay, Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten, Marusha, H. P. Baxxter von Scooter. Geniales Intro, bei dem die Pop-Prominenz höchst überzeugend mitspielt.

Phänomenaler Parodie-Rundumschlag

Bei solchen Zeugenaussagen muss man einfach an die Existenz der Musik-Legende glauben, und schon kann die Story, angetrieben von schrill-parodistischem Witz, in Gang kommen. Detailgenau rekonstruiertes Archivmaterial ruft die kurze Zeit in Erinnerung, in der Fraktus seine klangliche Magie entfaltete, 1983 die Charts eroberte, um sogleich im großen Ego-Crash auseinanderzubrechen. Jetzt, 28 Jahre später, will ein Journalist (Devid Striesow) die drei heimsuchen und zum spektakulären Fraktus-Revival animieren. Bleibt nur die Frage: Was ist aus den Avantgarde-Künstlern von einst geworden?

Boshafter kann man sich Karriere-Metamorphosen kaum ausdenken: Der Ex-Frontmann (Schamoni), typologisch zwischen Rocker und Althippie angesiedelt, betreibt ein Internetcafé und gefällt sich in tumber Eitelkeit. Der einstige Klangtüftler (Palminger) hat sich im Optikergeschäft seiner Eltern verkrochen und frönt greisenhafter Experimental-Exzentrik. Der Dritte im Bunde (Strunk) lebt luxuriös auf Ibiza, entpuppt sich als Erfolgsproduzent von Disco-Knallern und klimpert mit seinen Goldkettchen.

Bisweilen geraten die Gags zu platt, oder - wie im Optikerladen - allzu gespreizt, finden aber immer wieder den Ausweg ins wunderbar Absurde und ätzend Satirische. Es heißt ja immer, Musikfilme könnten hierzulande nicht funktionieren. "Fraktus", der phänomenale Parodie-Rundumschlag gegen Reality-TV, Retromanie und den Ausverkauf kreativer Potenziale, beweist das Gegenteil.

FRAKTUS, D 2012 - Regie: Lars Jessen. Buch: Studio Braun, Ingo Haeb, Sebastian Schulz, Jessen. Kamera: Oliver Schwabe. Musik: Carsten Meyer, Studio Braun. Mit Devid Striesow, Heinz Strunk, Jacques Palminger, Rocko Schamoni. Pandora, 95 Min.