Fraktur und Sütterlinschrift Hitlers dümmster Triumph

Warum darf ein Erlass aus dem Jahr 1941 sich immer noch zwischen uns und die Handschriften der Klassiker legen? Warum konnten wir nicht ein Volk von zwei Schriften bleiben, wie wir es jahrhundertelang waren?

Hitler hat die Autobahnen gebaut - allerdings nicht ganz aus eigenem Entschluss, die Planungen aus der Weimarer Republik lagen längst vor -, vor allem aber hat er der deutschen Gesellschaft und Kultur bis heute seinen Stempel aufgeprägt. Der von ihm ausgelöste Bombenkrieg hat die Zentren vieler deutscher Städte planiert; Vermögensvernichtung und Vertreibungen haben ebenso wie die Kollektiverfahrungen von Volksgemeinschaft und Krieg die sozialen Unterschiede in der deutschen Gesellschaft schrumpfen lassen; missliebige Randgruppen verschwanden von der Bildfläche, das reich gegliederte Auslandsdeutschtum Osteuropas musste in die nachhitlersche Gesellschaft ebenso eingegliedert werden wie die Vertriebenen aus den verlorenen Ostgebieten.

Selten dürfte ein Volk innerhalb so kurzer Zeit so dauerhaft verändert worden sein wie das deutsche durch die Herrschaft der Nationalsozialisten. Bis in ihre tiefsten Reflexe ist die deutsche Gesellschaft von diesen zwölf Jahren bestimmt worden, man denke nur an den generationenübergreifenden Pazifismus, auf den jede Regierung von Adenauer bis Angela Merkel Rücksicht nehmen musste. Nachkriegsdeutschland ist auf allen Ebenen ein Kind dieser Zeit.

Seltsamerweise auch in der Art und Weise, in der wir lesen und schreiben. Durch Erlasse aus der Kanzlei des Führers, gezeichnet von Martin Bormann, wurden 1941 sowohl der Buchdruck wie die Schreibschrift aufs Lateinische umgestellt. Fraktur und Sütterlinschrift hatten aus Büchern und Schulheften zu verschwinden. Und dabei blieb es auch nach dem Krieg.

In den bildungsfernen Nachkriegsjahren mit ihrem dringenderen Wiederaufbaudruck hat man sich vielleicht nicht ganz klargemacht, was da eigentlich geschehen war. Mit dem Ende der Sütterlinschrift als Verkehrsschrift verschwand ja auch die unmittelbare Nachfolgerin jener deutschen Kurrentschrift, in der alle unsere Klassiker den überwiegenden Teil ihrer Briefe und Werke zu Papier brachten. Der durchschnittlich gebildete Deutsche, der heute nach Marbach oder Weimar fährt, steht vor den meisten Vitrinen nur wenig verständiger als vor arabischen Kalligraphien. Nur die kemalistische Türkei hat durch ihre Schriftreform einen ähnlich radikalen Bruch mit ihrer Vergangenheit vollzogen: Seither sind den Türken ihre osmanischen Überlieferungen großenteils verschlossen.

Darüber nachzudenken gibt eine wundervolle Ausstellung im Frankfurter Goethe-Haus die Gelegenheit. Dort hat man in einem abgedunkelten Kabinett ein Dutzend Schreibtische aufgereiht, auf denen unter Glas Originale des Briefwechsels von Goethe und Schiller gezeigt werden. Klavierhocker laden zum Sitzen und Lesen ein. Dass das gelingt, dafür sorgt an jedem Schreibtisch ein eigenes Leseheft, das die ausgestellten Briefstücke facsimiliert, transkribiert und erläutert. Wer sich der Mühe unterzieht, diese Ausstellung durchzuarbeiten, also nicht nur zu betrachten, der hat einen Intensivkurs in deutscher Kurrentschrift absolviert. Die meist gestochen schönen Schriften Schillers, Goethes und seiner Schreiber beginnen zu leben und zu reden; ganz verwandelt kommt man heraus, um wieder das Tageslicht in jenem 1944 niedergebrannten Frankfurt zu erblicken, in dessen hässlicher Mitte immerhin das Haus, in dem Goethe aufwuchs, wiederhergestellt wurde.

Immer wenn man das Haus am Hirschgraben betritt, darf man sich sagen: Hitler hat nicht ganz gesiegt. Aber warum lässt man ihm seinen Triumph in der Schriftfrage? Warum darf ein Erlass Martin Bormanns sich wie eine Schranke zwischen uns und die Handschriften Lessings oder Kleists legen? Warum konnten wir nicht ein Volk von zwei Schriften bleiben, wie wir es jahrhundertelang waren? Wer dagegen heute Widerstand leisten möchte, der besuche noch bis 26. Juni die Frankfurter Ausstellung; und wer es nicht nach Frankfurt schafft, der werfe wenigstens einen Blick auf die vier im Internet abrufbaren Lesehefte (www.kulturexpress.de). Nachholender Widerstand gegen Hitler, hier kann er geleistet werden!