Österreich FPÖ-Hetze wird zur Kunst

Nimmt es mit der Wahrheit nicht so ernst, wenn es seiner Sache nützt: FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache.

(Foto: AFP)

Heinz-Christian Strache wird beim Schwindeln erwischt. Eine Kunstaktion dokumentiert die Hetze seiner österreichischen Rechtspopulisten.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Die Unwahrheit sagen im Fernsehen und dann dabei erwischt werden, das ist lästig. Die Unwahrheit sagen, obwohl man davon ausgehen muss, erwischt zu werden, das ist dumm. Neulich haben Aktivisten der rechtspopulistischen FPÖ direkt vor einer Wiener Flüchtlingsunterkunft Schilder in die Höhe gehalten, auf denen "Nein zum Asylantenheim" zu lesen war; eine syrische Familie mit einem kleinen Jungen musste daran vorbeigehen.

In einer Talkshow behauptete FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache daraufhin, seine Leute hätten gar nicht vor der Unterkunft gestanden, sondern an einer entfernten Stelle, wo in der Regel keine Flüchtlinge vorbeikämen. Das Ganze sei als symbolischer Akt geplant gewesen. Aber ein Fotograf habe die Familie extra an dieser Stelle vorbeigeschickt - und dann ein hetzerisches Foto gemacht.

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Peinlich nur, dass sich der Fotograf meldete, die Familie, die er spontan und damit zufällig fotografiert hatte, wiederfand - und beweisen konnte, dass das Bild tatsächlich am Eingang des Asylbewerberheims gemacht wurde.

Unter höhnischem Gelächter

Das alles wäre nun nicht weiter bemerkenswert, denn die FPÖ ist bekannt dafür, dass sie bei der Erklärung ihrer Aktionen oft eine gewisse Kreativität aufblitzen lässt.

Aber die Sache hatte andere kreative Folgen, die den Fokus auf eine Installation am Platz vor der Albertina richteten. Dort steht das berühmte Mahnmal gegen Krieg und Faschismus des österreichischen Bildhauers Alfred Hrdlicka.

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Es zeigt neben dem "Tor der Gewalt" sowie Skulpturen für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft und für die Opfer aller Kriege auch eine am Boden kniende Figur: den straßenwaschenden Juden. "Reibpartien" nannte der Volksmund nach dem "Anschluss" 1938 diese Aktionen, bei denen jüdische Mitbürger gezwungen wurden, unter dem höhnischen Gelächter der Umstehenden anti-nazistische Parolen wegzuputzen.

Vor einigen Monaten schon hatte der straßenwaschende Jude ein neues Umfeld bekommen. Die Künstlerin Ruth Beckermann hatte in einem Filmarchiv eine historische Amateurfilm-Sequenz gefunden, auf der die Gegenseite zu sehen ist: grinsende, schadenfrohe Wiener Passanten, einer mit Hakenkreuzbinde am Arm, die einem am Boden knienden jungen Mann im Anzug dabei zuschauen, wie er den Asphalt "reibt".

Böses Déjà-vu

Diese Sequenz hat sie als Endlosschleife in zwei Glaskästen der Skulptur von Hrdlicka zugesellt; "Missing Image" heißt die eindrucksvolle Arbeit, die noch bis Mitte November auf dem Albertinaplatz zu sehen ist.

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"Diese Szenen 1938, die sogenannten Reibpartien, schreiben sich weniger in die Geschichte des Nationalsozialismus als vielmehr in die Geschichte des Wiener Antisemitismus beziehungsweise überhaupt der Wiener Bosheit ein: Hass, Neid und eine Hetz haben, auf Kosten der anderen", hatte die Filmemacherin ihre Arbeit kommentiert.

Doch das war nicht alles: Ihre Installation wurde, quasi als Work in Progress, nach der Aktion der FPÖ vor dem Flüchtlingsheim umgewidmet. Beckermann adaptierte die Arbeit kurzzeitig, indem sie die Filmsequenz durch eine aus dem Jahr 2015 ersetzte: Darauf waren - aus dem Blickwinkel der syrischen Familie in Wien - die FPÖ-Aktivisten zu sehen. Der Titel der Aktion: "Déjà vu".

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