Fotos von Blinden Ich sehe nichts, wo Du was siehst

Wie nimmt man Räume wahr, wenn man sie nicht sehen kann? Ein Fotograf hat Blinde gebeten, vertraute Orte zu fotografieren - und zu erzählen, was die Aufnahme ihrem Gefühl nach zeigt. Bilder eines beeindruckenden Experiments.

Von Alex Rühle

Was sehen Menschen, die nicht sehen können? Wie stellen sie sich die Welt vor? Räumlich und visuell? Oder verliert sich die bildliche Vorstellungskraft bei Menschen, die erblinden? Inwieweit ersetzen ihnen dann die anderen Sinne das Sehen? Und was wird aus den Farben, wenn einem lebenslang schwarz vor Augen ist? All diese Fragen trieben den Hamburger Fotografen Kilian Foerster um. Er machte sich auf die Suche nach Blinden, fotografierte ihre Gesichter und lieh ihnen seine Automatikkamera mit der Bitte, ein Foto an einem Ort zu machen, der ihnen vertraut ist. Anschließend sollten sie erzählen, was ihrer Ansicht nach auf dem Bild zu sehen ist. Wir zeigen eine Auswahl dieses beeindruckenden Experiments, das Foerster im Internet fortführt.

Ruth Wunsch, 80 Jahre, im Alter von 15 Jahren nachlassende Sehkraft, vor circa 15 Jahren vollkommen erblindet, arbeitete als Sekretärin.

(Foto: Ruth Wunsch/Kilian Foerster)

"Ich stehe in meinem Wohnzimmer vor meinem bequemen Sessel und habe in Richtung Wohnzimmertisch fotografiert, auf welchem sich viele Dekorationsteile befinden. Im Vordergrund des Tisches ist ein Kristallherz mit einer roten Herzlampe und einem weißen Marmorherz, weiter links liegt ein Miniaturbumerang aus Australien. Dahinter steht ein Kristallkerzenleuchter mit einer weißen Kerze, zusätzlich dekoriert mit einem blauen Blumenkranz. Rechts daneben ist eine bemalte Bonbondose, dann rechts daneben befindet sich ein Ständer aus Metall mit einer Kugel drinnen, die an einem Band aufgehängt ist.

Davor ein Kunstwerk von Franz Poppe aus Mürnitz, das soll einen Vulkan darstellen mit einer roten Kugel im Inneren als Lava. Davor ein Behältnis mit einem Stempel mit meinem Namen - ein Geschenk aus China. Darauf ein polierter Holzkasten mit winzigen Souvenirs, dahinter ein buntes Tablett mit Metallsachen, auf dem ein Kristallkorb mit Zierkürbissen steht und eine große Bonbon- niere aus Kristall, ein stehender Osterhase mit seiner sitzenden Osterhasenfrau.

Diese beiden Osterhasen kommen von einem Kunstgewerbemarkt und wurden mir von einer Freundin geschenkt, die schon verstorben ist. Hinter dem Wohnzimmertisch ist das Sofa, bezogen mit seegrünem Wildleder, darauf drei Sofakissen. Rechts und links liegen zwei Puppen, einmal eine Babypuppe aus meinen Kindertagen namens "Pummelchen" und links eine Puppe in einem bäuerlichen Outfit, die mir eine Freundin schenkte.

Über dem Sofa hängt ein Bild, ein Original von einem persischen Maler in zarten, sommerlichen Frühlingsfarben, worauf junge Figuren abgebildet sind, das hatte man mir mal gesagt. Links auf der Sofalehne liegen zwei Panamahüte aus Bast oder Leinen."