Mit dem Fotoportal seen.by kooperiert sueddeutsche.de von nun an. Zu Beginn schildert der Fotoreporter Gerd Ludwig seine Sicht auf Russland. Ein Gespräch über gebrochene Herzen.
seen.by: Woher stammt Ihre Leidenschaft für die alte Sowjetunion?
(© Foto: Gerd Ludwig)
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Gerd Ludwig: Die beruht auf meiner Familiengeschichte. Ich war ungefähr drei Jahre alt. Im Dunkeln, im Bett zwischen meine Eltern gekuschelt, lauschte ich der sanften, traurigen Stimme meines Vaters. Er beschrieb endlose Winterlandschaften und erzählte Geschichten von Soldaten, die sich durch Schneestürme kämpften. Und von Menschen, die sich aus Angst vor den Soldaten versteckten. Erst später erkannte ich die schreckliche Wahrheit: die Landschaften waren blutgetränkt, die Soldaten dem Tod geweiht, die Leidtragenden waren angsterfüllte Russen. Und ich begriff, dass die Gute-Nacht-Geschichten von damals ein Versuch meines Vaters waren, sich den Horror des Krieges vom Leibe zu reden. Er hatte als deutscher Soldat in Stalingrad gekämpft.
seen.by: Wie sind Sie damit umgegangen?
Ludwig: Als Teenager gehörte ich zur ersten Nachkriegsgeneration in Westdeutschland und bin mit tiefen Schuldgefühlen gegenüber Juden und Russland aufgewachsen. Und mit den Fragen an meinen Vater: Warum warst du da? Was hattest du dort zu suchen? Im Grunde genommen arbeite ich noch heute in meinen Russland-Fotos diese Schuld auf.
seen.by: Wann fand Ihre erste Begegnung mit Russland statt?
Ludwig: 1980 unter der Regierung Breschnjew. Die Menschen dort waren mir einerseits sehr vertraut, weil mein Vater mir so viel von der Warmherzigkeit der Russen erzählt hatte. Auf der anderen Seite war mir das Land irrsinnig fremd. Als ich meinen ersten Auftrag als Fotograf in der damaligen Noch-Sowjetunion erhielt, brachte ich es nicht übers Herz, dieses Land in meinen Bildern zu kritisieren, das durch meine Elterngeneration so gelitten hatte. Am Anfang waren meine Bilder tatsächlich nur der Versuch, die russische Seele widerzuspiegeln.
seen.by: Wann hat sich das dann geändert?
Ludwig: Erst in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren, als sich unter Michail Gorbatschow der Eiserne Vorhang öffnete, war ich bereit, die harte Realität im Land nicht mehr zu ignorieren. Ich begann, in meinen Fotos zwischen den Menschen und dem System zu unterscheiden. Und ich konnte erstmals Dinge fotografieren, die bisher nicht nur vor westlichen Augen sondern auch vor der landeseigenen russischen Presse verschlossen geblieben waren. Heutzutage ist das wegen der zunehmenden staatlichen Kontrolle wieder fast so schwierig wie zu Sowjetzeiten.
seen.by: Wie kam es zu den dramatischen Bildern über die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl?
Ludwig: Ich war zwischen 1991 und 2005 dreimal für längere Zeit dort. Dabei drang ich so tief in den zerstörten Reaktor vor wie kein anderer westlicher Fotograf. Ich begleitete die Arbeiter während dreier Schichten im Reaktor. Trotz Gasmasken und doppelter Schutzkleidung dürfen die Männer wegen der hohen Strahlenbelastung nur eine 15-minütige Schicht pro Tag in dem besonders gefährdeten Bereich arbeiten.
seen.by: Wie erging es Ihnen dabei?
Ludwig: Es war ein irrsinniges Gefühl: Du stolperst mit deiner Schutzmaske vor Augen mehr als dass du gehst. Dunkle Gänge entlang, enge Metallleitern hinauf und hinunter, immer umgeben vom Geröll und dem Schrott des zerstörten Reaktors. Das Innere des Bereichs ist nur sehr spärlich beleuchtet. Du weißt, du hast nur 15 Minuten, und überall lauert diese unsichtbare Gefahr. Nach der Hälfte der Zeit fangen der Geigerzähler und die Dosimeter an zu piepen und signalisieren, deine Zeit ist gekommen. Jetzt nur so schnell wie möglich wieder raus.
seen.by: Wollen Sie mit den Fotos etwas bewirken?
Ludwig: Ich werde oft wegen dieser Bilder gefragt, ob ich Atomkraftgegner bin. Dazu lasse ich meine Fotos sprechen. Ich will dazu beitragen, dass so eine solche Katastrophe nie wieder geschehen kann. Mir ist wichtig, die Opfer, die Liquidatoren und alle anderen, die Folgeschäden davongetragen haben, zu zeigen. Ihr Leiden ist unermesslich. Sie, die sich von mir mit den Worten fotografieren ließen: Uns kann man nicht mehr helfen. Aber wir wollen unser Schicksal mit dir teilen, damit du der Welt erzählst, dass so etwas nie wieder passieren darf.
seen.by: Wie bestimmt die Katastrophe das Leben der Menschen?
Ludwig: Es gibt ja nicht nur die direkten Folgen des Reaktorunfalls. Sondern auch sogenannte sekundäre Schädigungen. Viele Menschen sind erkrankt und wissen nicht, ob es eine normale Krankheit ist oder Folge der Katastrophe. Aus Verzweiflung greifen viele häufig zum Alkohol. Ihre Kinder enden oft im Waisenhaus. Oder Menschen aus kleinen Ortschaften werden aus den verstrahlten Zonen gegen ihren Willen in die Großstadt umgesiedelt, fern von Freunden und Heimat. Viele Ältere gehen wieder zurück, um als Illegale in der Zone zu leben. Sie wollen nicht an gebrochenem Herzen in einer anonymen Vorstadt von Kiew sterben. Sie wollen auf der eigenen Scholle leben, auch wenn sie dort vielleicht an Krebs erkranken.
seen.by: Wie sieht die Gegenwart in Russland aus?
Ludwig: Es ist erstaunlich, dass eine Stadt wie Moskau in einem Land, das bis vor zwanzig Jahren zumindest nach außen hin eine fast egalitäre Gesellschaft besaß, heute zu den Metropolen gehört, in denen die sozialen Unterschiede am krassesten sind. Moskau zählt seit drei Jahren statistisch gesehen zu den teuersten Städten der Welt, teurer als Tokio oder London. Ein Drink in einer Top-Bar ist kaum unter fünfzehn Dollar zu kriegen. Ein Betrag, von dem dort die Ärmsten der Armen einen ganzen Monat leben müssen.
seen.by: Wie verhalten sich die Russen vor der Kamera?
Ludwig: Die Super-Reichen lassen sich höchstens im öffentlichen Raum wie einer Disco oder auf der Straße fotografieren, privat ist es ganz schwierig, an sie heranzukommen. Wenn ich mich den Armen nähere, dann erst einmal ohne Kamera. Ich komme mit Hilfsorganisationen oder mit Menschen, denen sie vertrauen. Dann setze ich mich hin und rede mit ihnen, bin einfach da. Wenn ich für National Geographic arbeite, habe ich die Möglichkeit, mir diese Zeit zu nehmen. Ich möchte nicht herumrennen wie ein Mensch, der statt eines Kopfes eine Kamera hat.
seen.by: Was macht Ihrer Meinung nach darüber hinaus ein gelungenes Foto aus?
Ludwig: Eine gute Fotografie beinhaltet immer ein Stück Lebenserfahrung. Ein Foto sollte nie abweisend und distanziert sein, sondern auch meine Emotionen als Fotograf sichtbar machen. Ein gutes Foto berührt die Seele und erweitert den Geist. Kameras sind lediglich die technischen Werkzeuge für Fotografen. Gute Fotos werden mit dem Herzen und dem Verstand gemacht.
seen.by: Können Sie sich vorstellen, ein weiteres Land so ausführlich wie Russland mit der Kamera zu entdecken?
Ludwig: Nein, im Moment ist es dort noch so spannend für mich, dass ich gar nicht nach etwas Neuem suchen möchte. Ich arbeite langfristig an meinem Buch über Moskau und will, sobald ich eine Möglichkeit der Finanzierung gefunden habe, noch einmal zurück in die 30-Kilometer-Zone von Tschernobyl.
Ausstellung: Gerd Ludwig, "Moscow Never Sleeps", Freelens Galerie, 22.1. - 5.3.2010
Publikation: Gerd Ludwig, "Russland - Eine Weltmacht im Wandel", National Geographic 2001
seen.by/ international fine art
- Seen.by: Tiere Ein Hundeleben 10.05.2010
- Seenby: Fotostrecken Kampf um die Herzen 28.01.2010
(sueddeutsche.de/iko)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Ich bin eine Russin, aufgewachsen in den neunziger Jahren in unterschiedlichen Staaten und Städten der ursprünglichen Sowjetunion. Und ich muss sagen, seine Bilder haben mich sehr stark berührt. Sie haben das gewisse Etwas in sich, ein Teil russischen Seele, ein Stück der russischen Melancholie und gleichzeitig Glückseligkeit und Hoffnung in sich. Wirklich toll gemacht.