Fotografien von Steve McCurry Ästhetische Krisengebiete

Afghanische Frauen beim Schuhekaufen, 1992 auf einem Basar in Kabul.

(Foto: Steve McCurry/Magnum Photos/Agentur Focus)

Der legendäre Fotoreporter Steve McCurry dokumentiert seit vier Jahrzehnten Leid, Krieg und Gewalt. Im Kunstmuseum Wolfsburg sind in einer Retrospektive nun vor allem die schönen Seiten seines Werks zu sehen.

Von Till Briegleb

Es ist eine bizarre Situation. Während draußen vor dem Kunstmuseum Wolfsburg zwei Schreihälse der NPD vor ihrem roten Wahlkampfwagen stehen und ins Mikrofon brüllen, dass Deutschland keine Fremdarbeiter braucht, sitzt innen ein kleiner bescheidener Mann mit einem lahmen rechten Arm und spricht vom Respekt der Kulturen. Dieser Mann hat 1979 verkleidet als Afghane den Widerstand gegen die russische Invasionsarmee dokumentiert und der Welt die ersten Bilder vom Beginn einer bis heute andauernden Kriegstragödie geliefert.

Eingenäht in seine Wäsche, schmuggelte Steve McCurry die Filme über die Grenze, um der Welt vom Kampf der Mudschaheddin gegen die sowjetische Besatzung zu erzählen. Seine Schwarzweißbilder von den eigentümlich gekleideten schönen Männern im Hinterhalt oder beim Vergnügen auf einer Schaukel im Lager verschafften den islamischen Kämpfern große Sympathien und machten McCurry zu einem der bekanntesten Fotoreporter der Welt.

Mehr als dreißig Jahre und viele weitere Besuche später versucht McCurry, die verfahrene Situation in Afghanistan gerecht zu beurteilen. Er erzählt von seiner Wut, als er am 11. September 2001 nach einem langen Aufenthalt in einem tibetischen Kloster vom Dach seines Apartmenthauses am New Yorker Washington Square Zeuge des Anschlags auf das World Trade Center wurde. Wenig später erlebte er in Kabul eine Armee netter Greenhorns aus Kansas mit Hightech-Waffen, die glaubten, man könne den Terrorismus "wie einen Käfer zertreten".

Als Kriegsfotograf hat er sich nie verstanden

Er kann sich als intimer Kenner der afghanischen Kultur das Urteil erlauben, dass die Vorstellung amerikanischer und europäischer Politiker, aus Afghanistan eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu formen, genauso zum Scheitern verurteilt ist, wie die Idee der Russen, aus dem Land einen kommunistischen Vasallenstaat zu machen. Afghanistan sei "unkontrollierbar" und zwar erst recht, wenn man sich darin nur in gepanzerten Wagen mit aufgesetztem Maschinengewehr bewegt.

Für McCurry gab es eine exemplarische Situation, die er in einem berühmten Bild festgehalten hat, um das Dilemma der gut gemeinten westlichen Hilfe zur Freiheit zu belegen. In einem Ausbildungslager der afghanischen Armee steht ein amerikanischer Drill Sergeant und lässt einen Rekruten mitten im Winter durch den Schlamm robben. Für uns, so McCurry, ist diese Form der Disziplinierung bekannt und legitim, für einen afghanischen Bauernsohn, der sich von dem Job in der Armee eine respekteinflößende Uniform und etwas Geld erhofft, sei diese Prozedur eine unfassbare Ehrverletzung. Beim Anblick dieser Demütigung, so McCurry, habe er sich nur gewundert, dass der Junge "nicht sofort aufgestanden ist, um den Sergeant zu töten".

In der großen Retrospektive in Wolfsburg fehlt dieses Motiv. Obwohl die Bilder aus Afghanistan ein Drittel der rund 100 Prints umfassenden Rückschau liefern, konzentriert sich die Auswahl auf andere Aspekte in McCurrys riesiger Bildproduktion als die Konfliktfotografie.

Im Zentrum steht hier die außergewöhnlich farbenprächtige Ästhetik, für die vor allem McCurrys Asienfotos berühmt sind. Seine Fotoreportagen aus Krisengebieten wie Irak, Jugoslawien, Libanon oder Afghanistan werden zwar nicht unterschlagen, aber gesammelt in einer Schreckenskammer. Bildern verkohlter Soldaten, Öl trinkende Kamele vor den brennenden Anlagen Kuwaits nach dem irakischen Überfall oder jugendliche Landminenopfer an Krücken wirken in dieser Präsentation doch ein wenig marginalisiert.