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Fotograf Barry Feinstein Erst Kick, dann Klick

Kein Fotograf kam so nah an Bob Dylan heran: Barry Feinstein lebte den Rock 'n' Roll mit den Stars; die Bilder machte er ganz nebenbei.
Andrian Kreye

Bob Dylan war ein komischer Kauz. Als Barry Feinstein ihn zum ersten Mal traf, im Büro seines Kumpels Albert Grossman in einem dieser Art-déco-Bürotürme oben an der 55. Straße, da war es ihm gleich klar. "Aus dem würde noch mal was werden", brummelt Feinstein, der sich heute in seinem Ohrensessel in seinem Haus in Woodstock an so einiges nicht mehr erinnert, nur an seine Freundschaft mit Dylan sehr gut.

Bob Dylan war in den 60ern für die meisten unerreichbar, aber ganz nah für Barry Feinstein.

(Foto: Foto: "Real Moments: Bob Dylan 1966 - 1974", Fotografien von Barry Feinstein.)

"Er war einfach, nun ja - sonderbar." 1962 oder 1963 muss das gewesen sein. So ganz genau weiß Feinstein das nicht mehr, aber das kann man ja auch nicht verlangen von jemandem, der erst die großen Glamourjahre in Hollywood und dann den Aufstieg des Rock'n'Roll fotografiert hat.

Dylan war jedenfalls ein dürres, jüdisches Kerlchen aus Minnesota, der mit seiner näselnden Stimme den Dialekt der Bergdörfler aus den Appalachian Mountains imitierte. Das war damals so Mode in den New Yorker Folkmusikkreisen, in denen sich zwar in erster Linie Kids aus soliden Bürgerfamilien herumtrieben.

Aber weil die Songs von Woody Guthrie, den sie damals wie einen Gott verehrten, von den simplen Menschen in den Bergen und Ebenen des amerikanischen Hinterlandes erzählten, versuchte man damit Authentizität oder zumindest ein Gespür für eine ebensolche zu beweisen.

Grossman und Feinstein hörten sich den jungen Sänger dann am selben Abend noch unten in einer dieser Folkkneipen im Greenwich Village an. Aber nicht nur Feinstein war angetan. Dylan mochte diesen grobschlächtigen Kumpel seines Managers, diesen Fotografen aus Hollywood mit seinem Walrossschnauzer und seinen dicken Koteletten. Er war nicht wie die anderen Fotografen, die einem gierig die Linse ins Gesicht hielten. Feinstein gehörte irgendwie dazu, hing rum, trank, soff, redete Zeug daher, wie alle eben, die dazugehörten. Und wenn er dann mal den Sucher ans Auge hob, hatte man nie das Gefühl, dass hier einer sein Privileg missbrauchte. Verdammt noch mal, das war eben Barry, und der war eben Fotograf.

Vielleicht half es ja, dass er den Umgang mit Stars als Standfotograf im Hollywood der fünfziger Jahre gelernt hatte, auf dem Höhepunkt des Glamours und der Macht der Filme. Da war er nie Paparazzo gewesen, sondern immer Teil des Teams, einer, der eben ab und zu abdrückte und den Stars höchstens einmal ins Auge fiel, wenn der Regisseur ihn bei einem Close-up näher an sie heranließ.

Ein Star war Dylan ja noch nicht. Es war ja auch Anfang der sechziger Jahre noch nicht abzusehen, dass so schlampig dahergelaufene Jungs wie er in einer Art Putsch Hollywoods Monopol der popkulturellen Macht brechen würden. Erst ein bisschen später, auf dem Schwarzweißfoto, das Barry von ihm für das Albumcover von "The Times They Are A-Changin'" machte, ahnt man, dass hier ein Fotograf ganz nah an einen Menschen herankam, der längst einen massiven Schutzwall um sich herum errichtet hatte, den nur noch die engsten Freunde überwinden. Wie Barry eben.

Plattencover für die Stones

So richtig enge Freunde wurden sie auf einer Fahrt in Grossmans Rolls Royce. "Kreuz und quer sind wir damit durchs Land gefahren." Da hatte Dylan die streng gestutzten Haare schon längst wachsen lassen, und man kann nur ahnen, wie der dürre Langhaarige und der bullige Bärtige im Rolls auf die Menschen gewirkt haben müssen, denen sie in den Truck Stops und Kleinstädten zwangsläufig begegneten, wenn sie von Konzerthalle zu Konzerthalle fuhren. Viel mehr will Feinstein nicht erzählen, aber er sagt: "Dylan sagte immer, ich sei der Einzige, dem er wirklich vertrauen würde." Ausgerechnet einem mit Kamera. Aber Feinstein missbrauchte sein Privileg nie. Er schweigt auch mehr als vierzig Jahre danach noch höflich über die Details seiner Freundschaft.

Später war er ja nicht nur mit Dylan befreundet. Auch mit Mick Jagger und Keith Richards und mit George Harrison. Feinsteins Fotos waren intimer als die üblichen Starfotos. Nur wenige haben das so hingekriegt wie er. Später hat er dann nicht mehr für die Filmstudios, sondern für die Plattenfirmen gearbeitet. Man kennt seine Fotos von Plattencovern wie George Harrisons "All Things Must Pass", Janis Joplins "Pearl" oder auch von der CD des vielleicht besten Rolling-Stones-Albums "Beggars Banquet".

Das war 1968, und da führte Feinsteins allzu enge Freundschaft mit den Stars zu einem regelrechten Skandal. "Ich hing mit Mick in Hollywood herum und wir überlegten, was wir für das Album aufnehmen könnten", erinnert sich Feinstein. "Wir sind dann zu meinem Automechaniker in die Werkstatt. Ich musste da eh noch hin. Da haben wir dann auf dem Klo mit roter Farbe den Albumtitel auf die Wand geschmiert."

Feinstein schickt seine Frau Jude zum Schreibtisch, um einen Abzug aus einem Karton zu fischen. Er selbst ist ja gar nicht mehr gut zu Fuß. Auf dem Abzug ist das Bild von der verschmierten Wand, darunter der schmuddelige Spülkasten, der obere Rand der Klobrille. Die Plattenfirma weigerte sich damals, das Bild aufs Cover zu drucken. Als LP kam das Album deswegen mit einem kargen weißen Umschlag heraus. Erst als die CD neu aufgelegt wurde, wagte die Plattenfirma, das Bild zu verwenden.

Heute wirkt die Aufnahme harmlos. Aber das zeigt schon, was für ein Ruck damals durch die Kultur ging.

Zeugnis einer tiefen Freundschaft

Für Dylan hatte sich dieser Ruck schon ein paar Jahre zuvor vollzogen. 1965 auf dem Folkfestial in Newport, als er zum ersten Mal mit elektrisch verstärkter Gitarre und Band spielte. Auch da war Feinstein dabei. "Es war natürlich großartig", sagt er. "Das waren die Folkspießer, die da herumbrüllten. Die nicht wahrhaben wollten, dass die Musik gerade durch eine der phantastischsten Verwandlungen aller Zeiten ging."

Ein Jahr später begleitete Barry Feinstein Bob Dylan dann auf seiner epochalen Englandtournee. Auf dieser Tour zeigt sich der Bruch zwischen Dylans Persönlichkeit und seiner Wirkung deutlicher als jemals zuvor und danach. Feinstein hat diese Fotos jetzt noch einmal editiert und in einem Bildband mit dem Titel "Real Moments" veröffentlicht.

Die Intimität, mit der man Dylan auf diesen Seiten begegnet, wird jeden verblüffen, der D.A. Pennebakers fahrigen Dokumentarfilm "Don't Look Back" gesehen hat mit der Aufzeichnung der Englandtournee im Jahr davor. Da nähert sich der Dokumentarist nur der spröden Oberfläche Dylans, der sich so unwirsch scheu und menschenfeindlich gibt.

Ganz anders Feinsteins Fotos, obwohl Dylan sich noch weiter in die Persona des Rockstars zurückgezogen hatte, mit der pechschwarzen Sonnenbrille, dem wirren Haarschopf, den etwas zu grellen gestreiften Hosen und den etwas zu dunklen Jacketts. Da sieht man ihn dann nur selten so locker wie mit den Zimmermädchen in einer Hotelküche, selten so verloren wie im Halbschlaf auf einem halb abgeräumten Restauranttisch.

Wirklich einzigartig aber ist der Bruch zwischen Dylan und der spröden Wirklichkeit des britischen Alltags, der aus diesem Band so viel mehr macht als die Starmonographie und das Zeugnis einer tiefen Freundschaft. Da landet diese wahnwitzig eigentümliche Figur im grauen Einerlei einer Gesellschaft, die noch weit entfernt ist von den tektonischen Verschiebungen der amerikanischen Befreiungsbewegungen. Das macht "Real Moments" zum gesellschaftsgeschichtlichen Dokument, mit den Bildern von der 1974er-Tour wie eine Koda, in der das Motiv des Aufbruchs als Selbstverständlichkeit wiederholt wird.

Es fällt Barry Feinstein nicht ganz leicht, sich an all das zu erinnern. Sein mächtiger Schädel ist knochig geworden, sein Walrosschnauzer zum Fu-Manchu-Bärtchen zerfasert. Abgemagert sitzt er in seinem Sessel. Ein hübsches Häuschen in Woodstock bewohnt er. Von seinem Sessel aus blickt er in einen gepflegten Garten mit Teich und Blumenbeeten. Dahinter beginnt der Wald. 83 Jahre ist er alt. 16 Jahre älter als Dylan.

Oscars, Stars und Marilyns Pillendose

Und noch mal ein Stück älter als seine Frau Jude. Die hatte einen legendären Nachtclub in Woodstock, damals in den siebziger Jahren, als Barry sie zu seiner zweiten Frau nahm und all die Rockstars ihn so beneideten, die bei ihr herumhingen. Das Alter kann so ungerecht sein. Ein neues Hüftgelenk hat Barry Feinstein bekommen. Neun Monate Reha hat er hinter sich. Vor drei Tagen erst ist er nach Hause gekommen. Jetzt jagt der Schmerz durch seine Glieder, wenn ihn Jude aus dem Sessel hinter den Rollator hievt. Und ihr entgleitet ein Seufzer: "Das ist kein Spaß."

Doch dann blüht Feinstein noch einmal auf. Jude bringt einen schweren Karton mit großformatigen Schwarzweißabzügen. Seine Hollywoodbilder. Keine Starporträts, sondern morbide Details einer Ära in den letzten Zügen. Studios beim Abriss, Requisiten, Kartons mit Kostümen, auf denen Judy Garland, Kim Novak und Lucille Ball gekritzelt ist, Charlton Hestons Hände, die einen Oscar umklammern, Marilyn Monroes Pillendose.

Das wird sein nächstes Buch werden. Mit Gedichten, die Dylan vor vielen Jahren zu den Fotos schrieb. Die letzte Aufnahme zeigt zwei altmodische Medikamentenfläschchen. "Cocaine, Hydrochlorid. Warning - May Be Habit Forming. Poison", steht auf den Etiketten. Daneben ein Häufchen Pulver, ein schmaler Silberlöffel. Wo er das Bild aufgenommen habe? Da blitzt ein schelmisches Lächeln auf in seinem Gesicht. "Zu Hause", sagt er betont beiläufig, als sei dies die dümmste Frage an diesem Sommernachmittag in Woodstock gewesen.

"Real Moments: Bob Dylan 1966 - 1974", Fotografien von Barry Feinstein, erschienen im Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2008