Fotoband "Iranian Living Room":Im Salon beginnt die Freiheit

Iran gilt im Westen als lebensfeindlicher Ayatollah-Staat. Doch wird diese Vorstellung dem Leben in dem Land gerecht? Der Fotoband "Iranian Living Room" zeichnet ein anderes Bild, mit einem simplen Blick in die Salons persischer Wohnungen.

Von Paul Katzenberger

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(Foto: Piero Martinello/Fabrica)

Alle Macht der Religion und kaum ein Recht den Frauen - Iran gilt im Westen als lebensfeindlicher Ayatollah-Staat. Doch wird diese Vorstellung dem Leben in dem Land gerecht? Der Fotoband "Iranian Living Room" zeichnet ein anderes Bild: In den Salons ihrer Wohnungen - so die These des mutigen Buches - führen die Perser ein Leben, das unserem im Westen durchaus ähnelt. Es gibt immer wieder Dinge im Leben, die bleiben irgendwie liegen. Als Enrico Bossan im Internet die Fotos des iranischen Fotografen Farhad Babaei sah, fühlte er sich an eine solche Angelegenheit erinnert. Der weitgereiste Fotojournalist aus Padua hatte bei einem Besuch in Iran 1989 sofort eine Idee gehabt, was er dort - zehn Jahre nach der islamischen Revolution - gerne fotografieren würde: Statt der ideologischen Infiltration des öffentlichen Lebens, das der renommierte Magnum-Fotograf Gilles Peress in den Revolutionswirren von 1979 in seiner vielbeachteten Serie Iran Telex auf Zelluloid gebannt hatte, hätte Bossan gerne das Leben der Menschen im Schutz der Privatheit gezeigt. Doch die strengen Auflagen des Mullah-Staates machten ihm das damals unmöglich.  Babaeis Fotos erinnerten ihn nun an diese alte Idee, denn sie vermittelten jenes überraschende Bild von Persien, das er damals suchte. Und: "Mich hat beeindruckt, wie modern Babaeis Bildsprache ist, weil er mit 28 Jahren noch ziemlich jung ist."  Der Italiener meldete sich bei Babaei, es entstand eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Bossan leitet den Bereich Fotografie bei Fabrica, einem Talent-Campus für junge Künstler und Mediengestalter im norditalienischen Treviso, der zum ortsansässigen Benetton-Konzern gehört. Babaei wiederum kannte viele junge Fotografen in Iran, die bereit waren, das Land aus ihrem Blickwinkel zu zeigen - für Fabrica ein dankbares Klientel. Enrico Bossan auf dem Fabrica-Campus

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(Foto: Francesco Radino/Fabrica)

Die Benetton Group sorgt bereits seit den 1980er Jahren mit provokativer Werbung für Aufsehen. Vor allem die Aufnahmen von Oliviero Toscani, die immer wieder Tabuthemen wie den Tod oder religiöse Verbote adressieren, sorgten für Empörung und führten zeitweise zum Boykott von Benetton-Produkten. Allerdings erhielt der Modekonzern auch Preise für seine Kampagnen, was das politische Sendungsbewusstsein förderte: 1991 gründete Benetton die ambitionierte Vierteljahreszeitschrift Colorsdrei Jahre später hob der Modekonzern "Fabrica" aus der Taufe. Das "Forschungszentrum für Kommunikation", wie sich Fabrica selbst nennt, ist eine Art Talent-Campus für junge Menschen am Stammsitz von Benetton. Für das Projekt "Iranian Living Room" engagierte Fabrica 15 junge Fotografen aus Iran, die über Babaei angesprochen wurden. Ihre Arbeiten sind nun im ersten Buch zu finden, das von Fabrica vertrieben wird. Auf dem Fabrica-Campus in Treviso

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(Foto: dpa)

"Iranische Wohnzimmer" - der profane Titel ist Programm dieses Fabrica-Projektes: ein Blick in die privaten Lebensräume der Menschen. In einem Land wie Iran bietet ein solch einfacher Ansatz jede Menge Überraschungspotenzial. Denn die Islamische Republik Iran, die der ehemalige US-Präsident George W. Bush zur Achse des Bösen zählte, wird im Westen nahezu ausschließlich als Gottesstaat und Mullah-Diktatur wahrgenommen, die Wahlen manipuliert und die Frauenrechte mit Füßen tritt. Wer hierzulande an Iran denkt, hat aber so gut wie immer die Bilder aus dem öffentlichen Leben vor Augen, die von westlichen Nachrichtenagenturen verbreitet werden - etwa von den Demonstrationen wegen der umstrittenen Wiederwahl des gerade aus dem Amt geschiedenen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad vor vier Jahren oder ...    Hunderttausende protestieren im Juni 2009 in Teheran für den Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mussawi und gegen die Wiederwahl von Mahmud Ahmadinedschad. Die Demonstranten warfen dem Regime damals Wahlbetrug vor.

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(Foto: AFP)

... von verhüllten Frauen, die sich allein schon durch ihre Körperhaltung unterordnen.   Tuschelnde Frauen in Teheran am 14. Februar 2006, dem Jahrestag der Fatwa von Ajathollah Chomeini gegen den Schriftsteller Salman Rushdie.

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(Foto: Ali Tajik)

Die Eindrücke, die "Iranian Living Room" vermittelt, unterscheiden sich von diesem Bild zum Teil erheblich. In den eigenen vier Wänden scheint der Lebensstil der Iraner vielmehr gewisse Ähnlichkeiten zu unserem Way of Life aufzuweisen. Kinder etwa, sind auch in Iran zunächst einmal vor allem Kinder. Und die spielen nun mal gerne mit Spielzeugautos und -pistolen, auch an hohen islamischen Feiertagen. Frauen unterhalten sich, während ein Mädchen und ein Junge an einem religiösen Feiertag spielen. In traditionellen Familien versammeln sich Männer und Frauen  getrennt voneinander. 

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(Foto: Sahar Pishsareeian)

Vor allem aber vermittelt "Iranian Living Room" ein Bild von Frauen, das sich von unseren Vorstellungen des unterdrückten weiblichen Lebens im Gottesstaat deutlich abhebt, wie etwa diese Szene in einem Kosmetiksalon. Keineswegs verschweigt "Iranian Living Room" die Repression in Iran. Vielmehr zeigt der Bildband, dass die vielen strengen Auflagen im öffentlichen Leben dazu führen, dass die Menschen ihre Sehnsucht nach Freiheit, Beschwingtheit und ungezwungener Gemeinschaft umso mehr in den eigenen vier Wänden ausleben. Da tanzt eine junge Frau alleine angetrunken vor ihrem Kühlschrank oder ein junges Paar hat verbotenen Sex vor der Ehe, wie ein BH und ein Damenslip andeuten, die neben dem Bett abgelegt sind.  "Iran ist nicht das exakte Gegenteil des Westens, genauso wenig wie wir das exakte Gegenteil Irans sind", sagt Fabrica-Chef Dan Hill. "Das Leben von Frauen mag sich mehr hinter Wänden abspielen als in unseren Breiten, aber Menschen machen überall dieselben Dinge."  Kosmetiksalon in Teheran. Zohreh (rechts) muss noch etwas organisieren, während ihre Kundinnen warten. Ein Sechstel aller Ehen im Iran werden geschieden, was vor allem die Frauen häufig in ökonomische Schwierigkeiten bringt. Viele geschiedene Frauen arbeiten in Kosmetiksalons, weil sie dort unter sich sind und die komplizierten Regeln außer Kraft gesetzt sind, die im Verhältnis zwischen Männern und Frauen im öffentlichen Leben eingehalten werden müssen.

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(Foto: Mashid Mahboubifar)

Kulturen seien keine Schwarz-Weiß-Angelegenheiten, so Dan Hill weiter: "Das häusliche Leben in Teheran und anderen Städten in Iran unterscheidet sich nicht so sehr vom Leben in Treviso oder in München. Die Menschen essen und trinken zusammen oder spielen mit ihren Haustieren. Frauen und Männer wohnen in denselben Wohnungen und Teenager blödeln herum." "Iranian Living Room" verfolge daher ganz bewusst einen genügsamen Ansatz: "Unser Ziel war ganz bewusst von Bescheidenheit und Alltäglichkeit geprägt: Einfach das Leben an einem anderen Ort zu zeigen und dadurch eine Verbindung oder Empathie zu ermöglichen."  Jasmin in ihrem Zimmer

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(Foto: Sina Shiri)

Viel Empathie für den Westen bringen die Mullahs in Iran nicht unbedingt mit, so viel ist bekannt. Bei Fabrica galt daher die Devise, Bedenken der jungen iranischen Fotografen sehr ernst zu nehmen, wenn diesen eine Veröffentlichung ihres Bildes zu gewagt war. Einige Aufnahmen, die in "Iranian Living Room" zu finden sind und die zunächst als Pressefotos veröffentlicht worden waren, wurden von den Fotografen inzwischen zurückgezogen. Spuren im Internet zu hinterlassen kann für Menschen, die in einer Diktatur leben, schwieriger werden, als mit seinen Arbeiten in einem Buch abgedruckt zu werden. Allerdings wird die Zusammenarbeit mit Iran auch von westlicher Seite schnell torpediert. Das musste auch Fabrica ...  Amir, 25, lebt alleine. Er sitzt in seinem Wohnzimmer, raucht und schaut fern.

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(Foto: Saina Golzar)

... lernen. Denn als die Benetton-Tochter ihren Online-Shop für "Iranian Living Rooms" frisch eingerichtet hatte, konnten aus unerklärlichen Gründen keine Bestellungen aufgegeben werden. Erst nach zahlreichen Anrufen bei und Mails an die E-Commerce-Dienstleister stellte sich heraus, dass einer von ihnen - der Online-Bezahldienst PayPal - das Problem war. Die eBay-Tochter hatte Transaktionen blockiert, weil im Buchtitel das Wort "Iranian" enthalten ist.   Das Problem ist inzwischen gelöst - PayPal hat "Iranian Living Room" auf eine nach eigenen Worten "Weiße Liste" gesetzt. Das wiederum lässt den Schluss zu, dass sich iranische Fotografen nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Westen Gedanken über "Schwarze Listen" machen müssen. Die These von "Iranian Living Room" trägt offenbar also auch in dieser Hinsicht - wir sind uns ähnlicher als wir denken. Andia, zwei Jahre alt, wächst in einer traditionellen religiösen Familie auf.

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(Foto: N/A)

Iranian Living Room, Koordination: Farhad Babaei, Englisch, Italienisch, Fabrica, 316 Seiten.

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