Nun darf man sich Ulrich Blumenbach nicht als Nerd vorstellen. Er ist ein schöner Mann mit kräftigen Zügen und so ausdrucksstarker Mimik, dass es fast unmöglich ist, ihn zu fotografieren, immer friert man sein Gesicht in Arbeit ein. Er ist von geradezu eruptiver Eloquenz, formt beim Sprechen mit seinen Händen die luziden Sätze zu kleinen Bällchen und hat eine dermaßen raumgreifende Körperspannung, dass man noch heute die zwanzig Jahre Karate zu merken glaubt, von denen er einmal spricht. Zusammen mit Fritz Senn leitet er das Zürcher Übersetzertreffen, lehrt Literarisches Übersetzen an der Universität Düsseldorf und sitzt im Vorstand des Deutschen Übersetzerfonds. Klingt nach flamboyantem Leben. Und doch glichen die vergangenen Jahre eher linguistischen Exerzitien.

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Einmal den Duden lesen

Zum Beispiel die Tonlagen. Wallace ist ein polyphones Genie, er bildet in "Infinite Jest" die Gedanken seiner Protagonisten mit all ihren Assoziationen und Erinnerungsfetzen ab, das wilde neuronale Feuerwerk im Dunkel unserer Köpfe. So hat jede Figur ihren eigenen Tonfall, ihr eigenes Vokabular. Afroamerikanische Schimpfkaskaden, Stümmel-Irisch, spitzmündige Harvard-Uppest-Class-Dialoge, breiter Westküstenslang - wie überträgt man all das ins Deutsche?

Hal Incandenza etwa, der autobiographisch eingefärbte Held des Romans, Junggenie, Tennisbegabung und Wörterbuchfetischist, weshalb dauernd die obskursten Begriffe durch seinen stream of consciousness treiben, fremd und einmalig wie Findlinge aus fernen Gebirgen. Einmal wird ein Mann als ascapartic beschrieben. Blumenbach durchforstete alle ihm bekannten Wörterbücher, den großen Muret-Sanders von 1962, das Webster's Unabridged Dictionary - nichts. Zufällig stieß er dann in einem Antiquariat auf eine Ausgabe des Muret-Sanders von 1906. Da stand es: "Ascapart: in alten Romanzen ein gewaltiger Riese, den Bevis of Hampton besiegte."

Wie Hal hat David Foster Wallace selbst in jungen Jahren das Oxford English Dictionary durchgelesen. Blumenbach sind solche Obsessionen nicht fremd, er sagt, wenn er Zeit hätte, würde er gerne mal den Duden lesen, "zumal das im Deutschen ja nur 4400 Seiten sind, das OED hat 22000." Der Wunsch ist mit der Übersetzung von "Infinite Jest" eher stärker geworden. Ja, Blumenbach dürstet geradezu danach, aufzutanken, Pause zu machen, die eigenen Silos zu füllen.

Ein privater "Krieg der Sterne"

Auf einer Ablage wachsen Stapel von Zeitschriften, Spex, Schreibheft und andere Abos, seit vier Jahren ungelesen in die Höhe, "ich komme zu nichts. Mein aktiver Wortschatz schrumpft, manchmal habe ich diese Szene aus "Krieg der Sterne" vor Augen, in der Han Solo, Luke Skywalker und Prinzessin Leia im Müllschlucker des Todessterns gefangen sind und die Wände kommen langsam aber unaufhaltsam näher, der Raum um sie wird kleiner und kleiner." Meine Güte, was für ein Bild, das Buch als Todesstern, in dessen Tiefen er, ameisenklein, zerquetscht wird.

Dabei spricht Blumenbach voller Liebe von diesem Buch. Und er hat Angst davor, dass es post mortem uminterpretiert wird. Wenn "Unendlicher Spaß" im Herbst kommenden Jahres erscheint, wird der Körper des erhängten Wallace wahrscheinlich düsterschwer über allen Rezensionen hängen - dabei wird das Buch von 1996 durchstrahlt von dem erleichterten Wissen, einem frühen Drogentod entronnen zu sein.

"Ich arbeite sehr langsam", sagte David Foster Wallace in einem Interview, "Zeile für Zeile, und am Ende will ich, dass es sich eher so anhört, wie jemand denkt, und nicht so sehr, wie jemand spricht. Das macht es manchmal schwer zu lesen. Und noch schwerer zu übersetzen." Blumenbach sagt, das wirklich Schwere an einigen Wallacepassagen sei etwas Anderes: die Mimesis ans Hässliche, der Versuch, die beschriebenen Verhältnisse, Sprachstile, Charaktere in all ihrer Stumpfheit, Redundanz oder zerstörerischen Inwärtswendung abzubilden, so wie seine endlos langen Sätze, die dazu führen, dass es einem, wie Blumenbach es formuliert, "beim Lesen ergeht wie Musils Törless über der ,Kritik der reinen Vernunft': ,Wenn er gewissenhaft mit den Augen den Sätzen folgte, war ihm, als drehe eine alte, knöcherne Hand ihm das Gehirn in Schraubenwindungen aus dem Kopfe.'"

Das Ende naht

Über Joelles' alias Madame Psychosis' Moderationstechnik heißt es in der eingangs zitierten Passage: "Ihre Monologe wirken assoziierend und komplex strukturiert, Alpträumen nicht unähnlich." In seinem Übersetzungstagebuch notierte Blumenbach mal folgenden Traum: "übersetzte vorige woche joelles vorbereitungen zum goldenen schuss in molly notkins badezimmer. träumte letzte nacht von unsagbar schönen frauen, die cracksuppe aßen." Ansonsten aber wirkt Wallaces Text nur selten in Blumenbach nach.

Es gibt Übersetzer, die geradezu somatisch auf Autoren und deren Texte reagieren. Blumenbach sagt, ihn belaste die Arbeit nicht, Wallace baue ja selbst immer Distanzierungen in den Text ein. Beschreibt er die Pfählung eines Mannes, wird minutiös geschildert, welche Darmhäute da zerfetzt werden, "da ist ja sofort wieder der Handwerker in mir gefordert, der entlegene medizinische Handbücher durchforsten muss. - Wobei ich wirklich froh bin, dass ich die Erzählung ,Inkarnationen verbrannter Kinder' nicht übersetzen musste, ich hab hier viele Bücher stehen, aber diese sieben Seiten, in denen das Kleinkind an dem kochenden Wasser in seiner Windel stirbt, sind das Grausamste, was ich kenne in der Literatur, das hätte ich nicht gekonnt, ich bin froh, dass das Ingendaay übernommen hat, der keine Kinder hat".

Am 9.5.2007 schrieb Ulrich Blumenbach in sein Arbeitstagebuch: "Als ich die Szene, in der Hal Incandenza in den Westoner Garten rauskommt, das erste Mal übersetzt habe (S. 10), war Elena vier Jahre alt, also sah ich sie im Flauschpyjama vor mir. Heute übersetze ich die Szene aus Orins Perspektive (S. 1041) und Raphael ist vier." Mittlerweile ist Blumenbachs Tochter sogar zehn, und so ist es doch Zeit, dass das Buch mal an ein Ende kommt. Trotz zykloider Bewegungen, trotz ganzer Nachmittage in der Universitätsbibliothek, trotz 1600 Seiten - selbst ein "unendlicher Spaß" hat ein Ende, im Dezember, nach 31 Monaten reiner Arbeitszeit, wird Blumenbach wohl das letzte Wort übersetzen. Seine Frau und er haben ein wenig Angst vor dem Abschied und dem horror vacui. "Ich will eine lange, lange Pause machen, aber meine Frau sagt schon, dass ich das eh nicht durchhalte."

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  1. Jäger des verlorenen Wortschatzes
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(SZ vom 20./21.09.2008/sst)