Foster, Gibson und Kaurismäki in Cannes Sind so kleine Biber

Mel Gibson hat alles getan, um das Image des "Sexiest Man Alive" zu zerstören. Warum also sollte er nicht einen saufenden, depressiven Familienvater spielen, der mit einem Biber spricht? Jodie Fosters neuer Film in Cannes.

Von Susan Vahabzadeh

Man vergisst's manchmal fast im Kino, aber in Cannes geht es während des Festivals nur für einen kleinen Teil der Anwesenden um Filme, der Rest ist voll anderweitig konzentriert.

Spielzeugfabrikant Walter Black (Mel Gibson) ist entweder voll wie eine Strandhaubitze oder  leergebrannt. Damit treibt er seine Familie dermaßen in den Wahnsinn, dass ihn seine Frau (Jodie Foster) vor die Tür setzt - im Film "Der Biber". 

(Foto: dpa)

Zum traditionellen Drumherum gehört die Chopard-Party, also lungerten vor dem Eingang des Hotel Martinez noch mitten in der Nacht Schaulustige herum - die dann, mit ein wenig Geduld, auch Jane Fonda, Jude Law und Uma Thurman beobachten durften, und Naomi Campbell, die mit eisiger Schaut-mich-bloß-nicht-an-Miene auf den Eingang zustolzierte.

Drinnen geht es eher gediegen zu: Aufgeräumte Menschen in sehr schönen Kleidern sehen sehr gesittet einer Darbietung von Tänzerinnen des Pariser Nachtclubs Crazy Horse zu, und wenn die mit dem fast unbedeckten Hintern wackeln, johlen ein paar junge Damen.

Die Partybilder werden im Kopf dann doch wieder ganz automatisch vom Kino überlagert, von Szenen aus Bertrand Bonellos "L'Apollonide" - da geht es um ein Bordell in Paris zur Jahrhundertwende, das vor dem Ruin steht, weil die Epoche der Edelbordelle zu Ende geht; und obwohl sich Bonello viel Mühe gibt, nicht zu verschweigen, wie ausgeliefert die Frauen in diesem Etablissement sind - einer von ihnen schneidet ein Freier ein ewiges Lächeln ins Gesicht, eine andere rafft die Syphilis dahin - romantisiert er die frivole Eleganz dann doch.

Was vielleicht so französisch ist wie das Achselzucken, mit dem einem gerade erklärt wird, die Weibergeschichten des via Vergewaltigungsvorwurf geschassten Präsidentschaftskandidaturanwärters DSK seien doch nun wirklich nicht der Rede wert. Vielleicht ist es einfach so, dass eine viel freiere Gesellschaft, in der Stripperinnen als respektable Unterhaltung gelten und junge Damen johlen, keine Verwendung mehr hat für Bordelle mit Wohnzimmer-Charakter, in denen Männer herumhängen, die nicht nach Hause wollen.

Die männliche Midlife-Crisis muss sich heute andere Ventile suchen. Eine der bizarrsten Lösungen offeriert Jodie Fosters neueste Regiearbeit "Der Biber" (ab Donnerstag im Kino), des Hauptdarstellers Mel Gibson wegen eine Weile im Giftschrank zwischengelagert und nun dem verständnisvollen Cannes-Publikum außer Konkurrenz vorgesetzt. Der Spielzeugfabrikant Walter Black (Gibson) ist meistens voll wie eine Strandhaubitze und ansonsten leergebrannt. Er treibt seine Familie mit einer autistischen Depression dermaßen in den Wahnsinn, dass ihn seine Frau (Foster) mit seinen Siebensachen vor die Tür setzt.

Nun versucht er sich in einem Hotelzimmer umzubringen und kommt mit einer Biber-Handpuppe aus den Siebensachen wieder zu sich - wenn man das so nennen kann: Fortan kommuniziert Walter mit dem Biber, und der Biber ist sein Fürsprecher, der an seiner Stelle mit der Gattin, den Kindern und den Angestellten kommuniziert.

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