Die Intendantin wollte Aktionen von Islamisten verhindern, jetzt werden diese umso mehr erwartet.
Das Bild ist von provozierender Eindringlichkeit: Ganz am Ende von Mozarts "Idomeneo", während eine festliche Ballettmusik eigentlich das glückliche Ende dieser Oper feiert und das Publikum normalerweise schon nach seinen Garderobenmarken kramt, lässt Hans Neuenfels in seiner Berliner Inszenierung den Titelhelden noch einmal auf die Bühne der Deutschen Oper treten. Aus einem blutverschmierten Tuch holt der abgedankte Kreterkönig die vier abgeschlagenen Köpfe der Religionsstifter Jesus, Mohammed und Buddha sowie des Meeresgottes Poseidon, verteilt sie fein säuberlich auf vier Stühle und bricht mit einem irren Lachen zusammen. Der Mensch hat den Glauben an die Götter verloren.
Szene aus der Oper "Idomeneo" bei einer Probe an der Deutschen Oper Berlin, die am 13.03.2003 Premiere hatte. Im Epilog drapiert Idomeneo (Charles Workmann) die abgeschlagenen Köpfe der "Religionsführer" auf Stühlen. (© Foto: dpa)
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Es ist dies ein Theatercoup, der das Publikum schon bei der Premiere im März 2003 in Empörte und Begeisterte spaltete, hitzige Foyerdebatten und einen Packen Leserbriefen bei den Berliner Zeitungen auslöste. So wie es eigentlich immer ist, wenn Hans Neuenfels, seit den siebziger Jahren als Enfant terrible des deutschen Theaters bejubelt und befehdet, Regie führt.
Es bedarf offenbar gar keiner islamistischen Störaktionen mehr
Dass Jahre später jedoch nicht die Premiere, sondern die Absetzung eines Stücks zum Skandal werden sollte, dürfte vermutlich auch für den Regisseur ein Novum sein: Wegen eines Warnhinweises aus dem Berliner Landeskriminalamt entschloss sich die Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, am Montag, die drei für Anfang November geplanten "Idomeneo"-Vorstellungen vom Spielplan zu nehmen. Der Hinweis der Behörde, Störaktionen islamistischer Gruppen könnten nicht ausgeschlossen werden, hatte Harms zu diesem Schritt bewogen.
Das Landeskriminalamt selbst stellte inzwischen allerdings ausdrücklich klar, nicht zu einer Absetzung der Aufführungen geraten zu haben - für diese Entscheidung sei allein Harms verantwortlich. Die wiederum rechtfertigte sich damit, das Publikum und die Mitwirkenden keiner Gefahr aussetzen zu wollen.
Erreicht hat sie vermutlich das Gegenteil, denn dank des Medienechos sind islamistische Gruppen in aller Welt jetzt vermutlich hinlänglich auf das religionskritische Potenzial der seit Mai 2004 nicht mehr gezeigten Inszenierung aufmerksam geworden. Dass jetzt, nachdem die vermeintliche Ursache beseitigt ist, tatsächlich Aktionen gegen die Deutsche Oper befürchtet werden müssen, zeigt bereits, wie fragwürdig die Absetzung der drei "Idomeneo"-Vorstellungen ist.
Die Diskussion, was erlaubt ist im Umgang mit der islamischen Kultur, hat damit nun auch die deutsche Kulturszene erreicht. Mehr noch: Der vorauseilende Gehorsam der Chefin des zweitgrößten deutschen Opernhauses aufgrund eines vagen Hinweises zeigt, dass es mittlerweile offenbar gar keiner islamistischen Störaktionen mehr bedarf - die bloße Möglichkeit einer Tabuverletzung allein reicht schon: ein Etappensieg für radikale Splittergruppen.
Nach dem Streit um die Mohammed-Karikaturen und dem Papst-Zitat steht somit eine dritte Welle der Empörung bevor, nach der Freiheit der Presse und der Freiheit der Wissenschaft geht es nun um die Freiheit der Kunst. Noch stärker als die Karikaturen oder das päpstliche Zitat eines byzantinischen Kaiserworts dürfte die Nachricht vom geköpften Propheten die Gemüter in der islamischen Welt erregen - selbst wenn dieser Bühnen-Mohammed, ganz dem islamischen Bilderverbot getreu, in Neuenfels' Inszenierung sein Antlitz durch einen Schleier verhüllt.
Dass auf der Bühne alle Religionsstifter gleichermaßen dran glauben müssen, hätte die Produktion freilich zum idealen Lackmustest für das unterschiedliche Aggressionspotenzial der Weltreligionen gemacht: Aus buddhistischen Kreisen ist bislang kein Protest zu hören, und auch die christliche Empörung im ohnehin nicht besonders religiösen Berlin hielt sich in engen Grenzen. Deshalb fällt es vermutlich auch niemandem ein, Achtung vor deren religiösen Gefühlen zu fordern.
In Indien und in Iran werden dagegen vermutlich schon die ersten Mozart-Puppen zur Verbrennung vorbereitet. Schließlich dürfte der Komponist aus islamischer Sicht ohnehin als problematisch gelten: In seiner "Entführung aus dem Serail" kommen die Muslime ja auch nicht so gut weg. Die Intendanten der deutschen Stadttheater sind vermutlich gut beraten, ihre Inszenierungen des Stücks noch mal auf Islam-Witze hin abzuklopfen, selbst wenn sie schon durch etliche Abo-Reihen gelaufen sind.
(SZ vom 27.09.2006)
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