Von Thomas Steinfeld

Man muss sich klar machen: Deutsche Kulturförderung hat sich inzwischen einen ästhetischen Mittelstand geschaffen, in dem mittlere Angestellten des originellen Einfalls, der treffenden Formulierung, des künstlerisch vermittelten Dabeigewesenseins ihr nicht ganz unbeachtliches Auskommen gefunden haben.

Die Förderung der deutschen Steinkohle wird spätestens vom Jahr 2018 an nicht mehr vom Staat unterstützt werden, der deutsche Landwirt muss sich zunehmend dem Wettbewerb stellen, in die deutsche Universität ist der Geist der Drittmittelbeschaffung eingezogen. Am prinzipiellen Anrecht der deutschen Kunst darauf, von der öffentlichen Hand gefördert zu werden, aber gibt es keinen Zweifel. Angesichts vor allem von neuer Literatur und bildender Kunst - und mit Einschränkungen, weil an große Institutionen gebunden, auch von zeitgenössischer Musik, Theater und Tanz - legen Staat wie Gesellschaft eine Beflissenheit an den Tag, die wirkt, als ob die alte Unterscheidung zwischen profan und sakral, auf die Kunst übertragen, noch immer funktionierte. So groß ist diese Verehrung, dass schon, wer die staatliche Kunstförderung befürwortet und sich eben deswegen ein paar Gedanken darüber machen will, ob es denn gut für die Kultur ist, wenn sie auch offiziell zum Staatsziel wird, leicht eines Ressentiments verdächtigt wird - und daraufhin als Banause gilt, der eine vermeintlich ohnehin stets bedrohte Kunst an die freie Marktwirtschaft zu verraten trachtet.

Goetz Klagenfurt Kulturförderung

Rainald Goetz bei seiner skandalträchtigen Klagenfurter Lesung 1983 - er hatte sich dortselbst die Stirn aufgeschnitten. (© )

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Keiner hat je ausgerechnet, wie viel Geld aus öffentlichen und gemeinnützigen Kassen in Deutschland, die in jedem Jahr über acht Milliarden Euro für Kultur ausgeben, für die Entstehung und Verbreitung von neuer Kunst aufgewendet wird. Aber es sind große Summen: Allein über dreitausend Kulturpreise mit neuntausend Einzelpreisen werden in jedem Jahr vergeben, mit einem Volumen von über fünfzig Millionen Euro, wobei schon auf die Literatur mehr als fünfhundert Auszeichnungen entfallen - darunter der mit 40 000 Euro dotierte Büchner-Preis ebenso wie der Schwäbische Literaturpreis mit seinen 1500 Euro. In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Preise um die Hälfte gewachsen. Es gibt ein Dutzend Literaturhäuser, in denen Schriftsteller für Geld vorlesen und diskutieren, öffentliche Galerien und Künstlerhäuser im In- und Ausland, in denen man ausstellen und auch leben kann, staatlich finanzierte Festivals, die jeweils Dutzende Autoren oder Musiker auf die Bühne bringen.

Der Deutsche Literaturfonds fördert die Arbeit an Büchern und Übersetzungen, die Kulturstiftungen der Länder kaufen Kunstwerke und vergeben Stipendien, die Kulturstiftung des Bundes tritt unmittelbar als Mäzen auf und setzt künstlerische Großprojekte in die Welt. Die Filmförderung fördert Filme, die auswärtige Kulturarbeit braucht ständig Künstler, die dem Ausland zeigen, wie bedeutsam Kunst in Deutschland sein kann. Tausende, wenn nicht Zehntausende Künstler beziehen aus diesen Quellen ein höchst unregelmäßiges, aber doch oft - wenn sie erst einmal die Schwelle zum ersten Preis überschritten haben - erstaunlich verlässliches Einkommen, ohne das die meisten von ihnen in ihrem Beruf nicht überleben können. Verlangt werden dafür eine halbwegs regelmäßige Produktion, freundliche Kritiken und ein interessanter Charakter. Die zahlreichen angestellten Kulturverwalter, die durch diese Aktivitäten in Lohn und Brot gesetzt werden, sind dabei noch gar nicht mitgerechnet.

Auch und gerade, wer davon ausgeht, die Kunst stelle in ihrer bloßen Existenz schon etwas so Wertvolles dar, dass sie unbedingt gefördert werden müsse, muss sich indessen der Einsicht stellen, dass diese Förderung nicht nur Bedingungen und Freiräume schafft, innerhalb derer die Kunst nach ihren eigenen Gesetzen wächst und gedeiht: Denn eine Kunstförderung in einem solchen Ausmaß verändert die Kunst. Die Alimentierung ist nur zum Schein von der Entstehung und Entwicklung der Kunst selbst getrennt. In Wahrheit beeinflusst sie die Wahl der Gegenstände und der Perspektiven, hat Einfluss auf Techniken und Darstellungsformen, verschiebt die Genres. Mehr noch: sie bringt eine Unmenge von Kunst hervor, die es ohne Kunstförderung nie gegeben hätte.

Dieses Schaffen geschieht nur scheinbar ohne pädagogischen Auftrag und politischen Zweck. Denn das Staatsziel Kultur, das nun nach dem Willen einiger Abgeordneter im Bundestag in das Grundgesetz eingetragen werden soll, ist schon seit Jahrzehnten verwirklicht, und zwar ganz ohne dass es zu einem Akt der formellen Selbstverpflichtung gekommen wäre. Gern wird das "Staatsziel Kultur" mit dem Charme des Utopischen umgeben: Es dient aber, als Reaktion auf die Krise der Staatsfinanzen, vor allem der Sicherung des Status quo und damit letztlich der Versorgungsansprüche, die Angehörige des Kunstbetriebs an den Staat stellen zu können meinen - nachzulesen etwa in den Pressemitteilungen des Deutschen Kulturrats, der Berliner Lobby der meisten deutschen Kulturinstitutionen.

In welchem Maße die Kunstförderung die Gegenstände wie die Gestalt von Kunst verändern kann, lässt sich leicht erkennen - am Literaturwettbewerb in Klagenfurt zum Beispiel. Wenn dort im Juni eines jeden Jahres achtzehn mehr oder weniger junge Schriftsteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Wettlesen antreten, dann wissen sie nicht nur, dass der mit immerhin 25 000 Euro dotierte erste Preis ihre Chancen auf dem Buchmarkt um ein Vielfaches erhöhen würde. Sie wissen vor allem auch, unter welchen Bedingungen sie antreten: Dreißig Minuten dürfen sie lesen, vor der Jury, vor dem Publikum im Sendesaal, vor den laufenden Kameras. Der Wettbewerb von Klagenfurt hat daher eine eigene Literatur hervorgebracht. Sie ist persönlich, weil in dieser Situation nicht nur der Text, sondern auch der Vorlesende beeindrucken muss. Sie ist auf den starken Reiz und auf die begrenzte Zeit hin kalkuliert - weshalb Tod, Wahn, Ekel und körperliche Verausgabung in diesen Stücken eine so große Rolle spielen. Sie muss als nur halb eingelöstes Versprechen fungieren können, hinausweisen auf ein größeres Werk jenseits dieser Darbietung. Mit anderen Worten: Der Wettbewerb lässt, in einem sehr freien und sehr demokratischen Sinn, eine eigene Auftragskunst entstehen. Und diese findet selbstverständlich auch ihren Weg in die marktwirtschaftlich betriebenen Teile des Kulturbetriebs, wo die staatliche Förderung dann als ein Faktor der Kalkulation unter anderen eingeht.

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