Focus: Generalüberholung unter altem Chef Das Endspiel

Helmut Markwort hat sich auf den letzten Metern seines Schaffens eine Generalüberholung des Focus einfallen lassen. Sein langer Abschied belastet den Bund mit Wegbegleiter Burda.

Von Hans-Jürgen Jakobs

Ein Verleger, der von einer Biografin zum "Medienfürsten" geadelt wurde, ist harmonische Verhältnisse bei Hofe gewohnt. Wenn so jemand 70 Jahre alt wird, soll naturgemäß nichts den Ehrentag stören, sondern der Frieden einer fröhlichen Tafelrunde einziehen.

Doch wenn Hubert Burda rund um den 9. Februar standesgemäß feiert, auch in der Münchner Residenz, hat sich ein Schatten über sein Reich gelegt. Für den sorgt ausgerechnet ein langjähriger enger Wegbegleiter, der ihm eine einst gefeierte Zeitschrift bescherte, die inzwischen aber das Sorgenkind des gutbürgerlichen Verlags aus Offenburg und München ist: Helmut Markwort, 73, und das Magazin Focus.

Die Geschichte vom "Ersten Journalisten" im Hause Burda, der nicht loslassen kann, gefährdet eine oft beschworene Freundschaft - und das feudale Idyll des Blätter-Patriarchen.

Chefredakteur Markwort hat sich auf den letzten Metern seines Schaffens eine Generalüberholung seines Werks einfallen lassen. Mit der Ausgabe vier am 25.Januar (möglicher Titel: die Finanznot der Kommunen) soll zu sehen sein, wie er den Niedergang seines Focus aufhalten will. Da aber spätestens im Juni - vielleicht auch viel früher - der bisherige Cicero-Chefredakteur Wolfram Weimer als Nachfolger bereit steht, soll sich Burda intern gegen vorherige große Sanierungsarbeiten ausgesprochen haben.

Was soll eine Konzeptänderung bei Focus jetzt, wo doch der Neue in Kürze ganz andere Ideen umsetzen will?

Doch noch hat Markwort die Macht. Zur lame duck, zur lahmen Ente, will er sich nicht machen lassen. Es handele sich um einen "permanenten Entwicklungsprozess" von Focus, der ,,überhaupt nichts mit dem Engagement des Kollegen Weimer zu tun'' habe, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage. An der "Auffrischung" werde intern seit Frühjahr 2009 gearbeitet - und als im Oktober der Vertrag mit Weimer perfekt war, "haben wir ihn über diese Aktivität kollegial informiert". Zur Frage, was Burda von der Neuerung per 25. Januar hält, lautet die Antwort: "Unser Verleger Hubert Burda ist seit langem über die Aktivitäten der Redaktion informiert."

So sollen nun bei Focus offenbar zwei neue Einheiten, "Gesundheit" und "Gesellschaft", bisherige Einzelressorts zusammenfassen. Längere Erzählstorys sollen auf große Bilder folgen, die bisherige Kleinteiligkeit schwindet. Zum Heftende ist eine Doppelseite "Personalien" geplant, ganz so wie beim Rivalen Spiegel.

Die Änderungen folgen aus monatelangen internen Umbauarbeiten ("Projekt Z"). Alles in allem eher kosmetische Korrekturen in schwerer Not: Im vierten Quartal 2009 drohte Focus sogar die historische Auflagen-Tiefmarke von 600.000 Exemplaren zu verfehlen.

Der designierte Chefredakteur Weimer, dessen alter Arbeitgeber Ringier ihn offiziell noch nicht freigibt, dürfte dem Treiben mit einer Mischung aus Ohnmacht und Ingrimm beiwohnen. Er weiß sich offenbar der Unterstützung von Vorstand Philipp Welte sicher, der mit ihm die Rettung von Focus angehen will. Dann dürfte auch ein Werbe- und Marketingetat von rund 20 Millionen Euro frei sein. Sogar der Plan, Focus als "Hauptstadtmagazin" in Berlin erscheinen zu lassen, ist noch nicht vom Tisch. Die Focus-Sprecherin erklärt, von einem 20-Millionen-Budget und Berlin-Gerüchten nichts gehört zu haben.

Wenn die irrwitzigen Querelen rund um Focus nicht abkühlen, ist womöglich sogar Markworts Position als Herausgeber gefährdet. Zu groß ist intern der Ärger über den Publizisten, der kurz vor dem 17. Geburtstag des Blatts und dem 70. Geburtstag des Verlegers nach Meinung vieler überzogen hat.

Burda selbst hat deutliche Signale ausgesandt. Schließlich trat er im Dezember überraschend vom Vorstandsvorsitz zurück, ein Zeichen für den überfälligen Generationenwechsel. Von Markwort, für den ein Platz in einem zu installierenden Beirat ("Verlegergremium") angedacht war, wurde Rückzug erwartet. Öffentlich beschied der Verleger: "Bei Focus fängt jetzt eine neue Generation an, und die muss auch angreifen."

Doch zunächst mal greift Markwort an, der Mann, der vom Medium Magazin für sein Lebenswerk prämiert wird. Er macht weiter wie gehabt und will "planmäßig" zum 1. Oktober aus der Chefredaktion ausscheiden - was bedeuten würde, dass es vorher drei Chefs bei Focus gebe. "Er ähnelt Helmut Kohl", klagt ein hochrangiger Burda-Mann, "der hatte auch seine große Zeit, merkte aber nach 16 Jahren nicht, dass sie zu Ende ging." Der Eigentümer scheute bislang ein Machtwort zu Markwort - womöglich ein Fall von Feigheit vor dem Freund.

Lesen Sie auf Seite 2, warum Markwort seinen Freund Burda arm machen könnte.