Theater und Flüchtlinge Ist der Theaterregisseur Alvis Hermanis ein Rassist?

Der Lette hat dem Thalia-Theater in Hamburg die Mitarbeit aufgekündigt - aus politischen Gründen.

Von Till Briegleb

Ist der lettische Regisseur Alvis Hermanis, ein beliebter Gast an großen deutschsprachigen Theatern, ein Rassist und verkappter Rechtsradikaler? Oder ist er das Opfer eines blinden Shitstorms und einer "brutalen Propaganda-Maschine" der deutschen Medien, wie er selbst es sieht, weil er nur seine freie Meinung gesagt hat? Eine Inszenierungs-Absage des Regisseurs an das Thalia Theater in Hamburg für eine Produktion im April 2016 hatte am Freitag zu einem Empörungs-Orkan in den sozialen Medien und bei diversen Kommentatoren von Zeitungen und Radios geführt, weil sie flankiert war von einer provozierenden Erklärung.

"Die Zeiten der political correctness sind vorbei"

Thalia-Intendant Joachim Lux ließ über seine Pressestelle verlauten, Hermanis habe "aus politischen Gründen" die Arbeit aufgekündigt, weil er nicht mit dem "humanitären Engagement für Flüchtlinge" des Theaters in Verbindung gebracht werden wolle. "Zwar seien nicht alle Flüchtlinge Terroristen," wird Hermanis in der Pressemitteilung weiter paraphrasiert, "aber alle Terroristen seien Flüchtlinge oder deren Kinder. Die Anschläge von Paris zeigten, dass wir mitten im Krieg seien. In jedem ,Krieg' müsse man sich für eine Seite entscheiden, er und das Thalia Theater stünden auf entgegengesetzten." Die Zusammenfassung von Äußerungen des Regisseurs, die er gegenüber dem Intendanten und anderen Theatermitarbeitern getan haben soll, endet mit dem Satz: "Die Zeiten der political correctness sind vorbei."

Alvis Hermanis, Jahrgang 1965, ist lettischer Regisseur, Autor und Intendant des Neuen Theaters Riga. Seit 2005 inszeniert er in Deutschland.

(Foto: imago/Rudolf Gigler)

Die verbale Anfeindung Hermanis', der an seinem Wohnort Paris gerade Berlioz' Oper mit dem passenden Titel "Fausts Verdammnis" inszeniert, war daraufhin total. Auf Nachfrage erhielten Medien ein autorisiertes Statement des Regisseurs, das den Thalia-Intendanten scharf dafür angriff, ohne Absprache diese Erklärung veröffentlicht zu haben. Sätze seien aus dem Zusammenhang gerissen und ihr Sinn verdreht worden. Doch in den weiteren Ausführungen erklärt Hermanis dann seine Position selbst in einer Weise, die "verdrehten Sinn" durchaus auch beim Regisseur vermuten lassen.

Die "privaten Gründe", die Hermanis als Motiv für seine Absage anführt, lesen sich darin so: "Momentan arbeite ich in Paris und wohne genau in jenem Stadtteil, wo vor zwei Wochen das Massaker stattfand. Das Gefühl im Alltagsleben ist wie in Israel. Permanente Paranoia. Sogar noch schlimmer als dort, weil die jüdische Gemeinschaft als Erste die Stadt verlässt. Überall umgeben uns Bedrohung und Angst. Wir alle sind traumatisiert von dem, was hier geschah. Als Vater von sieben Kindern bin ich nicht bereit, in einer weiteren potenziell gefährlichen Stadt zu arbeiten. Bekanntlich stammten die Täter von 9/11 aus Hamburg, übrigens."

Soll man das Leid von Millionen Flüchtlingen ignorieren?

Dass Hermanis nach dieser Logik in kaum einer europäischen Großstadt noch leben könnte, und schon gar nicht in Paris, ist offensichtlich. Aber diese absurde Aussage mag tatsächlich einem traumatischen Gefühl von Unsicherheit geschuldet sein, das jedem zugestanden sein muss, der den Terror vor seiner Haustür erlebt hat. Die entscheidenden Sätze, warum die kolportierten Auffassungen der Thalia-Mitteilung doch nicht aus der Luft gegriffen zu sein scheinen, folgen aber dann: "Wir wissen, dass die Pariser Tragödie sogar die Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung beeinflusst hat. Also war der Preis, der bezahlt werden musste, bis man schließlich einen Zusammenhang von Migrationspolitik und Terrorismus einräumte, der Tod von 132 jungen Menschen in Paris."

Auf die Nachfrage an Hermanis, ob diese Aussage etwa meine, dass Europa sich ignorant gegenüber dem Leid von Millionen Flüchtlingen verhalten solle, die vor dem Terror des Assad-Regimes und des IS geflohen sind, nur weil der Verdacht bestünde, dass darunter auch vereinzelt Terroristen nach Europa kämen, reagiert Hermanis mit wüsten Beschimpfungen. Statt diese und andere Fragen zu beantworten - etwa ob wir seiner Meinung nach jetzt im Krieg mit der muslimischen Bevölkerung stünden und ob er Sympathien für die Politik des Front National hege, die ähnliche Behauptungen dieses Zusammenhangs gerade demagogisch ausschlachte -, erklärt Hermanis sich nur zum Opfer einer deutschen medialen "Propagandamaschine", die gegen ihn vorgehe wie einst die Sowjet-Macht gegen unliebsame Meinungen.

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Hermanis' Begründung, warum er nicht bei dem "Refugees-Welcome-Zentrum" mitmachen wolle, als das sich das Thalia verstehe, endet schließlich mit den Sätzen: "Ich denke nicht, dass meine politische Haltung radikaler ist als diejenige einer Mehrheit von Europäern. Wir teilen den Enthusiasmus hinsichtlich offener EU-Grenzen und unkontrollierter Einwanderung nicht. Vor allem im Osten Europas verstehen wir diese Euphorie schlecht. Wer glaubt denn allen Ernstes, vierzig Millionen polnische Bürger, um ein Beispiel zu nehmen, seien Neonazis und Rassisten?"

Kurz gedachte Wutreden und pauschalisierende Tiraden

Um weiteres Licht in das Dunkel dessen zu bringen, was Hermanis wirklich meint, wenn er einen "Zusammenhang von Migrationspolitik und Terrorismus" erklärt, ist man leider auf Spekulationen angewiesen, da auch der Thalia-Intendant Joachim Lux nach der Veröffentlichung der Absage-Begründung mitteilen ließ, dass er für weitere Interviews und Statements nicht zur Verfügung stehe. Die Intendantin des Wiener Burgtheaters, Karin Bergmann, die diese Saison mit einer Alvis-Hermanis-Inszenierung von Gogols "Der Revisor" eröffnet hat, aber auch das meistgespielte "Flüchtlingsstück", Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" im Spielplan hat, antwortet auf die Frage, welche Auswirkung Hermanis' Position für die zukünftige Zusammenarbeit habe, dagegen beschwichtigend.

"Auch wenn ich persönlich eine andere politische Haltung habe und der Meinung bin, dass gerade in Zeiten des Terrors unsere humanistischen Werte so hochzuhalten sind wie nie zuvor: Natürlich hat Alvis Hermanis als Osteuropäer eine andere Haltung als wir, hören wir doch auf zu glauben, Europa sei ein ideologisch einheitliches Gebilde. Aber Hermanis einen rechtsextremen Stempel aufzudrücken, ist genauso falsch und dumm, wie die Flüchtlinge, die heute in Spielfeld angekommen sind, als Terroristen vorzuverurteilen."

Tatsächlich scheint es nach dem jetzigen Stand der Unkenntnis nicht angebracht zu sein, den lettischen Regisseur als "Rassisten" oder "Nazi" zu beschimpfen. Aber als ein respektierter Intellektueller der europäischen Kulturszene muss sich Alvis Hermanis fragen lassen, warum er mit derartig kurz gedachten Wutreden und pauschalisierenden Tiraden gegen die humanitäre Flüchtlingspolitik in Deutschland sich unter jene einreiht, die dieser komplexen Krise nur mit Ressentiments und Unterstellungen begegnen.