Man sollte Otto Schily mal 4,63 Euro schicken. Soviel kostet die teuerste Taxifahrt im kleinen Ceuta, die einen ins Ceti führt, das Aufnahmelager außerhalb des Städtchens, kurz vor der Stacheldrahtgrenze. Hier landen die Verzweifelten auf ihrer Flucht nach Europa.
Es war ein ganz normales Wochenende in Ceuta: Jeronimo Nieto, der Gouverneur der Stadt, war in Madrid, wo man ihm versprach, den Zaun massiv zu verstärken; außerdem sollen Geheimdienstleute nach Ceuta geschickt werden, schließlich wird hier das Zentrum der spanischen Al-Qaida vermutet.
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Im Verlauf der "Feria", dem alljährlichen Volksfest, haben sich 16 Immigranten unter den Buden versteckt, in winzigen Hohlräumen, hoffend, mit den Lastwagen der Schausteller ins gelobte Land zu kommen, rüber nach Andalusien. Sie wurden von den Grenzbeamten mit einem neuen Fahndungsgerät entdeckt, das Herzschläge registriert und in der Zeitung El Pueblo in raunend-beeindrucktem Ton vorgestellt wurde.
Und 300 Kilometer weiter östlich, in der Zwillingsenklave Melilla, haben in einer Nacht 500 Schwarzafrikaner versucht, mit selbstgebauten Leitern über die Zäune zu kommen. Die Guardia Civil konnte die Immigranten "abwehren", wie es wiederum in El Pueblo heißt. "Aber die kommen natürlich alle wieder", sagt Daniel Vidal.
Vidal sitzt in den Redaktionsräumen von El Pueblo und stapelt in der Luft Länder aufeinander: "Liberia, Guinea, Mali, Mauretanien, Marokko - stell' Dir vor, Du hast das alles geschafft und stehst dann vor unserer Stadt. Hast Du schon mal einen Marathon-Läufer gesehen, der auf der Zielgeraden aufgibt?" Vidal sagt das ohne xenophoben Zorn. Eher wie man über Naturgesetze redet.
Zielgerade nach Europa
Ceuta, die Zielgerade auf dem langen Weg nach Europa. Der "Vorposten", wie es in kriegerischer Metaphorik oft heißt. Es ist ein hübscher Vorposten auf marokkanischem Boden, eine blinddarmförmige Landzunge, die ins Mittelmeer reicht, im Dunst sieht man den Felsen von Gibraltar, er schwebt über dem Meer wie eine Fata Morgana.
Zwölf Quadratkilometer Europa, spanische Altstadt, hübscher Hafen, 68000 Einwohner. Tendenz sinkend. Die spanische Tendenz jedenfalls: Die meisten jungen Spanier wollen rüber auf die Peninsula, wenn es irgend geht, "hier ist ja nichts", sagt Carmen Balea von Roten Kreuz.
Über ihrem Schreibtisch klebt ein Post-it: "28 Frauen, 54 Männer". Ach das, sagt sie, vor drei Tagen wurden die auf einem Boot in der Meerenge aufgegriffen.
Joaquin arbeitet ebenfalls beim Roten Kreuz, nebenher ist er Taxifahrer. Er will hierbleiben, hat aber einen Traum: Einmal eine Taxifahrt von 50 Euro. Einmal soll ein Fahrgast einsteigen und ein Ziel nennen, das eine Stunde weg ist. Einfach eine Stunde geradeaus durch weite Landschaft fahren. Carmen lacht ihn aus: Was für ein kindischer Traum, eine Stunde fahren, was sollte irgendjemand in der marokkanischen Wüste wollen.
Schickt den Schily mal vorbei
Man sollte Otto Schily mal 4,63 Euro schicken. Soviel kostet die teuerste Taxifahrt im kleinen Ceuta, die einen ins Ceti führt, das Aufnahmelager, das außerhalb des Städtchens liegt, kurz vor der Stacheldrahtgrenze. Otto Schily könnte sich vor dem Ceti mit dem jungen Alpha unterhalten, über die Sogwirkung eines Zaunes und die paradoxalen Kräfte der Verdrängung.
Der Bundesinnenminister hat Anfang des Monats vorgeschlagen, Auffanglager in Afrika einzurichten. Hier in Ceuta haben die Spanier solch ein Lager. Und sie haben nach dem Schengener Abkommen mit EU-Geldern rings um ihre Stadt Wachtürme aufgestellt, Bewegungsmelder, Infrarotkameras, Nato-Draht, bewaffnete Posten. Alpha ist da durchgekommen, wie all die anderen, die hier jede Woche vor dem Eingang stehen, und behauptet, er komme de tout en bas, von ganz unten.
Im Gespräch spielt er mit der Doppeldeutigkeit dieser Formulierung, kommt mal von ganz unten, aus dem größten Elend, und mal aus dem tiefen Süden, weit unterhalb der Sahara: Aus Kongo.
Wer es bis ins Ceti schafft, ist noch lange nicht in Europa. 95 Prozent der Asylbewerber werden abgelehnt. Alpha ist sich aber sicher, dass er durchkommt, so wie alle anderen, mit denen man hier redet: "Wie gesagt, ich komm von ganz unten, Kongo, keine Verwandten mehr, alle tot, ich würde selbst bei euch in Deutschland Asyl bekommen." Von Ceuta hat Alpha angeblich zum ersten Mal in Kinshasa gehört. Das war seither sein Ziel.
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