Von Angela Köckritz

An diesem Dienstag, dem Tag des afrikanischen Flüchtlings, werden mehr als 9000 Bootsflüchtlinge aus Afrika die Kanarischen Inseln erreicht haben - mehr als im ganzen Jahr zuvor. Ein Interview mit dem marokkanischen Autor Mahi Binebine.

Keine Statistik kann erfassen, wie viele Afrikaner jährlich versuchen, nach Europa zu gelangen. Mittlerweile starten die meisten Flüchtlinge in Mauretanien. Die Passage ist dort billiger als an der Meerenge von Gibraltar, zudem ist es schwieriger geworden, illegal nach Marokko einzureisen. Der marokkanische Autor Mahi Binebine erzählt in seinem Buch "Kannibalen" (Unionsverlag) von Bootsflüchtlingen am Strand von Tanger. Im Interview spricht er über die Bilder, die Tausende nach Europa aufbrechen lassen.

Ceuta, Flüchtlinge, Enklave

Stacheldrahtzaun vor der spanischen Enklave Ceuta. Im vergangenen Jahr versuchten Hunderte von Flüchtlingen den Zaun zu überwinden. (© Foto: Reuters)

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SZ: Für die Figuren in Ihrem Buch ist Europa ein Paradies. Wie entsteht diese Wahrnehmung?

Mahi Binebine: Viele Afrikaner sehen in Europa ein Eldorado, dessen Tor man aufbrechen muss. Jedes Jahr kehren 1,5 Millionen Maghrebiner in ihre Länder zurück, oftmals in glänzenden Autos, voll beladen mit Schätzen.

In ihren Städten und Dörfern werden sie gefeiert. Sie erfinden so viele Geschichten von der anderen Welt, dass denen, die geblieben sind, ganz schwindlig davon wird. Sie hüten sich davor, von den Flüchtlingsunterkünften in den Vororten am Rande der Autobahnen zu erzählen, wo man sie wie Vieh zusammenpfercht.

Sie sprechen nicht von Rassismus und Ausgrenzung. Doch nicht nur die Auswanderer lassen Wunschträume entstehen. Das Satellitenfernsehen hat die Wahrnehmung der Afrikaner verändert: Täglich schüttet es eine Flut verführerischer Bilder aus, insbesondere pornographische.

Früher lebten wir in einer Art Autarkie. Nationales Radio und Fernsehen versorgten uns mit patriotischer Begeisterung - jenseits des europäischen Konsummodells.

SZ: Wissen die Menschen, die per Boot nach Europa flüchten wollen, welches Risiko sie eingehen?

"Diese Meerenge ist die letzte Chance"

Binebine: Einige Flüchtlinge vom Land haben noch nie das Meer gesehen und sie haben keine Ahnung, welches Risiko auf sie zukommt. Aber viele andere, darunter auch diejenigen, die ich getroffen habe, sind sich dessen bewusst.

Sie sagen: "Diese Meerenge ist die letzte Chance, die Grenze zwischen der Hölle und einer angeblich besseren Welt. Diejenigen, die versuchen, sie zu überschreiten, wissen was sie erwartet: ein Spiel zwischen Leben und Tod."

Ein anderer sagt: "Ich habe die Pateras (Flüchtlingsboote) drei Mal bestiegen - eine Verhaftung und zwei Schiffbrüche. Ich werde es wieder versuchen. Wenn ich sterbe, werde ich ein Märtyrer der Wirtschaft sein! All das tue ich für meine Familie."

SZ: Wie hoch sind die Kosten?

Binebine: Die Überfahrt kostet 1000 bis 2000 Euro, das ist der Jahreslohn einer Familie mit bescheidenen Einkommen. Um eine derartige Summe zusammenzubekommen, muss die ganze Familie große Opfer bringen. Es ist eine hochriskante Investition, die die Ersparnisse mehrerer Jahre erfordert.

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