Florian David Fitz im Interview "Wenn die Amseln singen"

Todkrank und trotzdem quietschfidel: auf der Suche nach dem "geilsten Tag".

(Foto: Warner/dpa)

Der Schauspieler und Regisseur hat bei seinem neuen Film "Der geilste Tag" die Hauptrolle gespielt, Regie geführt und das Drehbuch geschrieben. In der Tragikomödie geht es um zwei Todgeweihte, die noch für manche Überraschung sorgen

Interview von Susanne Hermanski

Dreimal hat der Münchner Florian David Fitz schon Todgeweihte gespielt, einmal den Herrn Jesus persönlich (Jesus liebt mich). Jetzt hat er sich die Rolle eines Mannes auf den Leib geschrieben, bei dem ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Im Hospiz lernt er einen jungen Pianisten (Matthias Schweighöfer) kennen, der an seiner Lungenkrankheit sterben wird. Zwischen der ständigen Atemnot seines Sidekicks und der Gefahr, dass dem Publikum das Lachen aber so richtig im Halse stecken bleibt, bewegt sich Fitz' Komödie viel virtuoser, als deren Titel vermuten lässt: "Der geilste Tag". Deren Witze-Timing ist so brillant, wie man es im deutschen Kino kaum sieht, die Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere findet in den Bildern eine wunderbare Entsprechung. Zum Beispiel wenn der Autor, Regisseur und Hauptdarsteller hoch über Kapstadt kopfüber an einem Baukran hängt. Die halbe Nacht lang - und bis die Sonne doch noch einmal aufgeht.

SZ: Wenn auch lustig, schreiben Sie sich auffallend oft ernste Themen auf den Leib. Wieso?

Florian David Fitz: Komödien über tragische Themen finde ich spannender, die gehen mich selbst an. Und wie bewegt man Menschen? Auch physisch aus ihrem Wohnzimmer weg und hinein ins Kino? Die richtige Laune, also Humor, ist eine gute Initialzündung dazu.

Viele würden sich trotzdem nie freiwillig - so wie Sie zur Recherche - in ein Hospiz wagen. Sie haben da keine Berührungsängste?

Nein. Ich dachte mir als Kind schon oft, wenn ich im Bett lag: krass! Ich werde sterben. Das heißt nicht nur: Das kann mir passieren, sondern das ist ganz sicher. Das war für mich unvorstellbar und faszinierend zugleich. Früher wurde der Tod sogar wie ein Fest gefeiert.

Weil Menschen ihre irdische Existenz oft als Schinderei empfanden. Das ist heute anders.

Das ist richtig. Aber Feiern heißt in dem Fall ja auch nicht Party oder ewige Lustigkeit! Feiern, heißt, das, was das Leben so schickt, mit einer gewissen Festlichkeit zu umarmen.

Zwei, die etwas zu verbergen haben: Benno (Florian David Fitz) und Andi (Matthias Schweighöfer) reisen mit Diebesgut und Knarre.

(Foto: Warner)

Sind Sie nicht in einer dieser typisch deutschen Familien aufgewachsen, in denen das Thema lieber ausgeblendet wurde?

Nein, ich finde, meine Eltern gehen sehr offen damit um. Aber selbst bei uns hat man gesagt, als meine Oma gestorben ist: Das muss das Kind nicht unbedingt sehen. Ich glaube aber, es ist wichtig, dass man den Menschen auch tot sieht, dass er nicht so einfach verschwindet. Die Verdruckstheit macht es nicht weniger traurig, nur irgendwie bleiern. In unserem Film ist die Prämisse: Zwei Jungs sagen sich, uns passiert das Schlimmste, uns gibt es in zwei Wochen nicht mehr, aber genau das machen wir uns jetzt zum Vorteil. Spannender als der Tod ist ja die Frage: Was macht das mit dem Leben, wenn es mit dem Ende ganz konkret wird?

Und, was passiert dann?

Die Reaktion ist panisch: Jetzt muss ich alles richtig machen, jetzt muss ich schnell noch den "geilsten Tag" erleben. Aber das ist Unsinn. Die Idee ist, endlich nicht mehr gegen das Leben anzukämpfen, sondern sich auf den Fluss zu setzen, der nun mal das Leben ist, und mitzugehen.

Der Film enthält eine der lustigsten Sexszenen seit Jahren. Wer hatte die Idee dazu?

Ich. Bei den Amerikanern und Spaniern gibt's zum Teil eine naive Faszination für Deutschlands alte Nazis, die uns die Haare zu Berge stehen lässt. Kennen Sie den Cartoon von Til Mette? Kommen deutsche Urlauber an den Strand, Engländer liegen schon dort und rufen: "Heil Hitler!" Die Deutschen wissen nicht, wo sie vor Schock hingucken sollen. Da sagt die Britin zu ihrem Mann: "Those germans - no bloody sense of humor . . ." Aber wie sollst du da als Deutscher reagieren? Auch wenn man das sehr seltsam findet: Es gibt jede Menge Nazi-Pornos in der Welt.

Sie lassen Matthias Schweighöfer einen reichlich typisch deutschen Charakter spielen: Der ist gejagt von allen möglichen Ängsten . . .

Ja, aber ich sehe dieses Deutsche nicht nur negativ. Ich liebe die Tatsache, das jemand, der nicht mal Autofahren kann, so viel Angst hat im Leben, dass er eine Versicherungskarte für jeden Zweck mitschleppt - und die ihn am Ende tatsächlich aus schlimmem Schlamassel rettet.

Glauben Sie, ein Film kann Menschen dazu anhalten, nicht bis zum letzten Moment zu warten, um offenen Rechnungen zu begleichen?

Das wäre vermessen. Aber "Vinzent will meer", hatte immerhin eine Wirkung: Offensichtlich reagieren seither wirklich mehr Menschen ruhiger auf jemanden, der mit Tourette-Syndrom durch die Straßen läuft. Was den Tod angeht, haben wir alle gute Vorsätze. Aber wir vergessen sie immer wieder. Es hilft einfach, sich ab und an zu erinnern, dass es nicht ewig geht. Und dann: locker machen.

Der Film hat viele politisch unkorrekte Momente. Keine Angst vor einem Shitstorm im Netz?

Mich friert ein bisschen, wenn ich sehe, was das Netz bei manchen Menschen herauskehrt. Einerseits diese unfassbare Aggression und Schamlosigkeit, die sich ungehindert ergießt. Eine seltsame Freude an der eigenen seelischen Hässlichkeit. Auf der anderen eine grauenhafte Scheinheiligkeit. Jetzt soll sogar aus "Jim Knopf und die Lokomotive" alles heraus geschrieben werden, was anstößig sein könnte. Statt den Kindern zu erklären, wo das Problem liegt, wäscht man im Nachhinein lieber die Literatur weiß.

Ihr Film endet nicht am Meer, sondern in München. Was haben Sie für ein Verhältnis zu dieser Stadt?

Natürlich hätte man das genauso in Berlin spielen lassen können, ohne den Film schlechter zu machen. Aber klar: Ich habe ein sehr sentimentales Verhältnis zu München. Es ist meine Heimat. Und ja, es gibt diese Dinge in München, die aussehen wie Bierwerbung; es gibt dieses ganz besondere Licht hier, das die Stadt immer aussehen lässt, wie auf einem gephotoshopten Kalenderblatt. Aber wir brauchten auch einen ganz besonderen Moment für diesen Film, der so typisch ist für München: Morgens im Juni, kurz bevor die Sonne aufgeht und es noch kühl ist. Wenn dann die Amseln singen! Das übertrifft kein Meeresrauschen.

Der geilste Tag, Regie & Buch Florian David Fitz läuft derzeit in vielen Kinos