Von Von Gustav Seibt

Es hat sich ausdebattiert: Die Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof in Berlin ist offen.

Als der Bundeskanzler ans Rednerpult trat, fiel BTL, "Technik für Veranstaltungen", aus. Jene Besucher der Eröffnung der Flick-Collection, die es vorgezogen hatten, es sich im Café des Hamburger Bahnhofs vor einer Videowand bequem zu machen, auf der die Reden aus dem unerquicklichen Pressezelt übertragen wurden, sahen sich düpiert.

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Soeben hatte Klaus-Dieter Lehmann, der Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, mit Tönen von farbloser Nachdenklichkeit die Reihe der Ansprachen eröffnet; dann trat Schröder vor die Mikrofone, begann sonor zu sprechen, und in diesem Moment verschwand das Bild von der Wand - nur der Ton drang weiter aus den Boxen.

Kaum ein Medienkünstler hätte ein derart bezwingendes Experiment einrichten können. Schröders Rede, kraftvoll-hausverständig-schwammig wie immer, wenn er zur Kultur spricht, ging ja voll hörbar weiter. Allein das Bar-Publikum verhielt sich, als sei mit dem Bild auch die Sprache ausgefallen, hob rufend die Stimmen und pegelte sich auf einem hohen Geräuschniveau neu ein. Vom Kanzler waren nur noch Wortfetzen verständlich ("Nachdenken über Geschichte...auch über Krieg...die engen Verflechtungen zwischen Nazi-Regime und Wirtschaft...die Kunstwerke wollen gezeigt werden...man darf die Kunstwerke nicht in Geiselhaft nehmen...muss ihnen ihren Charme lassen"), und man erkannte die Journalisten im Raum daran, dass sie sich angespannt lauschend vor den Lautsprechern versammelten, während der Rest der Gesellschaft sich nun ganz ungehemmt den Austern, den Sushi und dem Champagner zuwandte und auch gern dafür bezahlte.

Währenddessen war auf der grauen Fläche des Übertragungsschirms das Computer-Menü von BTL, "Technik für Veranstaltungen", erstanden, auf dem ebenso heftig wie erfolglos herumgeklickt wurde.

Das ging so weiter, auch als der Sammler Friedrich Christian Flick das Wort ergriff, um zu versichern, er wolle sich nicht fortstehlen aus der Geschichte. Erst als der Berliner Museumsgeneral Klaus-Peter Schuster an der Reihe war, klappte es wieder mit Ausstellungstechnik und Bildübertragung, und Schusters gewohnt ölige Suada voller nasaler Danksagungen rann immerhin aus blassem Schwarzweiß über das nunmehr fast schon rauschhaft animierte, laut schnatternde Publikum der umstrittensten, größten, wenn auch gewiss nicht glamourösesten Vernissage dieser Jahre. Wir aber hatten gelernt: Ohne ein Bild wird das Wort tonlos.

Angstlust vor dem Eklat

Wird etwas passieren? Das war die unausgesprochene, aber unvermeidliche Frage, die über dem zäh erwarteten Ereignis schwebte. Die Leute kamen an diesem Abend nicht in erster Linie, um eine Sammlung zu begutachten. Das würden die professionellen Kritiker, die seit Stunden schon unterwegs in den Hallen waren, besorgen. Trotzdem hat die Frage durchaus mit Kunst zu tun, wie sie hier präsentiert wird; denn die in der gespannten Erwartung enthaltene Angstlust vor dem Eklat, das fast autoaggressive Hoffen auf irgendeine Störung, gehört ja zu den Urerwartungen an moderne Kunst.

Heute ist es, das zeigte sich, am ehesten noch politisch-moralisch herstellbar. Darin bestand die untergründige, aber unverkennbare Frivolität des gesellschaftlichen Vorgangs vom Dienstagabend: Was Streit und Erbitterung gewesen war, wurde spätestens zu dieser Stunde zum Erlebnis, zum einvernehmlich genossenen Bubenstreich.

Gesamtdeutsches Feuilleton- und Redakteurstreffen

Im Übrigen verlief der Abend auf mehreren Ebenen. Erstens war er ein enormes gesamtdeutsches Feuilleton- und Redakteurstreffen - alle, alle waren da -, auf dem sich altbekannte Kollegen, mit denen allen man schon einmal zusammengearbeitet hatte, animiert zuprosteten und einander erklärten, wo sie jetzt gerade unter Vertrag stehen. Zweitens kamen Kunsthändler und Künstler, Museumsleute und Sammler in großer Zahl, was dem Ganzen seinen basarhaften Zug verlieh.

Drittens war fast vollzählig die aggressiv unelegante Berliner Gesellschaft erschienen, zog mürrisch durch die endlosen Ausstellungshallen, der Form halber, um eben den Anlass wahrgenommen zu haben. Warum lächeln Berliner Damen immer so kinderlos?

Die Ausstellung mit ihren pharaonischen Dimensionen, ihrer boulevardhaften Länge und ihren vielen fantastischen Kunstwerken bietet ein Bild der Opulenz, dem in Berlin das Publikum erst noch nachwachsen muss. Fachästhetisch mag sie noch so beschnödelt werden, als Raum für flanierende Konversation ist sie beeindruckend. Vielleicht lebt sie überhaupt nur im Bahnhofslärm eines großen gesellschaftlichen Anlasses.

Wir sehen die westliche Kunst der letzten Generation, die es geschafft hat, alles Geschichtliche, selbst die Schrecken des 20. Jahrhunderts, hinter sich zu lassen, denn sie hat sich ja entgrenzt auf jede Art von Lebenswelt hin, sie ist unbeschränkt spielerisch geworden, radikal meditativ; hier bei Flick zeigt sie sich opernhaft aufwändig und, jedenfalls in ihrer Massierung, auf dröhnende Weise folgenlos.

Dass es sich ausdebattiert hat, war von Anfang an zu spüren, nämlich schon am Eingang, wo Protest sich nur noch im einstelligen Bereich zeigte, und am Ende war der Sieg des Faktischen, den die Ausstellung bedeutet, evident. Der unverkennbare moralische Hautgout, der gleichwohl über ihr hängen geblieben ist, hatte vor allem eine Folge: die massierte Anwesenheit eines voyeuristischen Banausentums, das sich so ungeniert wohl doch nur in der deutschen Hauptstadt zeigen kann.

Es will dabei sein und zuschauen, wie "Normalität" sich durchgesetzt hat - also noch einmal einen Tabubruch erleben. Es steht tagespolitisch informiert vor einer Kunst, die ihm herzlich schnuppe ist.

Am Ende fiel es schwer, in dem Auftrieb am Hamburger Bahnhof keine Allegorie der deutschen Gesellschaft in diesem Moment zu erkennen. Sie ist ganz von heute, nur das Geld kommt noch von gestern. Das bisschen Fluch auf dem Reichtum wird arbeitsteilig von den einen pädagogisch abgetragen - Kolloquien begleiten die Ausstellung in den folgenden Wochen -, den Nervenstärkeren ist es längst ästhetischer Reizstoff, Beitrag zu einer Interessantheit, auf die man mit wissender Coolness reagiert.

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(SZ vom 23.9.2004)