Filmgeschichte Ungelüftete Bilder

In Gordian Mauggs Spielfilm geht es um das Thema "Fritz Lang" - aber nicht wirklich um den großen Regisseur und sein Kino.

Von Philipp Stadelmaier

Das ganze Elend des deutschen Kinos von heute liegt in einem kurzen Kameraschwenk. Da betritt Fritz Lang, gespielt von Heino Ferch, sein Arbeitszimmer. Es ist früh am Morgen und der Mann ist in keinem guten Zustand, hat er doch die Nacht mit Drinks, Koks und Nutten verbracht, weil ihn seine Frau und Drehbuchautorin Thea von Harbou nervt und er außerdem keine Ideen für einen neuen Film hat. Und da gibt es auf einmal diesen kleinen Kameraschwenk über seinen Schreibtisch, vorbei an einigen dort aufgestellten Bildern - mit dem echten Fritz Lang, dem Regisseur von "Siegfried" und "Metropolis". Womit sich das seltsame Gefühl einstellt, dass Ferch mit dem echten Lang nicht die Bohne zu tun hat. Als hätte sich dieser Typ, der da durch die Türe kommt und so tut, als sei er Fritz Lang, genau deswegen so besoffen, weil er doch nur Heino Ferch ist.

Gordian Maugg, der Regisseur von "Fritz Lang", hat sich keine Mühe gemacht, die Bilder auf dem Schreibtisch mit Ferch nachzustellen, um ihnen einen Hauch von Jetzigkeit zu verleihen, von Fiktion, von Glaube, es sei 1931 und vor uns stände einer der größten Regisseure der Filmgeschichte. Die alten Bilder suggerieren nur staubige Vergangenheit. Kino, eine Kunst der Gegenwart? Nicht in Deutschland.

Eher handelt es sich hier um einen Museumstrip. Mauggs Film besteht aus einer Assemblage aus Spielszenen mit Heino Ferch von heute und alten Wochenschauen und Lang-Filmen, alles in Schwarz-Weiß und im Kastenformat der damaligen Zeit. Vor allem bedient sich Maugg bei Langs erstem Tonfilm "M - eine Stadt sucht einen Mörder". Denn darum geht es hier: Wie Lang die Ermittlungen zum Düsseldorfer Serienmörder Peter Kürten verfolgt, ihn nach seiner Verhaftung interviewt und schließlich zur Vorlage für den von Peter Lorre gespielten Berliner Kindermörder in "M" werden lässt.

Heino Ferch spielt Fritz Lang. Oder besser gesagt, er illustriert ihn.

(Foto: W-Film)

Wenn Heino Fritz Ferch-Lang dabei in eine Einstellung von "M" digital hineinkopiert wird, dann besichtigt er als Bote von heute Langs Werk, als würde er eine Reise in glorreiche Zeiten unternehmen. Ferch verkörpert Fritz Lang nicht, er illustriert ihn - dauerrauchend, wohlfrisiert, mit Monokel. Das wirkt so miefig wie ein Raucherzimmer, das man seit achtzig Jahren nicht gelüftet hat und das nun mal wieder kurz fürs Publikum geöffnet wird.

Denn genau das sind die Bilder in Mauggs Film: schiere Illustrationen zu einem gut aufgearbeiteten historischen Thema, zu einem informativen Text, den man den Figuren in den Mund gelegt hat: "Wir haben ein Buch zu schreiben. Das ist doch der einzige Grund, warum wir uns noch nicht haben scheiden lassen, weil wir vor lauter Arbeit keine Zeit haben!", sagt einmal Thea von Harbou zu Lang. Nun eignen sich Illustrationen zwar blendend für Bücher, um dem Auge mal ein wenig Ruhe vom Lesen zu gönnen. Filme aber bestehen aus einer Abfolge von Bildern, 1931 nicht anders als 2016. Wenn dabei alle nur ein Thema illustrieren, wird's schnell langweilig. Die Frage in einem Film lautet: Wie kommt man von einer Einstellung zu einer nächsten? Was passiert zwischen ihnen? Wer wissen will, was das heißt, kann sich ja mal einen Film anschauen von - Fritz Lang.

Maugg geht es aber nicht um Langs Filme, sondern um das Thema "Fritz Lang, großes Genie - und Monster". "M" dient hier dann auch nur dazu, um auf Langs eigene gewaltvolle Vergangenheit zurückzukommen. Dem Serientäter im Gefängnis gesteht Ferch-Lang am Ende: "Auch ich habe getötet" - im Ersten Weltkrieg, und vielleicht gar die erste Ehefrau, was nie aufgeklärt wurde. Aber selbst wenn man diesen dunklen Fleck in Langs Biografie interessant finden mag, so dient Lang hier doch nur als Beispiel eines "großen Genies", das demystifiziert und vorgeführt werden kann.

Das Elend des deutschen Kinos besteht genau darin. Es dreht sich nicht nur zu oft um die deutsche Vergangenheit (diese Sache mit Hitler), sondern auch um seine eigene. Und merkt dabei, dass es mit dieser nicht mal mehr viel anfangen kann, außer ein paar alte Aufreger auszugraben, Gossip von früher. Auch der deutsche Umgang mit dem anderen Filmgroßgenie Fassbinder spricht Bände: Als würde das Image eines großen Wahnsinnigen seine Arbeit als Regisseur komplett obsolet machen, ebenso wie die Fragen, die sich aus dieser Arbeit bis heute ergeben. Daher sollte man sich nach "Fritz Lang" Godards "Verachtung" anschauen, wo Fritz Lang sich selbst spielt, und auch das Gespräch zwischen beiden mit dem Titel "Der Dinosaurier und das Baby". Es gibt Zeiten, in denen man Fritz Lang nach Capri bestellen und übers Filmemachen reden lassen kann. Und es gibt Zeiten, in denen man halt Heino Ferch ein Monokel unters Auge klemmen muss. Endgültig verloren aber ist das Kino, wenn im Glas des Monokels nicht mehr die monströse Lust auf neue Bilder funkelt.

Fritz Lang, D 2016 - Regie: Gordian Maugg, Buch: Maugg, A. Häusser, Kamera: Lutz Reitemeier. Mit Heino Ferch, Johanna Gastdorf. W-Film, 104 Min.