Filmfestspiele in Venedig Die Welt im Fadenkreuz

Vom Untergang bedroht: Der Film "Lebanon" erhält den Goldenen Löwen, während sich Venedig um die eigene finanzielle Zukunft und jene des Films sorgt.

Von Susan Vahabzadeh

Wie kann man schon der Übermacht einer wahrhaftigen Erfahrung widerstehen, den Erlebnissen und Erkenntnissen aus einem schrecklichen Krieg, nach langen, schmerzhaften Verarbeitungsprozessen zu einem Film verdichtet? Eine erste Regie noch dazu, die so konsequent und mutig ist. Der Goldene Löwe für den israelischen Film "Lebanon" von Samuel Maoz, der selbst Soldat war im Libanonkrieg 1982 und der Jahre brauchte, bis er im Stande war, so zu erzählen, was er empfindet - das ist der Sieg eines klaren Favoriten.

"Lebanon" ist jene Art von Film, die man schon unter Preisverdacht hat nach Lektüre der Synopsis: vier blutjunge israelische Soldaten im klaustrophobischen Innern eines Panzers, den Feind sehen sie nur noch durchs Fadenkreuz, eine zermürbende, chaotische Mission. Man ist jetzt schon gespannt auf Maoz' nächsten Film, sagte Jury-Präsident Ang Lee, selbst zweifacher Löwen-Gewinner. Die Entscheidung, so Lee, sei schnell und einstimmig gewesen - und "wir waren froh, dass wir nicht selber in diesem Panzer saßen, der jeder Panzer auf der Welt hätte sein können".

Ang Lee hat Sinn für Humor; er hat sich gerade selbst mit "Taking Woodstock" von mehr als einem Jahrzehnt voller trauriger, melancholischer, verzweifelter Dramen mit einer Komödie erholt - umso mehr Verständnis hat er wahrscheinlich dafür, dass auch Fatih Akin mit "Soul Kitchen", nach harter Kost mit "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite", genau das selbe tut. "Soul Kitchen" ist manchmal ein bisschen derb, hat aber beide Füße auf den Boden und das Herz am rechten Fleck. Ein bisschen bemerkenswert ist dieser Preis dennoch - weil es zwar weder fair noch kunstsinnig ist, Komödien bei Preisverleihungen zu übergehen, dies aber dennoch so oft geschieht.

Ein Tag im Sommer 1962

Wenn man sich Ang Lees Filme ansieht, hat man den Eindruck, der Mann muss sehr weise sein; und als Jurypräsident hat er dieses Image nicht beschädigt. Den Darstellerpreis, die Coppa Volpi, bekam Colin Firth, und auch er wohlverdient, für Tom Fords "A Single Man", in der Rolle des Professors George Falconer; der Film folgt ihm einen Tag lang im Sommer 1962, es ist jener Tag, den er sich selbst als letzten auserkoren hat und an dessen Ende er sich umbringen will, aus Trauer um seinen Lebensgefährten, den er bei einem Autounfall verloren hat.

Firth, sonst auf romantische Helden abonniert, spielt diese leise Agonie ganz minimalistisch - und gibt dem Film damit mehr Tiefe, als er eigentlich hat. Aber bei einem Darstellerpreis geht es eben um Schauspielkunst, nicht um einen vollkommenen Film.

Ähnliches gilt für Jaco van Dormaels "Mr. Nobody" - dessen Produktionsdesignerin Sylvie Olivé bekam einen Osella-Preis, und der Look dieses Films, der sich zwischen verschiedenen Versionen des selben Lebens hin- und herbewegt, zwischen kühler Zukunft, bunten Seventies, Reichtum und Armut, ist dessen würdig; den ganzen überkandidelt versponnenen "Mr. Nobody" hätten die meisten Juries wohl gewogen und für zu leicht befunden.

Der bange Blick nach vorn

Das rosigste von allen 66 Venedigjahren sei die Mostra 2009 gewesen, sagt Paolo Barrata, der Präsident der Biennale: mehr akkreditierte Journalisten als 2008 und höhere Besucherzahlen - um 35 Prozent, sagte Barrata, sei der Kartenverkauf ans gewöhnliche Publikum gestiegen, was natürlich an der starken amerikanischen Präsenz in diesem Jahr liegt: Michael Moore mit "Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte", Matt Damon in "The Informant!", George Clooney und Jeff Bridges und Kevin Spacey und Ewan McGregor in "The Men Who Stare at

Goats"... Er sei sich darüber im Klaren, sagt Barrata, dass 2010 schwieriger wird - das letzte Jahr, bevor der 100 Millionen Euro teure neue Palazzo del Cinema eröffnet wird (der Bau von unterirdischen Gängen, der die einzelnen Teile verbindet, wird noch bis 2012 dauern). Die Baustelle wird das Festival noch mehr beeinträchtigen als dieses Mal, das Grand Hotel Excelsior schräg gegenüber, seit der allerersten Mostra immer Zentrum des Drumherums, wird wohl für Renovierungsarbeiten geschlossen sein. Aber das sind Kinkerlitzchen, gemessen an den Problemen, die von viel weiter her kommen.

Die Stadt Venedig auf der anderen Seite der Lagune, immer vom Untergang bedroht, hat immense finanzielle Probleme - die Stadt, in der auch die bescheideneren Behausungen immer noch historische Denkmäler sind, hat zu besseren Zeiten ein Vielfaches des heutigen Etats zur Verfügung gehabt. 1999 gab es noch 269 Millionen Euro für Denkmalschutz und Infrastruktur - 2009 werden es, wenn alles gut läuft, vielleicht 28 Millionen Euro sein.

Die Mainstreamisierung der Filmindustrie

Und der Mostra-Direktor Marco Müller wird, wie viele seiner Kollegen, im nächsten Jahr noch ein ganz anderes krisenbedingtes Problem haben: Überall in der westlichen Welt werden gerade weniger Filme produziert. Steven Soderbergh, bei der diesjährigen Mostra außer Konkurrenz mit "The Informant!" dabei, sagt: Was Hollywood betrifft, werden es nicht nur weniger - sie werden auch konventioneller, weil keiner mehr ein Risiko eingehen möchte. Also werden die Festival-Direktoren in Cannes, Berlin und Venedig auf eine noch bescheidenere Auswahl von Filmen zurückgreifen müssen, die einerseits nicht arg platt sind für ein Festival, andererseits aber trotzdem die Glamour-Gelüste am Rande des roten Teppichs befriedigen.

Die großen Festivals sind gezwungenermaßen immer größer und teurer geworden und schon deswegen immer mehr auf publikumswirksamen Mainstream angewiesen - wie sie diese Rezession überstehen werden, das ist derzeit eine bange Frage, die keiner offen stellt, denn alle denkbaren Antworten sind erschreckend.

Was noch einmal bekräftigt, wie richtig es ist, einen Film wie "Lebanon" auszuzeichnen, so ein sperriges, eindrucksvolles Ding, sich seiner Form bewusst, unkonventionell, anstrengend - genau jene Art von Kino also, die sich erhebt über die bloßen Fragen der Vermarktbarkeit. Jene Art von Kino, die die Festivals tatsächlich brauchen, um nicht unterzugehen.