Michele Placido wiederum hat in "Vallanzasca - gli angeli del male" den echten Mailänder Gangster Renato Vallanzasca porträtiert, der schon als Kind ein ziemliches Früchtchen war, seine erste Straftat bestand darin, einen Zirkustiger freizulassen. Dann gründete er eine Bande, momentan sitzt er eine Haftstrafe von ein paar hundert Jahren ab. Der Mann führt sich auf wie ein großmäuliger Popstar, und Placido macht aus seinem Leben einen spannenden Krimi, er hat manchmal sogar schöne Bildideen - ein Drogenrausch in Jumpcuts, beispielsweise. In Italien wirft man ihm vor, er habe Vallanzasca heroisiert, in der Tat entwickelt seine Geschichte aus den Siebzigern keinen gesellschaftlichen Kontext, das lustige Gangsterleben findet in einem hermetisch verschlossenen Paralleluniversum statt.
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Figuren mit und ohne Tiefgang
Wie hintergrundlos diese Figur ist, das erkennt man dann im Vergleich zu "The Town", der zweiten Regiearbeit von Ben Affleck, die außer Konkurrenz lief. Es geht um eine Gruppe Gangster in Charlestown, Boston, einem Flecken Erde, dessen einziger Exportschlager die Kriminalität ist. "The Town" beginnt mit einem Bankraub - die Truppe, unter Führung von Jem (Jeremy Renner) und Doug (Affleck selbst) hat sich gut vorbereitet, man trägt Skelettmasken und hinterlässt keine Spuren, die Bänder der Überwachungskamera wandern in die Mikrowelle der Kaffeeküche, die Filialleiterin wird als Geisel genommen und unversehrt am Fluss abgesetzt. Einerseits hat Affleck die Überfälle und die Autojagden und die Gefechte mit der Polizei mit viel Lust und Energie inszeniert; und dennoch vergisst dieser Film nie, dass seine Helden keine Zukunft haben und nie eine hatten.
Jem und Doug sind Marionetten der lokalen Bosse, die von einem Blumenladen aus operieren. Alle kennen sich von Kindheit an - aber das, was sie aneinanderkettet, hat mit Wärme oder Fürsorge nichts zu tun, man geht notwendige Allianzen ein in einem Überlebenskampf. In ein paar Sekunden charakterisiert Affleck zu Beginn seine Figuren: Jem drischt ohne Not auf einen Bankangestellten ein; Doug flüstert der Filialleiterin (Rebecca Hall) ins Ohr, dass ihr nichts passieren werde ... Was man in diesem Moment ahnt, passiert wirklich: Doug beobachtet sie, um herauszufinden, ob sie nicht doch zu viel gesehen hat - sie spricht ihn an, er verliebt sich. Nun will er raus aus Charlestown - echte Bindungen eingehen, eine Zukunft haben. Affleck hat etwas verstanden, was der Krimiprofi Michele Placido immer noch nicht begriffen hat - dass echter Suspense erst da entsteht, wo eine Figur einen richtig packt, man mit ihr um ihr Überleben fiebert, um ihre Freiheit.
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(SZ vom 09.09.2010/ls)