Verdämmert und verplappert: Während die italienischen Beiträge am Lido enttäuschen, hat Ben Affleck in seiner zweiten Regiearbeit verstanden, wo man eine Figur anpacken muss - an ihrer Freiheit.
Das Filmfestival von Venedig wurde in den Dreißigern des vorigen Jahrhunderts erfunden, um die Saison auf dem Lido noch ein wenig zu verlängern, und es mag wohl sein, dass es damals tatsächlich noch reizvoll war auf dem Lido im September - in diesem Jahr aber, das mag dem Klimawandel geschuldet sein oder auch nicht, ist der Sommer pünktlich Ende August abgereist. Dass man sich ein wenig vorkommt, als sei man einfach zu lang geblieben, liegt nicht nur am Wetter.
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"The Town" erzählt von einem Flecken Erde, dessen einziger Exportschlager die Kriminalität ist. Ben Afflecks Film läuft in Venedig außer Konkurrenz. (© REUTERS)
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Der Festivalpalast ist eine Baustelle, weshalb es weniger Festivalgäste gibt und kaum noch Schaulustige, das legendäre Hotel Des Bains ist geschlossen und wartet darauf, in Apartments umgewandelt zu werden - früher war im Nachtclub des Hotels immer was los, an der Pforte warteten Autogrammjäger, jetzt liegt die Uferpromenade schon abends um halb acht nasskalt, ausgestorben da. Es ist Herbst, und die Mostra, wo in diesem Jahr alles laufen sollte, was man in Cannes vermisst hat, verbreitet auch drinnen in den Kinos Endzeitstimmung . An der Anlegestelle des Lido steht eine Leuchttafel, die in die menschenleere, stille Nacht funkt: Don't be afraid of the future,of the past, of the present.
Dass mit dem griechischen Wettbewerbsbeitrag "Attenberg" nun nach Vincent Gallos "Promises Written in Water" gleich ein zweiter Bestattungsfilm lief, heitert das Publikum kaum auf, aber Athina Rachel Tsangaris Vater-Tochter-Stück ist wenigstens schön in seiner Melancholie. Ein Mann liegt im Sterben, seine Tochter, die dann ganz allein zurückbleiben wird, übt das Loslassen. Manches ist hier vielleicht spekulativ - Knutschübungen mit der besten Freundin, beispielsweise -, aber es gibt viele schöne kleine Momente; am bewegendsten jener, wenn der Sarg mit dem Vater abtransportiert wird, man sieht sie von hinten, ihre Füße, wie sie ansetzt, hinterherzurennen - als glaubte sie eine Sekunde, das könne noch irgendwas ändern.
Eine Frage des Glaubens
Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein gut inszenierter Moment manchmal wichtiger ist als ein großer Erzählbogen - man würde sich wünschen, das hätte sich herumgesprochen in die zeitgenössische italienische Kinoszene, die zwar auf diesem Festival stärker vertreten ist als je zuvor, aber wild entschlossen zu sein scheint, die in früheren Jahrzehnten erworbene Reputation restlos zu vernichten.
Zwei der italienischen Wettbewerbsfilme sind nun gelaufen, der eine ist formal interessant, macht aber nichts aus seinem Thema: Mario Martones "Noi credevamo" (Wir glaubten) handelt vom Risorgimento, drei fiktionalisierte Lebensläufe von Kämpfern in der italienischen Einigungsbewegung, der letzte schließt sich am Ende Garibaldi an, doch das gerechte Italien, von dem er geträumt hat, kommt nicht zustande. Der Film ist völlig zugeplappert, vielleicht, damit man nicht merkt, wie unfassbar uninspiriert das inszeniert und gefilmt ist - "Noi credevamo" hat in dreieinhalb Stunden keine einzige Einstellung, die für sich stehen könnte - die meisten Fernsehfilme sind liebevoller gedreht.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum ein Amerikaner den Italienern dieses Jahr die Show stiehlt.
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