Filmfestival in Cannes Im Tarantino-Strudel

Cannes 2009 - das ist das Cannes der deutschsprachigen Schauspieler. Dank Quentin Tarantino wird vor allem Christoph Waltz gefeiert.

Von Tobias Kniebe

Diese Geschichte spielt nicht auf der Leinwand, sondern hinter den Kulissen - und gehört doch zu den spannendsten, die dieses Jahr in Cannes erzählt wurden. Es war einmal ... im von den "Basterds" besetzten Berlin.

Filmfestspiele Cannes Filmfestival in Cannes

Brad PItt, Diane Kruger, Quentin Tarantino und Melanie Laurent.

(Foto: Foto: AFP)

Genauer gesagt im August letzten Jahres. Da war Quentin Tarantino schon wochenlang in der Stadt und hatte beschlossen, dass die Deutschen in seinem neuen Film nicht mit Engländern, Schweden oder Holländern besetzt werden durften - German speakers, please. So weit, so gut für Daniel Brühl, Til Schweiger, August Diehl, Gedeon Burkhard etcetera - nur für den wichtigsten Gegner seiner "Inglourious Basterds", den SS-Offizier Hans Landa, fand sich trotz fieberhafter Suche einfach kein passender Mann.

"Wir waren fünf Tage davon entfernt, das ganze Unternehmen abzublasen", erzählt Tarantino in Cannes, noch immer mit schicksalshaftem Tremolo in der Stimme. "Die Deadline stand fest, und sie fühlte sich befreiend an: Keine faulen Kompromisse! Lieber wollte ich das Skript dann einfach als Buch veröffentlichen."

Doch am nächsten Tag trat Christoph Waltz, 52, geboren in Wien, den Amerikanern völlig unbekannt, ins Studio und in Tarantinos Leben. Als er begann, die ersten beiläufigen, vollendet höflichen, vollendet bedrohlichen Sätze des "Judenjägers" Landa zu sprechen, flogen überraschte, vielsagende, schließlich triumphierende Blicke durch den Raum. "Ich sah Quentins Gesicht und wusste: Wir machen das Ding!", erinnert sich der Produzent Lawrence Bender.

"Christoph hat mir meinen Film zurückgeschenkt", sagt Tarantino. Und spätestens in diesem Moment ist klar: Cannes 2009, das ist auch das Jahr der deutschsprachigen Schauspieler.

Der Held der Geschichte sitzt derweil auf der Terrasse des berühmten Carlton-Hotels. Scharfer Seitenscheitel, scharfgeschnittenes Gesicht, scharfgeschnittenes Sommersakko. Erhöhte Wachsamkeit in den Augen. Ein wenig überreizt sind die Nerven schon. Die Premiere ist noch einen Tag entfernt, den Film, den er da anscheinend gerettet hat, kennt Christoph Waltz noch nicht.

Aber über die Rolle kann er sehr wohl reden. "Eine Jahrhundertrolle", sagt er schlicht. "Also nicht schlecht für ein Medium, das kaum älter als hundert Jahre ist." Und schon blitzt dieser belustigte, leicht dämonische Ausdruck in seinen Augen auf, der solche Aussagen sofort relativiert und zugleich der Wirkung der Pointe nachspürt. "So genial wie dieser Landa geschrieben ist, hätte selbst ein völliger Idiot ihn nicht kaputtspielen können."

Austria swingt

Und doch muss da Schicksal am Werk gewesen sein. Man erkennt das an einem Halbsatz im Drehbuch, in dem Landa von seinen "Austrian Alps" erzählt. Für seinen Schöpfer war er also von Anfang an Österreicher. Landa hat auch, wie Waltz, Manieren. Er küsst gern die Hand. Er isst gern Strudel, und zwar bitte mit Sahne. Obwohl Tarantino diesen mehrsprachigen Verhör- und Terrormeister natürlich auf Englisch geschrieben hat, entdeckte Waltz in diesen Dialogsätzen mehr als nur ein Quantum österreichischen Schmäh.

"In den Passagen, wo die Figur deutsch spricht, haben wir die Übersetzung ein wenig austrifiziert", sagt er. "Und sofort hatte die Sprache eine völlig andere Melodie, war einen Quantensprung näher am Tarantino-Sound. Was der Mann schreibt, das swingt. Und das Österreichische swingt nun einmal besser als das Deutsche."

Hoch über Waltz an der Fassade des Hotels hängen "Basterds"-Werbebanner. Eines davon zeigt einen grimmig blickenden Til Schweiger, ein anderes die mondän gestylte Diane Kruger, eine Deutsche, die in Paris lebt und inzwischen Starrollen in Frankreich und in den USA bekommt. "Til Schweiger is a Basterd", lautet die Botschaft - hier hängen nicht die Nazis, sondern die Nazi-Jäger des Films.

Als die Nachricht zu Beginn des Festivals nach Berlin durchsickerte, welche Gesichter für das Carlton ausgewählt wurden, war die Idee der Kampagne allerdings noch nicht so klar - und die Tatsache, nicht dabeizusein, sorgte erst einmal fast für Panikreaktionen bei Christoph Waltz und Daniel Brühl.

Der spielt Frederik Zoller - einen deutschen Charmeur im besetzten Paris, der das Kino liebt, aber nebenbei ein ziemlich tödlicher Scharfschütze ist, den die Nazipropaganda zum Helden aufbaut. "Du stellst dir vor, dass deine wichtigsten Szenen rausgeschnitten wurden, dass du komplett versagt hast."

Brühl sitzt auf einem kleinen Balkon des Grand Hotel mit Blick über die Bucht von Cannes. Junge Filmemacher aus diversen Ländern trinken gerade den Kühlschrank des Berliner Produzenten Claus Boje leer, es geht auf vier Uhr morgens zu.

Auch Brühl kennt den Film noch nicht, aber inzwischen ist er entspannt - er hat den Meister bereits auf einer Party getroffen, es gab eine große Umarmung und eine feierliche Beteuerung, dass keine einzige seiner Szenen geschnitten sei.

Am Tag nach der Premiere sind die Deutschen dann tatsächlich in aller Munde - allen voran Christoph Waltz. "Is that the German everybody's talking about?", fragt näselnd ein schwuler britischer Klatschkolumnist, als Waltz über den Roten Teppich schreitet. "He looks like Robert Redford!" Tarantino vor ihm legt gerade einen wilden Twist mit seiner französischen Hauptdarstellerin Mélanie Laurent hin, und dann ist auch August Diehl da, der ebenfalls einen fiesen SS-Mann spielt.

Auf dem Podium der Pressekonferenz fehlte er noch, wurde von Brad Pitt persönlich hervorgehoben, der sogar das Glas auf ihn erhob: "Glückwunsch zu deinem Baby, August!" Diehl ist gerade Vater geworden - hach, schon herrlich, dieses neue, internationale Familiengefühl der "Basterds"-Bande. Tarantino und die deutsche Filmförderung haben es möglich gemacht, jetzt darf gefeiert werden. Noch einmal Pitt: "These Germans, man - they had it down."

Der Master dieses Universums aber ist und bleibt Tarantino - ein genauso inspirierender wie strafender, brillanter wie launischer Gott. Als er seine Rolle hatte, hat Christoph Waltz noch einmal jeden Satz, jede Einstellung des Tarantinowerks aufgesogen - und dann eine Entscheidung getroffen: "Hier ging es nicht darum, einmal sein Können zu zeigen oder sich, wie man so dämlich sagt, die Rolle ,zu eigen zu machen. Es ging darum, sich mit Haut und Haaren in den Dienst eines großen Künstlers zu stellen - und alles andere zu verdrängen. Es fühlte sich, ehrlich gesagt, phantastisch an."

Wer zu solcher Weisheit nicht fähig war, musste leiden - wie Til Schweiger, der tagelang unbeschäftigt am Set gehalten wurde. Oder das Psychodrama der letzten Klappe: Tarantino bestand darauf, die Kamera selbst zu führen, trat dann zurück und lief aus dem Raum, ohne ein Wort zu sagen, bis ein überraschter Assistent schließlich "Cut" rief. Da war der Meister schon auf dem Weg zum Flughafen. Kein Lob mehr, kein Abschied, keine Party - zurück blieben weinende Darsteller und ein völlig verstörtes Team.

Nur Christoph Waltz zeigt sich von solchen Eskapaden völlig unberührt. Auch seine Gelassenheit hat fast etwas Sardonisches. "Man muss das alles nehmen, wie es ist - und bereit sein, das Denken bei Tarantino einfach mal abzuschalten. Wenn nicht ... tja, dann ist man schön blöd."