Filmfestival goEast Metastasen des Krieges

Kriegsnarben, Tod, Verderben: Das Festival des osteuropäischen Films in Wiesbaden belegt die Ausweglosigkeit vieler Existenzen. Und doch gibt es Hoffnung.

Von Paul Katzenberger

Der Mensch unterstellt des Öfteren, er beherrsche die Natur. Wie wenig das der Fall ist, erfuhren in diesem Jahr die Macher des goEast-Festivals des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden. Bei der zehnten Jubiläumsausgabe sollte alles noch etwas größer und opulenter ausfallen als in den Vorjahren: mehr Länder im Programm, prominentere Gäste bei den Festbanketten und ein eigenes Jubiläumsprogramm in der herausgeputzten Landeshauptstadt.

Menschenfeindliche Abgeschiedenheit

Doch dann trübte die Wolke aus isländischer Vulkanasche auch dieses Anniversarium - viele interessante Filmmacher schafften es trotz ihrer Zusagen nicht mehr rechtzeitig zu der Filmschau. Immerhin gelang mit Alexej Popogrebskij einem der prominentesten Geladenen die Anreise, was das Festival wohl nicht nur wegen Popogrebskijs jüngsten Erfolgen bei der diesjährigen Berlinale (zwei silberne Bären) als gutes Omen interpretieren durfte.

Denn ausgerechnet dem russischen Regisseur kamen die meteorologischen Gewalten nicht in die Quere, obwohl gerade er in seinem Wettbewerbsbeitrag Wie ich diesen Sommer beendete - Kak ja provel etim letom die Vorrangstellung der Natur gegenüber dem menschlichen Allmachtsanspruch betont.

Der Schauplatz für seinen Film - eine Insel im arktischen Meer vor der russischen Region Tschukotka - könnte menschenfeindlicher kaum sein. "Weiter nach rechts und weiter nach oben geht es auf der russischen Landkarte nicht", erklärte Popogrebskij in Wiesbaden sichtlich stolz. In dieser Abgeschiedenheit geraten der erfahrene Meteorologe Sergej (Sergei Puskepalis) und dessen Praktikant Pawel (Grigori Dobrygin) in eine existenzielle Auseinandersetzung, bei der die Natur als dritter Protagonist allerdings die Regie führt. Es geht vornehmlich um die unergründlichen Wahrheiten von Raum und Zeit, und nur nachgelagert um einen Generationenkonflikt, den das russische Festivalkino so häufig aufgreift.

Allerdings zogen in diesem Jahr besonders viele Wiesbadener Wettbewerbsfilme ihre Dramatik aus der Spannung zweier Akteure unterschiedlichen Alters. So thematisierte etwa die rumänisch-deutsche Produktion Ehrenmedaille - Medalia de Onoare von Regisseur Peter Calin Netzer einen Vater-Sohn-Konflikt, während diese klassische Form der Auseinandersetzung zwischen den Generationen in dem estnisch-deutsch-finnischen Streifen Vasha über zwei Stellvertreter ausgetragen wurde.

Dieser Analogie zum Trotz, zeigte sich gerade in diesen zwei Filmen, wie stark sich das osteuropäische Kino inzwischen ausdifferenziert hat: Während Ehrenmedaille deutliche Anleihen an der typisch reduziert-ironischen Sicht des rumänischen New-Wave nahm, präsentierte sich Vasha in Teilen wie ein westlicher Action-Streifen: Vor der Kulisse der estnischen Hauptstadt Tallinn drückten der türkische Hauptdarsteller Mehmet Kurtulus und der finnische Regisseur Hannu Salonen dem Film nur allzu deutlich ihren Stempel auf - der Schauspieler und der Filmmacher standen beide schon mehrfach für den Tatort vor und hinter der Kamera. Die besonders große geistige Nähe der baltischen Länder zum Westen kam also auch bei diesem Festival zum Ausdruck.

Gleichwohl glaubt die künstlerische Leiterin des goEast- Festivals, Swetlana Sikora, übergreifende Themen im osteuropäischen Kino zu erkennen. Sie registriere den Trend, dass sich viele Autoren besorgt mit sozialen Verwerfungen und mit deren psychologischen Auswirkungen auf einzelne Schicksale beschäftigten, so die gebürtige Litauerin.

In dem ungarischen Wettbewerbsbeitrag Tage der Sehnsucht - A vagyakozas Napjai wandelt Jozsef Pacskovszky beispielsweise auf den Spuren der ungarischen Regiegröße Bela Tarr und behandelt die destruktiven Auswirkungen der Konsum- und Leistungsgesellschaft auf das Familienleben.

In dem Drama zerbricht die Ehe des Augenarztes Zsoltan (Zsolt Laszlo) mit seiner attraktiven Frau Angela (Catherine Wilkening) an unüberwindlichen Schuldgefühlen. Denn erst nach dem frühen Unfalltod der Tochter registrieren Zsoltan und Angela, dass ihnen Geld und Karriere unwiderruflich den Bezug zum gemeinsamen Kind geraubt haben. Zsoltan wird deshalb zum Alkoholiker, während Angela der Sexsucht verfällt. Daran kann auch die junge Anna nichts ändern, obwohl es vorübergehend nach einer zweiten Chance für eine glückliche Familie aussieht.

Überlebenskampf eines Drogensüchtigen

Für seinen Film bekam Pacskovszky den Regiepreis der Landeshauptstadt Wiesbaden verliehen, während mit dem Hauptpreis des Festivals - der Goldenen Lilie - ein weiteres Sozialdrama prämiert wurde: In seinem Spielfilmdebut Auf der Straße - Quchis Dgeebi erzählt der georgische Regisseur Lewan Koguaschwili vom Überlebenskampf des Drogensüchtigen Chekie (Guga Kotetishvili) in Tiflis.

Mit seinen 45 Jahren gehört der gutherzige Junkie zu jener verlorenen Generation von Georgiern, die sich im nun herrschenden Kapitalismus nicht mehr zurecht finden. Chekie gerät dabei in eine Zwangslage, aus der er sich nur noch durch Selbstmord befreien kann. Doch in diesem Scheitern bewahrt er seine Integrität.

Fast noch gnadenloser rechnet Branko Schmidt in der kroatisch-bosnisch-serbischen Trainspotting-Version Metastasen- Metastaze mit der kroatischen Gesellschaft ab. Der desillusionierte Filip, der rassistische Krpa, der Alkoholiker Kizo und der Junkie Dejo verkörpern jeder für ganz allgemeine Defizite des Balkanlandes. Auf diese höhere Ebene weist auch der bedrohliche Titel des Episodenfilmes hin: Das Krebsgeschwür des Jugoslawienkrieges ist nicht kuriert, sondern hat längst in die nächste Generation hinein metastasiert.

Eine ausweglos erscheinende Konstellation stellt sich auch in Schweinchen - Swinki dar. Denn in dem polnisch-deutschen Wettbewerbsfilm von Robert Glinski gerät der behütete Teenager Tomek unentrinnbar in den Strudel von Gewalt und Perversion, der durch das Wohlstandsgefälle in einem kleinen polnischen Grenzort zu Deutschland ausgelöst wird.

Verhängnisvoller Ausweg

Schweinchen - so werden im polnischen Grenzgebiet jene minderjährigen Jungen und Mädchen genannt, die sich an westliche Sextouristen prostituieren. Weil Tomek den immer größeren Konsumdrang seiner gleichaltrigen Freundin Marta befriedigen will, braucht er mehr Geld als ihm die Umstände in dem verarmten Ort gewähren. Schließlich sieht er den einzigen Ausweg im Verkauf seines Körpers an Sextouristen von jenseits der Grenze. Diese Gemengelage verheißt nichts Gutes - Tomek wird zum Totschläger.

Kriegsnarben, Tod und Verderben - diese Themen dominierten in den Wiesbadener Filmen in diesem Jahr zwar, doch es gab auch Ausnahmen. In Constantin und Elena - Constantin si Elena demonstriert der erst 26-jährige Rumäne Andrei Däscalescu wie die Liebe und der Respekt zweier Menschen für einander die ganze Welt verändern können - und sei es in der tiefsten rumänischen Provinz.