64. Filmfestival Cannes Schwer zu ertragen

Johnny Depp und Penelope Cruz bringen die Karibik an die Croisette. Doch im Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes gibt es gewichtigere Filme mit sehr ernsten Themen wie etwa die Pädophilie.

Von Susan Vahabzadeh

Es ergibt schon einen Sinn, dass wir im zwanzigsten Jahrhundert begonnen haben, die Piraten des achtzehnten zu romantisieren - ihre Herrschaft über die Meere war angemessen lang her, und dann haftet den Piraten ein Hauch von Revolution an, sie haben sich der Unterdrückung zu Lande und dem Joch auf See entzogen.

Fremde Gezeiten, der neue Fluch-der-Karibik-Film, wurde nicht durch das, was auf der Leinwand passiert, auf das größte Filmfest der Welt katapultiert, sondern weil Johnny Depp, als er im weißen Dinnerjackett mit Penelope Cruz im Arm über den roten Teppich schritt, eine kreischende Menschenmenge anzog wie keiner sonst.

(Foto: REUTERS)

Im Idealfall ist ein Kino-Pirat eine Art Robin Hood mit nassen Füßen - wie der Outlaw Jack Sparrow mit dem dramatischen Augen-Make-up, den Johnny Depp für die "Fluch der Karibik"-Filme erfunden hat.

Er mischt am Anfang des vierten Teils erst einmal einen Londoner Gerichtssaal auf - sein Maat soll zum Tode verurteilt werden, als Richter hat sich Captain Sparrow kostümiert. Dann sorgt er für sein eigenes Recht: Ein Hochstapler heuert unter seinem Namen eine Mannschaft an, unter der Verkleidung verbirgt sich, man sieht es gleich, Penélope Cruz als Sparrows nachtragende Ex-Geliebte.

Das ist eine Tonne Blödsinn gleich zum Anfang - aber wer die ersten drei Teile mochte, der wird auch den vierten lieben, weil es eigentlich sowieso nur darum geht, Johnny Depp dabei zuzusehen, wie er durch den Film torkelt, charmant, stets besoffen und vernarrt in das, was er da treibt - und es gibt mehr von ihm zu sehen als je zuvor.

Es gilt, die Quelle der ewigen Jugend zu suchen, und Sparrows Vater - Keith Richards - erklärt ihm, wie man dahin kommt. Johnny Depp: Warst du denn schon mal da? Keith Richards: Sehe ich so aus? Seine Geschichte deklariert der Film so selbst zu grobem Unfug: Wenn irgendwer beweist, dass die Welt keine Quelle der Jugend braucht, ist es Keith Richards.

Geisterbahn im Disney-Themenpark

Fluch der Karibik - Fremde Gezeiten (ab Donnerstag im Kino) ist in 3D gedreht, der Effekt bringt ihn seinem Ursprung, einer Geisterbahn im Disney-Themenpark, wieder näher, und so hat Cannes damit auch gleich die obligatorische Verbeugung vor dem technischen Fortschritt erledigt.

"Fremde Gezeiten" wurde nicht durch das, was auf der Leinwand passiert, aufs größte Filmfest der Welt katapultiert, sondern weil Johnny Depp, als er im weißen Dinnerjackett über den roten Teppich schritt, eine kreischende Menschenmenge anzog wie keiner sonst.

Wenn er dann aber schon gezeigt wird, muss der Film sich Vergleiche gefallen lassen: im Wettbewerb lief der französisch-amerikanische Film The Artist von Michel Hazanavicius, in dem ein Filmstar der Zwanziger den Sprung in die Talkies nicht schafft, die Geschichte von A Star is Born - aber als Schwarzweißstummfilm, mit ein paar wahnsinnig komischen Toneffekten, Tanzeinlagen und sehr originellen Ideen.

Auch das ist die Sorte Kino, die überwiegend dazu da ist, gute Laune zu verbreiten - und irgendwie ist's, auch wenn das elitär ist, das größere Vergnügen, Leuten zuzuschauen, die zeigen, was sie können - und nicht nur die Leistungsfähigkeit des Schnittcomputers zu bewundern und den Charme des Hauptdarstellers.

The Artist wurde spät nachnominiert - als stünde alles, was vergnüglich ist, von Haus aus unter Verdacht, zu leicht zu sein. Genau genommen gibt aber das Gewicht eines Themas nicht das Gewicht des Films vor, der dabei herauskommt.

Schwer, und schwer zu ertragen

"Michael" vom Österreicher Markus Schleinzer ist einer der beiden Debütfilme im Wettbewerb, und es geht um einen Pädophilen, der einen kleinen Jungen in seinem Keller gefangen hält. Das ist schwer, und schwer zu ertragen.

Schleinzer konzentriert sich auf den Mann, nicht auf das Kind; er folgt ihm ganz nüchtern, zeigt dieses Minipatriarchat, das der duckmäuserische Michael in seinem Bunker auslebt, und obwohl es beeindruckend ist, wie dieser Erstling inszeniert und gespielt ist, bleibt die Frage, ob man klären kann, wie so einer wie Michael ist, oder ob man's eigentlich wirklich wissen möchte.

Die Leute würden, sagt Schleinzer, auf Kindesmissbrauchs-Skandale mit einer mittelalterlichen Rechtsauffassung reagieren - dem setzt er einen Film entgegen, mit dem er die Leute, die er da meint, nicht erreichen wird. Hat das Gewicht?

Natürlich sind, so oder so, die wenigen großen Festivals der richtige Ort, um sich über den Zustand von Gesellschaften, den Strukturen, die sie zusammenhalten oder auseinanderbrechen lassen, filmisch Gedanken zu machen. Das kann man auf ganz unterschiedliche Arten tun - der Wettbewerbsbeitrag Footnote des israelischen Filmemachers Joseph Cedar macht es als schwarze Komödie im Akademikermilieu Jerusalems, rivalisierende Talmudforscher machen sich gegenseitig die Hölle heiß - eine schöne Parabel darauf, dass man sich in Situationen, in denen alle recht haben, mit Rechthaberei automatisch ins Unrecht setzt.

Eine Beziehung aus dem Augenblick

Die belgischen Brüder Jean-Luc und Pierre Dardenne, deren Filme schon zweimal gewonnen haben in Cannes, sagen, dass unsere Gesellschaften vor allem ein Problem haben - sie konzentrieren sich zu sehr aufs Individuum und nicht auf die Bindungen untereinander.

In ihrem Wettbewerbsbeitrag Le gamin au vélo/Der Junge mit dem Fahrrad entsteht eine Beziehung aus dem Augenblick, ohne Motivation und ohne Zögern: Eine Frau - die wunderschöne, warmherzige Cécile de France - trifft auf einen Jungen, der versucht hat aus dem Heim abzuhauen, um seinen Vater zu suchen, er klammert sich an ihr fest, als sein Betreuer ihn zurückbringen will.

Sie sagt nicht "Lass mich los", sondern nur: "Nicht so fest." Sie nimmt ihn bei sich auf, ohne Wenn und Aber, sie gibt nicht auf, obwohl ihre Erziehungsversuche und Gesprächsangebote keine Wunder bewirken - und auf magische Weise sieht das bei den Brüdern Dardenne aus wie die natürlichste Sache der Welt.

Eine moderne Fabel, sagt Cécile de France. Es wird nicht alles gut, und Le gamin au vélo ist auch kein schulmeisterlicher Benimmkurs - und doch, am Ende dieser Geschichte schimmert ein Licht. Man kann die Welt mit einem Film nicht erklären und vielleicht auch nicht besser machen. Aber ein wenig schöner machen kann man sie doch.