Von RAINER GANSERA

Vorformulierter Jugendjargon, alte Rebellen und ein paar Hoffnungsträger: Die deutschen Kino- und TV-Filme auf dem Filmfest

(SZ vom 4.7.2001) - Gern wirft man Filmkritikern vor, sie hätten ein sadistisches Vergnügen daran, Regisseure in den Olymp hoch zu jubeln, nur um sie bei nächster Gelegenheit zu zerfetzen und in den Orkus zu werfen. Kein deutscher Film der jüngsten Vergangenheit wurde von der Kritik derart gepriesen wie Oskar Roehlers "Die Unberührbare". Ist Roehler nun mit seinem neuesten Werk, "Suck My Dick", reif für ein Schlachtfest? Keine Chance - ihm ist eine grandios-komische, intelligent-böse Farce gelungen, die mit Abstand das Beste ist, was das Filmfest in der Made-in-Germany-Reihe zu bieten hat, und die ihn als wagemutigen Filmemacher zeigt, der sich mit jeder neuen Arbeit auch neue Horizonte erschließt.

Oskar Roehler spielt souverän mit dem, was in anderen deutschen Filmen bewusstlos und angestrengt-lustig durchgehechelt wird: Ego-Manien, Orgasmus- Beschwörungen, das Versickern der Gefühle in hysterischer Selbstbespiegelung. (© Verleih)

Anzeige

Roehler bricht das Klaustrophobische seiner früheren Filme auf, offenbart ein bei ihm nie vermutetes Talent für das surrealistisch Groteske, schreibt brillante Dialoge und schenkt allen seinen Darstellern traumwandlerische Sicherheit und Ausstrahlung. Bravourös: Edgar Selge als Erfolgsschriftsteller am Rande des Nervenzusammenbruchs, der von einem mysteriösen Phallus-Verlust heimgesucht wird und den Widerstreit von Potenz und Intelligenz auszufechten hat. Die größte Überraschung: Modedesigner Wolfgang Joop, der nicht nur einen Cameo-Auftritt absolviert, sondern eine tragende Rolle spielt. Er bietet eine flamboyante Performance als überkandidelter Psychiater, der schon Uwe Johnson von Schreibhemmungen befreien konnte.

Roehler spielt souverän mit dem, was in anderen deutschen Filmen bewusstlos und angestrengt-lustig durchgehechelt wird: Ego-Manien, Orgasmus- Beschwörungen, das Versickern der Gefühle in hysterischer Selbstbespiegelung. Ralph Huettners "Mondscheintarif" ist eine streckenweise charmante und phantasievolle, am Ende jedoch recht banale Beziehungskomödie. Maria Bachmanns "Thema Nr.1" zeigt vier Frauen beim Beziehungsgeplapper-Marathon, der bereits nach zehn Minuten so konfus und platt gerät, dass jegliches Interesse abdriftet. In beiden Filmen wird die Liebe auf Kummerecken-Niveau verhandelt. Die weltbewegenden Fragen sind: Wie lange soll eine Frau auf den Anruf ihres Lovers warten, bevor sie selbst zum Handy greift? Soll der Mann ein zupackender oder ein zärtlicher Liebhaber sein?

Was Jugendliche für ihren ureigensten Ausdruck halten, ist oft nur die feindliche Übernahme ihrer Gesten, Phantasien und Selbstinszenierungen durch die Strategien der Pop-Industrie. Traurig, wenn Regie-Debütanten dabei mitspielen. "Rave Macbeth" von Klaus Knösel ist ein auf Spielfilmlänge geblähter, handwerklich perfekt gemachter Rave-Party-Clip. Fast jedes Bild ist bis zur dramaturgischen Belanglosigkeit durchgestylt; alle Figuren bleiben Statisten; das Blut tropft in Zeitlupe über die Leinwand; die Shakespeare- Reminiszenzen sind eine Lachnummer. Christian Züberts "Lammbock", Benjamin Quabecks "Nichts bereuen" und Simon Verhoevens "100 Pro" sind Filme mit darstellerischem Witz und inszenatorischem Geschick. Allerdings verkaufen sie ihre jungen Helden allzu rasch an eine vorformulierte Rhetorik der Jugend, inklusive Hey-Alter-Jargon und plumper Weiber-Anbagger-Phantasien. Keine ihrer Figuren gewinnt einprägsame Kontur.

Ganz anders bei "Lovely Rita", dem Debütfilm der in Berlin lebenden Österreicherin Jessica Hausner. Die 15-jährige Titelheldin (Barbara Osika) vergisst man nicht so schnell - ihren trotzigen Blick, ihre beklemmende Sprachlosigkeit, die wenigen Momente des ausgelassenen Herumtollens, ihr rührend-geschmackloses Outfit: grüne Jacke, rote Stiefeletten, blauer Lidschatten. Rita versucht, der Enge und Kälte ihres Spießer-Elternhauses zu entkommen, tastet sich neugierig an ihre ersten sexuellen Erfahrungen heran, unternimmt hilflose Fluchtversuche. Selten ist das seelische Niemandsland einer Heranwachsenden so eindringlich geschildert worden.

Momente des Authentischen: Bei Eckhart Schmidt blitzen sie auf, wenn die farbige Möchtegern-Schauspielerin Laura (Colette Divine) von ihrem phänomenalen Lover erzählt, der sie betrügt, beklaut, hintergeht, und von dem sie doch nicht lassen kann. Egal, ob die mäandernde Geschichte von Liebe, Sex und Verrat, die sie in langen Monologen der Kamera anvertraut, erfunden oder tatsächlich so geschehen ist; es ist die Lebendigkeit ihres Vortrags, die sie in unseren Köpfen zum eigentlichen Film macht. Mitreißende Augenblicke eines authentischen Spiels finden sich auch in "Anam", dem Debütfilm der 30-jährigen Buket Alakus. Die Titelheldin ist eine türkische Putzfrau, die verzweifelt nach ihrem drogensüchtigen Sohn sucht. Schade nur, dass die Regisseurin immer wieder bei den kruden Formeln eines archaisierenden Melodrams Zuflucht sucht, und die Story in eine sentimentale Mama-ist-die-Allerbeste-Ideologie taucht.

Der überzeugendste, eigenwilligste Film aus der Reihe deutscher TV- Movies ist "Ende der Saison" von Stefan Krohmer. Seismografisch zeichnet er die Gefühlsbewegungen seiner Figuren auf und entwirft das facettenreiche Bild einer jungen Frau, die um ihre Selbstständigkeit ringt. Er nutzt den Dogma- Stil nicht für pseudoauthentische Reportageeffekte, sondern für die Konzentration auf die subtilsten Regungen seiner wunderbaren Akteure. Er erzählt von dem, wogegen sich die Jungen wehren müssen: dass es heute die Alten sind, die den Gestus des Rebellischen und Nonkonformistischen okkupieren.

Leser empfehlen