Filmdreh in Nordkorea "Die ticken immer noch wie wir"

Die Welt dürfe die Nordkoreaner nicht verloren geben, sagt Ulrich Gaulke, der vor einigen Monaten in dem Land gedreht hat. Wie die Menschen den Alltag mit dem Führerkult erleben und von Kim Jong-Ils Vorliebe für Filme erzählt der Dokumentarfilmer im Interview.

Von Sonja Zekri

Nordkorea ist ein schwarzes Loch, eine Art negatives Utopia, aus dem keine Bilder herausgelangen und in das keine Bilder eindringen. Fast keine. Der deutsche Dokumentarfilmer Ulrich Gaulke, ("Havanna, mi amor") hat in Nordkorea gedreht für seinen Film "Comrades in Dreams", der im nächsten Jahr auf der Berlinale laufen soll. Seine Weltpremiere hatte der Film soeben auf dem Pusan-Festival in Südkorea. Davor wurde er - fast - in Nordkorea gezeigt. Ein Gespräch zwischen München und Seoul über Jubelkulissen, Dorfkinos und die Leidenschaft des Diktators für Godzilla.

SZ: Was dreht man als deutscher Filmemacher in Nordkorea?

Ulrich Gaulke: Mein Film handelt von vier Filmvorführern in Nordkorea, Indien, Burkina Faso und Amerika. Der nordkoreanische Part spielt in einem Dorf, eine halbe Autostunde von Pjöngjang entfernt, und erzählt von einer Frau, die ein Kulturhaus betreibt. Da geht das gesamte Dorf ins Kino, es gibt Singgruppen und Parteiversammlungen, es ist ein Treffpunkt: Daily life. Das haben wir gedreht, drei Wochen lang im August letzten Jahres. Schon dass wir so lange an einem Ort bleiben, hatte die Offiziellen sehr verwirrt. Irgendwann im Juni haben wir den Film der staatlichen Filmbehörde geschickt, und die haben gesagt: Das geht nicht. Überhaupt nicht.

SZ: Was ging nicht?

Gaulke: Das haben sie nicht gesagt, bis heute nicht, das ist ja das Problem. Unsere Vermutung war, dass die Geschichte über diese Frau zu privat ist, da bricht etwas auf, da erkennt man etwas. Das ist zum ersten Mal das Bild von einer realen Person, von Alltag. Es ist ein Held, der in ihrem Sinne nicht besteht, der nicht Held genug ist. Dabei hatten sie die Hauptdarstellerin selbst ausgesucht.

SZ: Ihr Film ist die erste deutsch-nordkoreanische Koproduktion. Wie bekommt man eine Drehgenehmigung im isoliertesten Land der Welt?

Gaulke: Wir haben im großen Stil gearbeitet, mit Kran, mit einem vernünftigen Team. Das Goethe-Institut in Seoul und dessen ehemaliger Leiter, Uwe Schmelter, haben mir den Weg geebnet. Es hat Jahre gedauert. Aber Doktor Schmelter ist so etwas wie ein Gott in Nordkorea.

SZ: Was sieht man als Ausländer überhaupt außer blitzblanken Jubelkulissen?

Gaulke: In drei Wochen kann man nicht alles inszenieren und kontrollieren. Eine Woche geht immer, aber danach bröckelt es, danach wird es einfacher für mich. Was ich von dieser Frau erzähle, ihrem Kino und ihrem häuslichen Umfeld, das ist Realität. Bei einem Familienessen haben etwa die Freunde darüber geredet, wie der eine den anderen verkuppelt hat. Man sucht ja die Frauen füreinander aus. Das ist eine lebendige Szene.

SZ: Welche Filme hat Ihre Heldin denn im Dorfkino gezeigt?

Gaulke: Da lief gerade ein großer Sommerhit: Zwei Elternpaare versuchen, ihre Kinder zu verkuppeln. Die eine Familie hat eine traditionelle Ausrichtung, die andere ist moderner. Am Ende wird die Familie, die sich von den Traditionen verabschiedet hat, belehrt. Der Großvater der staatstragenden Familie fängt in einem großen Plädoyer die verirrten Schäfchen wieder ein. Und die Kinder werden ein Paar. Dem Publikum hat das sehr gefallen, überhaupt kann man sich so ein Publikum nur wünschen. Wenn die ins Kino gehen und die Tür geht zu, dann lassen die die Sau raus, lachen, fiebern mit. Wirklich, in sich ist diese Gesellschaft stimmig. Auf uns wirkt sie natürlich vollkommen absurd: Wenn sie immer wieder über den Führer reden, dass alles auf ihn ausgerichtet ist. Es ist so selbstverständlich wie Kaffeetrinken. Es gibt ein privates Leben, und der Führerkult wird einfach mitgelebt.