Was also ist zu sehen? Ein Mann, der sich einsam fühlt. Der Momente des Zweifels hat. Ein Atatürk, der raucht. Drei Schachteln am Tag. Und trinkt. Eine Flasche Raki pro Nacht. Ein Mann, der seine Geliebte wegschickt, die sich daraufhin umbringt. Ein Atatürk, der in einem Brief schreibt: "Ich bin doch auch nur ein Mensch. Ich bin doch kein Heiliger." Alles Dinge, die längst bekannt sind und die in Hunderten Büchern stehen.

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Die so aber keinem türkischen Lehrer über die Lippen kommen und bislang in keinem türkischen Film zu sehen waren. Da half es Dündar auch nicht, dass seine Dokumentation natürlich eine Liebeserklärung ist, dass er seine Annäherung an den Menschen Atatürk dick einpackt in altbekannte Heroenlegenden und grandiosen Propagandakitsch. (Dündars Respekt vor Atatürk geht so weit, dass in den nachgespielten Szenen bis kurz vor Schluss nie Kopf und Gesicht des großen Führers zu sehen sind, fast so als gelte auch hier ein heiliges Bilderverbot.)

"Er war nie alleine"

Der Mobilfunkkonzern Turkcell zog schon während der Produktion zuvor zugesagte Sponsorengelder zurück. Atatürk einsam? "Er war nie alleine", protestierte die 75-jährige Ülkü Adatepe, überlebende Ziehtochter Atatürks: "Hinter ihm stand eine liebeserfüllte Nation." Atatürk ein Herzensbrecher? Ein Kolumnist der Hürriyet zeigte sich schockiert ob des Porträts als "skrupelloser, hedonistischer Schürzenjäger und Größenwahnsinniger". Atatürk der Raucher und Trinker? "Geistigen Mord an dem großen Vorbild unserer Jugend", beklagte die türkische Antiraucher-Vereinigung und erstattete Anzeige, allerdings nicht wegen Mordes, sondern wegen des "Gesetzes zur Kontrolle der Tabakprodukte" - "Mustafa" sei die "größte Raucherreklame in der türkischen Geschichte", der durch den Film angestoßene Werteverfall könne zum "Auseinanderbrechen der Türkei" führen. Dabei erwähnt der Film noch nicht einmal die Leberzirrhose, an der Atatürk am 10. November 1938, gerade mal 57-jährig, verstarb.

Oder die blutigen Massaker an aufständischen Kurden. Aber die Hüter der Altäre ertragen nicht einmal Szenen wie jene, in denen Atatürk einem Freund erklärt, seine Rede zur Gründung der Republik sei deshalb so kurz gewesen, "weil ich meine Zähne verloren hatte, da pfiff ich so". Götter pfeifen nun einmal nicht durchs lockere Gebiss.

Kein Sterblicher

Das sei das Problem mit den alten Ideologen, seufzt der Schriftsteller und Taraf-Chefredakteur Ahmet Altan: "Atatürk darf kein Sterblicher sein. Sie wollen einen Übermenschen. Einen Gott. Aber warum? Alle großen Führer waren Menschen. Menschen mit besonderen Talenten. Aber alle hatten sie ihre Schwächen. Und man liebt und respektiert sie trotzdem."

So sehr einen die Debatte an die Tabus erinnert, die so alt sind wie die Republik selbst, so sehr ist sie auch Beleg dafür, wie an ihnen gerüttelt wird. Das erschreckt die harten Kemalisten. Eine Million Menschen haben "Mustafa" schon gesehen, in der Istanbuler Shoppingmall "Istinye Park" läuft er in zwei Kinosälen gleichzeitig.

Ein Kolumnist schrieb dem Film eine Wirkung vergleichbar der Ersatzdroge Methadon zu: Langsam werde "die Nation von ihrer Sucht nach dem alten offiziellen Bild entwöhnt".

Allein fühlen brauchen sich die alten Kemalisten indes noch nicht. Im Vorprogramm zu "Mustafa" läuft ein Spot der Softdrinkfirma Fresa, die ihre Limonaden erstaunlicherweise mit einem Atatürk-Zitat ("Die Zukunft soll man denen überlassen, die an die Republik glauben") anpreist. "Fresa-Brause", erklärt auf Nachfrage die zuständige Werbedame, "ist eine Firma, die die Atatürk-Werte hoch schätzt." Gegen den Spot gibt es bislang keine Proteste.

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(SZ vom 14.11.2008/rus)