Film Putins Gefangenenchor

"Von Sängern und Mördern": Die neue Dokumentation des Münchner Regisseurs Stefan Eberlein

Von Constanze Radnoti

Russland, das ist immer Wladimir Putin. Die Russen haben die US-Wahl beeinflusst, weil Putin die USA destabilisieren will. Russland ist auf der Krim einmarschiert, weil Putin seine Macht ausbauen will. Russische Athleten dopen, weil Putin unbesiegbar sein will. Doch Russland jenseits seines Präsidenten, wie sieht das aus? Der Münchner Regisseur Stefan Eberlein wollte es wissen, das unbekannte Russland erkunden, das unpolitische. "Russland ist immer auf der Agenda", sagt er. "Aber wir schauen nur selten an Putin vorbei." Ob der Gesangswettbewerb, der im Zentrum von Eberleins neuer Dokumentation "Von Sängern und Mördern" steht, wirklich nichts mit Putin zu tun hat, darüber streiten Kritiker. Für sie ist er ein Propagandamittel der Regierung. Doch von vorne.

Im Jahr 2010 hört Stefan Eberlein im Radio zum ersten Mal von "Kalina Krasnaja", einem Gesangswettbewerb für russische Gefangene. Etwa 1000 Bewerbungen gehen jedes Jahr dafür ein, die besten 35 Sänger und Liedermacher dürfen schließlich bei einer großen Konzert-Gala auftreten. Eberlein berühren die Songs, doch ihn reizt noch etwas anderes: die russischen Gefängnisse. "Wir wissen eigentlich nichts darüber. Wir kennen nur die historischen Gulags." Er plant einen Film über den Wettbewerb, der ihn wie ein "Trojanisches Pferd" in die Gefängnisse bringen soll. Doch dann kommt Putin ins Spiel.

2014, als die Dreharbeiten gerade beginnen sollen, annektiert Russland die Krim. Das Verhältnis zu Deutschland verschlechtert sich schlagartig. "Deutschland und Russland waren auf politischer Ebene plötzlich Feinde", sagt Eberlein. "Und wir durften nicht mehr in die Gefängnisse." Eberlein verliert den Zugang zu seinen Protagonisten. Eigentlich wollte er die Gala-Teilnehmer in den vier Wochen vor ihrem Auftritt bei den gemeinsamen Proben begleiten. Doch nun dürfen nur noch zwei russische Team-Mitglieder für wenige Stunden Interviews führen. Also disponiert Eberlein um: Nicht mehr die Gefangenen stehen im Mittelpunkt seiner Doku, sondern Natalia Abashkina, die das ganze Jahr über durch das Land reist, um die Teilnehmer zu betreuen.

Abashkina erweist sich schnell als geeignete Protagonistin. Sie hat ihr Leben dem Wettbewerb verschrieben, den Gefangenen und ihrer Rehabilitation. Obwohl sie selbst Opfer eines Verbrechens war. Obwohl ihre Ehe daran zerbrach. Obwohl sie ihre Familie kaum noch sieht. Doch ihr Schicksal spiegelt das der Straftäter, und vielleicht kann sie gerade deshalb nicht anders. "Natalia hat ein Helfersyndrom", sagt Eberlein. Sie glaubt, durch den Wettbewerb können Diebe, Dealer und Mörder ihre Reue beteuern, um Vergebung bitten, zurück ins Leben finden. Und die Gefangenen selbst? "Für sie ist wichtig, dass sie kreativ sein und ihre Gefühle ausdrücken können", sagt Eberlein. "Das ist Sauerstoff in ihrem immer gleichen Alltag."

Stefan Eberlein, Jahrgang 1967, hat in München Kommunikationswissenschaft studiert, bevor er Filme drehte.

(Foto: Privat)

Kritiker des Wettbewerbs sehen das anders: Nicht ein Mittel zur Resozialisierung der Gefangenen, sondern zur Propaganda der Regierung. Der Film lässt offen, wie es wirklich ist. Natürlich machten nicht alle Strafanstalten bei dem Wettbewerb mit, sagt der Regisseur. Natürlich sei es möglich, dass andere Gefängnisse schmutziger seien, es anderen Gefangenen schlechter gehe. Am Ende solle jeder selbst entscheiden, wem er glaubt, sich sein eigenes Bild machen.

Von Sängern und Mördern, Film und Gespräch mit Stefan Eberlein, So., 24. Sep., 19 Uhr, Neues Maxim