Film Kerbe im Ohr

Wie aus Diskriminierung Selbsthass wird: In "Das Mädchen aus dem Norden" erzählt Amanda Kernell vom Rassenwahn in Schweden.

Von Kathleen Hildebrand

Elle Marja setzt das Messer an. Am flauschigen Ohr eines Rentierkälbchens zieht und säbelt sie, trennt die Spitze des Ohrs ab. Es fließt Blut, aber nicht viel. Das Rentier ist markiert als Teil von Njennas Herde. Elle Marja sagt zu ihrer kleinen Schwester: "Jetzt gehört er dir."

Ein paar Wochen später rufen ein paar Jungs den Schwestern auf dem Schulweg irgendetwas von "Evolution" hinterher und von "unterentwickelt". Elle Marja geht mit dem Rentier-Messer auf den Anführer los. Aber die Jungs sind stärker, und sie sind mehr - sie ringen Elle Marja nieder und schneiden ihr eine Kerbe ins Ohr, die sie noch als Greisin alle paar Minuten neu mit ihrem grauen Haar verdecken wird.

Die schwedische Regisseurin Amanda Kernell erzählt in ihrem Langfilmdebüt "Das Mädchen aus dem Norden" von einem Samenmädchen in den Dreißigerjahren - eine klassische Coming-of-age-Geschichte, aber aus einer Perspektive, die es so im Kino noch nicht gegeben hat. Sie erzählt von Unterdrückung. Aber auf eine Weise, die an der klaren Rollenverteilung von Täter und Opfer herumdreht wie an einem Zauberwürfel, bis sie überhaupt nicht mehr klar ist. Und man womöglich zum ersten Mal wirklich zu verstehen meint, wie komplex und ausweglos Diskriminierung ist, wenn sie einmal zum System geworden ist. Dass die Regisseurin selbst das Kind eines samischen Vaters und einer schwedischen Mutter ist, erklärt den sensiblen und realistischen Zugang zu ihrer Geschichte.

Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die skandinavische Urbevölkerung der Samen in Schweden diskriminiert, ihre Sprache war verboten. Viele verheimlichten ihren Kindern ihre Herkunft, um ihnen Nachteile in Schule und Beruf zu ersparen. Erst in den Sechzigerjahren änderte sich das. Heute haben die Samen unter anderem das Recht, in Schulen, Ämtern oder Krankenhäusern in ihrer Sprache betreut zu werden. Und als 2014 das Kulturhauptstadtjahr im nordschwedischen Umeå begann, strotzte die Eröffnungsfeier auf einem zugefrorenen See nur so vor Samenkunst. Doch der alte Rassismus ist nie ganz verschwunden. Viele neiden den Samen ihr Monopol auf die Rentierhaltung und ärgern sich über deren angebliche Sonderrechte.

Der Blitz einer Kamera führt Elle Marja die Verachtung der Schweden schlagartig vor Augen

Aber Elle Marja lebt nicht heute. Als die Ferien vorbei sind, muss sie mit ihrer Schwester zurück in ein spezielles Internat für Samenkinder. Es ist kein Zufall, dass es in einem Schweden-Haus untergebracht ist, dessen freundliche rote Farbe zugunsten eines sehr tristen Graus abgeblättert ist. So wie überhaupt nichts Zufall ist in diesem unfassbar genauen Film, der für jede Gefühlsschattierung ein Bild, eine Szene und genau die richtige Abstufung des Tageslichts findet.

In ihrer Schule lernen die Samenkinder, was die schwedische Obrigkeit sie lernen lässt: gottesfürchtige Lieder, möglichst akzentfreies Schwedisch und, das vor allem, die Einsicht in ihre eigene Minderwertigkeit. Weil Elle Marja besonders begabt ist, lernt sie all das schnell und gründlich. Sie glaubt aber, dass das mit der Minderwertigkeit auf sie nicht zutrifft. Ihre Aussprache ist doch so gut! Als das Sameninternat Besuch aus dem kultivierten Süden bekommt, darf sie ein Willkommensgedicht vortragen. Die Besucher loben ihr hübsches "Kostüm", das sie dann aber flugs ausziehen soll, weil der Grund des Besuchs eine rassenbiologische Vermessung der Samenkinder ist. Als Elle Marja sich widerwillig nackt fotografieren lässt, ist es, als schlüge mit dem überlauten Blitz der altmodischen Kamera die Erkenntnis über die Verachtung der "richtigen" Schweden erstmals ernsthaft bei ihr ein.

Was daraus resultiert, macht Kernells Film so besonders und relevant für alle Diskussionen über Integration, die gerade geführt werden: Sie lässt hinter dem Gesicht und den Bewegungen ihrer Hauptdarstellerin Lene Cecilia Sparrok zwar den erwartbaren Zorn der Gerechten losbrodeln. Aber der richtet sich eben nicht gegen ihre stupsnasige, sehr blonde junge Lehrerin, die den Kindern zackig auf die Hände haut, wenn die im Klassenzimmer ein Wort Samisch sprechen. Sondern gegen sich selbst. Elle Marja internalisiert den Hass auf ihr Volk und will Tracht und Rentierherde hinter sich lassen. Sie will nicht zu den Verachteten gehören, sondern Schwedin werden, und zwar eine richtige. In einer besonders blauen Mittsommernachtsdämmerung zieht sie sich das Kleid ihrer Lehrerin an und geht zum Tanzabend im nächsten Dorf. Vorher aber riecht sie an ihren Armen, immer wieder, um zu überprüfen, ob wahr ist, wie man ihr Volk nennt: stinkende Lappen. Die kleine Njenna spürt, dass der Selbsthass ihrer Schwester auch sie meint, ihre Familie, die Schulfreundinnen. Bald flechten die Mädchen einander ohne Elle Marja die Haare - und die reißt aus.

Der Auszug in die große Stadt ist in dem Genre, dem dieser Film angehört, gern die große, wenn auch mit Enttäuschungen verbundene Befreiung. Aber als Elle Marja an ihrem Sehnsuchtsort, der Universitätsstadt Uppsala, ankommt, ist man als Zuschauer schon längst so zerrissen, wie auch sie es immer bleiben wird: Soll man ihr wünschen, dass die Schweden sie annehmen? Oder dass sie umkehrt, ihre Herkunft akzeptiert und doch wieder Rentiere hütet? Elle Marja lacht glücklich, als sie mit der Hand über die akkurat beschnittenen Hecken im Barockpark nahe der Uni streicht. Angekommen ist sie da noch lange nicht.

Das Mädchen aus dem Norden S/DK/N, 2016. Buch und Regie: Amanda Kernell. Kamera: Sophia Olsson. Mit: Lene Cecilia Sparrok, Hanna Alström, Julius Fleischanderl. Verleih: Temperclayfilm, 110 Min.