Film In der Pranke des Monsters

Die Verfilmung des Jugendromans "Sieben Minuten nach Mitternacht" erzählt von Angst und Schrecken des Erwachsenwerdens.

Von Martina Knoben

Pflanzen gelten gemeinhin als harmlos, weshalb sie in Horrorfilmen kaum eine Rolle spielen. Den "Angriff der Killertomaten" konnte niemand so richtig ernst nehmen, und selbst die fleischfressende Audrey mit ihrem legendären "Feed me!" in "Der kleine Horrorladen" war mindestens so ulkig wie Angst einflößend.

In "Sieben Minuten nach Mitternacht" des spanischen Regisseurs Juan Antonio Bayona ist das anders, da wird ein Baum zu einem furchterregenden Monster. In großen Rissen bricht die Erde auf, als die mächtige Eibe, die einsam auf einem aufgelassenen Friedhof steht, eines Nachts ihre Wurzeln aus der Erde reißt und zum Haus des 13-jährigen Conor (Lewis MacDougall) stapft. Der Junge kann den Baum von seinem Fenster aus sehen. Er ist riesig, hat gigantische Arme und Beine und rot glühende Augen. Sein Schritt lässt die Erde beben, beiläufig knickt das Monster eine Straßenlaterne um. Mit einem Fußtritt durchbricht es die Mauer, die den Garten von Conor und seiner Mutter umgibt.

Nun steht es vor Conors Fenster und dröhnt, im Original mit der grollenden Stimme von Liam Neeson: "Ich komme, dich zu holen, Conor O'Malley." Und schon packt es ihn mit seiner knorrigen Wurzelhand. Spätestens jetzt fällt die Ähnlichkeit mit King Kong auf, der die weiße Frau ganz ähnlich in seiner Pranke gehalten hat. Ist das alles also nur ein Traum? Die überreizte Fantasie eines Jungen, der den falschen Film geguckt hat? Schließlich hatte Conor gerade den Monster-Klassiker "King Kong und die weiße Frau" aus dem Jahr 1933 zusammen mit seiner Mutter auf dem Sofa angesehen. Die beiden haben einen 16-Millimeter-Filmprojektor zuhause.

Der Junge muss dem denkbar größten Schrecken ins Auge sehen - das ist nicht das Monster

Ganz so einfach sind die Erklärungen in diesem abgründigen Märchenfilm glücklicherweise nicht. Was Traum ist und was Realität lässt sich nicht so leicht unterscheiden. Da fügt sich "Sieben Minuten nach Mitternacht" in die Reihe großartig-düsterer Fantasy-Dramen aus Spanien, wie sie in letzter Zeit entstanden, allen voran "Pans Labyrinth", 2006 von Guillermo del Toro, der mit den Mitteln des Märchenkinos von den Gräueln des Franco-Regimes erzählte.

Auch Conor muss dem denkbar größten Schrecken ins Auge sehen - und das ist nicht das Baummonster. Seine Mutter (Felicity Jones) ist schwer krank. In der Schule wird er gemobbt. Und weil die letzte Behandlung bei seiner Mutter nicht angeschlagen hat, soll er zu seiner strengen Großmutter ziehen. Sigourney Weaver spielt sie als schwer durchschaubare Spießerin. Es ist ihre erste Rolle als Film-Oma. Dass "Sieben Minuten nach Mitternacht" so einen nachhaltigen Eindruck macht - er wurde mit neun Goyas, den spanischen Filmpreisen, ausgezeichnet - liegt vor allem auch an den Darstellern. Neben den Erwachsenen ist das der junge, bislang unbekannte Lewis MacDougall, der Conor mit beeindruckender Vielschichtigkeit verkörpert. Dieser Junge ist viel zu selbständig für sein Alter; gleichzeitig wirkt er fragil, verstört und verängstigt, manchmal wird er zum hilflos wütenden Ungeheuer - wie der Baum. Es ist das Trauma des Erwachsenwerdens, von dem "Sieben Minuten nach Mitternacht" erzählt. Zum Heulen ist das. Er wolle wissen, was mit seiner Mutter passieren wird, faucht der verzweifelte Conor einmal das Baummonster an. "Weißt du das denn nicht längst?"

Immer wieder um dieselbe Zeit, sieben Minuten nach Mitternacht, besucht nun das Baummonster den Jungen, um ihm Geschichten "vom Leben" zu erzählen - Geschichten, die ihm helfen sollen. Nach der dritten Geschichte werde Conor ihm seine Geschichte, seinen Albtraum schildern, verlangt der Baum. Tue er es nicht, sei er verloren. Es folgen seltsame und für den Jungen zunächst unverständliche Erzählungen des Baummonsters: von einem Mörder-Prinzen, der sein Reich dennoch weise regiert, oder einem Priester, der der Liebe wegen von seinem Glauben abfällt und elendig umkommt. "Storys sind wilde Kreaturen", sagt der Baum. "Einmal in der Welt, können sie alles verwüsten."

Vorlage für den Film ist der preisgekrönten Jugendroman von Patrick Ness, der auch selbst das Drehbuch geschrieben hat. In Juan Antonio Bayonas Verfilmung werden die eingeschobenen Erzählungen des Baumes zu Zeichenkunstwerken. Sie sind wunderbar illustriert und animiert, mit Wasserfarben und Scherenschnitten. Eine Verbeugung vor der analogen Zeichenkunst sind auch die Szenen, in denen Conor selbst zeichnet und malt. In extremer Nahaufnahme zieht sein Bleistift Linien aufs Papier oder es zerfließt rote Farbe und wird zum glühenden Blick eines Monsters. Da sieht man, dass der Regisseur das Analoge schätzt. Auch das Baummonster ist nicht nur am Computer entworfen. Die riesige Pranke, der gigantische Fuß, an den Conor sich lehnt, sind Handwerksarbeit.

Der Film bricht die Realität, um den Seelenqualen eines Kindes Form und Ausdruck zu geben

Ein wirklicher Kinderfilm ist "Sieben Minuten nach Mitternacht" nicht, dafür ist er zu traurig und zu furchterregend. Die Mischung erinnert an den Erstling des Regisseurs, "Das Waisenhaus", 2008, der ebenfalls von Müttern und Söhnen erzählte, auch das ein tieftrauriger Gruseltrip. Mit "Sieben Minuten nach Mitternacht" gelingt ihm eine noch eindrucksvollere Mischung aus Horror, Fantasy-Spektakel und Coming-of-Age-Drama, deren auseinanderstrebende Elemente er bemerkenswert sicher unter einen Hut bringt. Dazu kommt ein labyrinthisches Erzählen, das die Realität immerzu bricht und spiegelt - das alles um den Seelenqualen und widersprüchlichen Gefühlen eines Kindes gerecht zu werden.

A Monster Calls, USA 2017 - Regie, J. A. Bayona. Buch und Romanvorlage: Patrick Ness. Kamera: Óscar Faura. Schnitt: Bernat Vilaplana, Jaume Martí. Mit: Lewis MacDougall, Felicity Jones, Sigourney Weaver, Liam Neeson, Toby Kebbell, Geraldine Chaplin. Studiocanal, 108 Minuten.